Das Genre der Dystopie – Warum hat das Genre für mich noch nie funktioniert?

Ich habe mich schon mehrfach und wiederholt an den klassischen Dystopien versucht. The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood, 1984 von George Orwell, Brave New World von Aldous Huxley, Fahrenheit 451 von Ray Bradbury und Lord of the Flies von William Goulding, wenn man letzteres denn als Dystopie bezeichnen möchte. Auch modernere Dystopien habe ich gelesen. Ganz vorne in seiner Bekanntheit steht natürlich die Hunger Games Trilogie von Suzanne Collins. Einige von diesen Büchern sind gute Geschichten, aber keine von ihnen hat mich wirklich nachhaltig begleitet (außer vielleicht Lord of the Flies, wenn auch aus einem vollkommen anderen Grund).

Doch von anderen Lesenden hörte ich Beschreibungen wie „erschreckend“, „verstörend“ und „bedrückende Zukunftsvision“ und das habe ich beim Lesen dieser Geschichten einfach nie gefühlt. Das möchte ich in diesem Artikel erforschen.

Was ist eine Dystopie?

Beginnen wir mit einer Definition. Laut Duden ist eine Dystopie eine „fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung o. Ä. mit negativem Ausgang“ (Quelle) Dabei ist auch noch wichtig, dass es sich generell um eine nicht wünschenswerte Zukunftsvision handelt. Oft werden neue Gesellschaftsordnungen präsentiert oder Probleme der heutigen Gesellschaft auf ihr logisches Extrem getrieben. Der Dystopie gegenüber steht die Utopie, die ein fiktionales und idealisiertes Bild der Zukunft präsentiert.
Dystopien gehören im weitesten Sinne zu dem Genre der Phantastik, auch wenn sie meistens danach streben, ein möglichst realistisches Bild einer Zukunft zu präsentieren. Sie lagern sich dabei eher auf der SciFi-Seite der Phantastik an als der Fantasy-Seite. Aber auch das ist nur eine Verallgemeinerung, bei der es sicher viele Ausnahmen gibt.

Was soll eine Dystopie bei den Lesenden auslösen?

Das ist offensichtlich keine Frage, die sich allgemein für alle Dystopien beantworten lässt. Wie in jedem Genre kann die Intention der Schreibenden sehr unterschiedlich sein und deswegen sehr unterschiedliche Dinge bei den Lesenden auslösen (sollen).
Es scheint drei Haupt“gefühle“ zu geben, die sich nicht unbedingt gegenseitig ausschließen:

1. Spiegel vorhalten

Weil Dystopien die negativen Aspekte einer Gesellschaft überspitzt bzw. auf ihrem logischen Extrem darstellt, ist eine Dystopie eine wunderbare Gelegenheit, der aktuellen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Was läuft falsch, welche Folgen hat das und wie sieht das Leben aus? Vielleicht sogar: Wieso läuft es so schlecht und wie kann es verbessert werden?

2. Warnung vor einer möglichen Zukunft

Als erweitertes Gefühl von dem „Spiegel vorhalten“ können Dystopien auch als Warnung verstanden werden. „Wenn sich nichts ändert, dann könnten wir hier enden.“ Eine erschreckende und vielleicht auch entmutigende Vorstellung.

3. Beruhigung, dass Handeln noch möglich ist

Auch wenn Dystopien erschreckende Zukunftsvisionen sein sollen, kann man aus diesem Schrecken auch etwas Positives ziehen. Denn die Darstellung einer schrecklichen Zukunft sagt uns auch: Es ist noch nicht zu spät. Was auch immer in der Geschichte passieren mag, lässt sich noch verhindern. Und das kann sehr beruhigend sein.

Was fühle ich bei Dystopien?

Beim Lesen einer Dystopie fühle ich eher wenig. Es ist schwierig, richtig in Worte zu fassen. Bei den Dystopien, die ich bisher gelesen habe, hat mich das große Bild/das Setting/die Dystopie an sich nie gereizt. Der Überwachungsstaat aus 1984 erschreckt mich nicht. Die Unterdrückung der Frauen in Handmaid’s Tale ist notwendig für die Geschichte und rational gesehen schrecklich, aber nicht aktiv beunruhigend für mich. Auf keine der oben beschriebenen Weisen.
Vielleicht sind die Zukunftsversionen zu extrem, als dass sie sich für mich real anfühlen. Oder vielleicht sind sie zu nah an meiner erlebten Realität. Vielleicht ist es auf eine sehr widersprüchliche Weise beides gleichzeitig.

Bei den Dystopien, die ich bisher gelesen habe, hatte ich eine fast klinische Faszination für das Setting, aber keine begleitende Emotion. Es ist eine sehr seltsame Art, eine Geschichte zu erfahren. Das Problem ist: Wenn ich beim Lesen einer Geschichte nichts fühle, ist das Erlebnis der Geschichte verwechselnd nah an Langeweile. Eine Dystopie zu lesen, ist für mich also meistens mehr eine kraftzehrende Aufgabe als ein schöner Zeitvertreib.

Also lassen mich Dystopien komplett kalt?

Nein, das auch nicht.
Die individuellen Schicksale in einer Dystopie erlebe ich wie in jeder anderen Geschichte auch. Sie können mich glücklich machen oder traurig oder was auch immer. Aber all das ist hinterlegt von einem Gefühl, dass ich Dystopien in ihrem Kern einfach nicht verstehe.

Vielleicht sagt das aber auch mehr über mich als über die Dystopien. Ich glaube, wenn ich es zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Ich verstehe Dystopien einfach nicht. Ein seltsames Gefühl, das für ein ganzes Genre festzuhalten.

Nachtrag: Die Erinnerung an Lord of the Flies

TW: sexuelle Gewalt, Erwähnung von Vergewaltigung, Tiertod

Ich habe in meinem einleitenden Absatz erwähnt, dass mich Lord of the Flies lange begleitet hat (und es immer noch tut) und das wollte ich für Interessierte kurz erklären. In dem Buch geht es um eine Gruppe britischer Schuljungen, die auf einer Insel stranden und dort überleben müssen. Zunächst versuchen sie Ordnung aufrecht zu erhalten, bis der Zusammenhalt zerbricht und Chaos und Gewalt Überhand gewinnt.
Ich habe dieses Buch in meinem Auslandsjahr in Amerika als Pflichtlektüre im Englisch-Unterricht gelesen. Natürlich mussten wir dabei viel analysieren. Schließlich kamen wir zu einer Szene in Kapitel 8, in der die Jungen ein wildes Schwein erlegen, aufspießen und dabei ausgiebig feiern. Unsere Lehrerin wollte wissen, wie wir diese Szene interpretieren, und führte uns nach und nach zu dem Thema sexuelle Gewalt. Wir sprachen lange darüber, wie eng Gewalt und Krieg mit sexueller Gewalt und Vergewaltigung zusammenhängen. Es war das erste Mal, dass ich diese Verbindung aktiv wahrgenommen habe und die Erkenntnis hat mich seitdem nicht wieder verlassen.

“Right up her ass!”
“Did you hear?”
“Did you hear what he said?”
“Right up her ass!”


Wie stehst du zu Dystopien? Wie fühlst du dich beim Lesen?

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