[Rezension] Die unendliche Geschichte von Michael Ende

In meiner Kindheit habe ich Die unendliche Geschichte von Michael Ende mehrmals gelesen und auch das Hörbuch gehörte für eine Weile zu meinen Lieblingen. Doch jetzt – an die zwei Jahrzehnte später – habe ich gemerkt, dass ich mich kaum an das Buch erinnere. Es gibt einen Schnipsel, der mir nachdrücklich im Gedächtnis geblieben ist und zu dem später mehr, aber von der Geschichte selbst weiß ich kaum noch etwas. Also habe ich mir Die unendliche Geschichte wieder gekauft und gelesen.

CN: Orientalismus, Benennung rassisticher Stereotype der indigenen Bevölkerung Nordamerikas
Diese Rezension enthält Spoiler.

Notiz zu Beginn

Die Entscheidung, Die unendliche Geschichte erneut zu lesen, war keine einfache für mich. Ich habe schon vielfach die Erfahrung gemacht, dass alte Kinderbücher, die ich als tolle Geschichten in Erinnerung hatte, sich als rassistisch, ableistisch, queerfeindlich und mehr herausgestellt haben. Da Die unendliche Geschichte aus dem Jahr 1979 ist, habe ich mich darauf eingestellt, dass ich hier eine ähnliche Erfahrung machen würde. Das verpasst der Vorfreude auf das Lesen natürlich einen Dämpfer. Dennoch finde ich es notwendig, mich mit meinen alten Lieblingsgeschichten auseinanderzusetzen und ihre Problematiken zu benennen bzw. aufzuzeigen und um herauszufinden, wo und wie ich istisch vorgeprägt wurde.

Worum geht es in Die unendliche Geschichte?

Die unendliche Geschichte ist grob in zwei Teile eingeteilt, die ich auch getrennt besprechen werde. Das liegt daran, dass die beiden Teile grundsätzlich unterschiedliche Themen behandeln und auch von unterschiedlichen Protagonisten geführt werden, auch wenn sich einige Figuren überschneiden.

Hier der Aufhänger der Gesamt-Geschichte: Bastian Balthasar Bux ist ein kleiner, dicklicher Junge, der von seinen Mitschülern gemobbt wird. Als er eines Tages vor ihnen in einen Buchladen flieht, fällt ihm ein Buch ins Auge: Die unendliche Geschichte. Einem Impuls folgend klaut er das Buch und rennt davon. Er versteckt sich auf dem Dachboden der Schule und beginnt zu lesen.

Teil 1: Bastian liest

Die Zeichnung einer Lichtung bei Nacht. Um ein Feuer versammelt sind ein Riese aus Stein, ein schwarzes raupenartiges Wesen, eine Fledermaus, ein kleiner Mann neben einer Schnecker, die er am Zügel hält und ein Irrlicht, das den Hintergrund erleuchtet.
Illustration von Sebastian Meschenmoser

In Teil 1 des Buches nimmt Bastian Balthasar Bux – obwohl er wohl eigentlich der Protagonist der Geschichte ist – eine eher kleine Hintergrundrolle ein. Stattdessen erlebt man den Inhalt des geklauten Buches: Man folgt der Hauptfigur Atréju, der in Phántasien lebt, das von der kindlichen Kaiserin regiert wird. Doch die kindliche Kaiserin ist krank. Ihre Krankheit führt dazu, dass Phántasien und seine Bewohner nach und nach in die Leere verschwinden und vergessen werden. Ganz Phántasien droht in der Leere unterzugehen und Atréju wird ausgesandt, um ein Heilmittel zu finden, das die kindliche Kaiserin – und somit ganz Phántasien – retten wird.

Mein Erinnerungsschnipsel: Ygramul, „die Viele“

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich am deutlichsten an Ygramul. Ygramul ist ein Wesen mit einem einzelnen Bewusstsein, das aus vielen wespenähnlichen Körpern besteht. Es nimmt eine antagonistische Rolle ein, ist schlau, manipulierend und brutal. Der Gedanke an Ygramul hat meinen Sinn der Phantastik nachhaltig geprägt und das merke ich heute noch. Ich kann gar nicht sagen warum, aber „die Viele“ ist etwas, das mich in meine Albträume verfolgt hat und mit der ich seitdem immer eine unglaubliche Faszination hatte.
Und das Spannendste? Sie kommt auf nur etwa fünf Seiten des 420-Seiten-Buches vor. Lustig, was Kindern so im Gedächtnis bleibt und wie ein so kleiner „Auftritt“ das Verständnis eines ganzen Genres prägen kann. Vielleicht schreibe ich dazu irgendwann mal einen Artikel.

Über Atréju

Atréju ist die Hauptfigur des ersten Teils und er und seine Kultur sind basiert auf deinem romantisierten Bild der indigenen Völker Amerikas, wie man sie aus den Büchern Karl Mays kennt. Atréju lebt im „gräsernen Meer“, jagt Purpurbüffel mit Pfeil und Bogen, reitet zu Pferd, wohnt in einem Zelt, ist „wild“ und dennoch von „edler“ Natur … und der Name seines Volkes ist „Grünhäute“, eine nur allzu offensichtliche Anspielung auf einen rassistischen Begriff, der benutzt wird/wurde, um die indigenen Völker Amerikas zu beschreiben. Insgesamt nicht schön zu lesen.

Fazit zu Teil 1

Der erste Teil von Die unendliche Geschichte ist eine – wenn man sie zunächst nur von ihrem Handlungsablauf betrachtet – sehr klassische und gut ausgeführte Abenteuergeschichte. Die Welt ist phantastisch (im wörtlichen Sinne) und hat eine faszinierende Art des Weltenbaus, die ich in einem anderen Artikel noch einmal näher beleuchten möchte. Ein schönes Kinderbuch, wenn da nicht die allzu beiläufig eingestreuten rassisstischen Stereotype wären.

Teil 2: Bastian in Phantásien

In Teil 2 ist nun wirklich Bastian der Protagonist: Er wird in das Buch gezogen, nachdem er den neuen Namen der kindlichen Kaiserin ruft: „Mondenkind“. Bastian kommt in einem neuen Phantásien an, das er nach seinen Wünschen und Vorstellungen formen kann, indem er Geschichten erfindet. Doch er merkt nicht, dass er für jede Geschichte einen Teil seiner Erinnerungen verliert und diese braucht er, um aus dem Buch herauszufinden.

Orientalismus

Bastian Balthasar Bux - in seiner Phantásien-Form, gekleidet in ein hellblaues Gewand und Turban - geht mit neugiereigem Gesichtsausdruck durch einen vollkommen überwachsenen Wald. Überall sprießen riesige Blumen und wunderliche Früchte. Die Bäume sind in unmögliche Formen gebogen. Alles scheint vor Leben zu sprühen.
Illustration von Sebastian Meschenmoser

Dieser Punkt ist so einfach und offensichtlich, dass ich mich sogar daran erinnere als Kind gestutzt zu haben, ohne wirklich zu wissen oder zu verstehen warum. Als Bastian in Phantásien ankommt, hat er sein altes Aussehen verloren. Er hat jetzt einen gestählten Körper, braune Haut, trägt Pluderhosen und Turban und wird – im Laufe des Buches – „Sultan“ genannt. Das allein ist schon eine fragwürdige Entscheidung, aber je weiter er sich von seinem „alten Ich“ entfernt, desto böser und grausamer wird er, bis seine Entscheidungen zum einem Krieg führen, der so blutig ist, wie man ihn in ganz Phantásien noch nie gesehen hat.
Und als Bastian dann wieder auf den rechten Weg kommt, bekommt er seinen weißen Körper zurück. Hmm. Kann man so machen, ist halt rassistisch.

Fazit zu Teil 2

Der zweite Teil der unendlichen Geschichte ist, erstmal allein von der Handlung, der deutlich schwächere Teil. Lange fehlt es an Konflikt und wenn der Konflikt dann kommt, ist er so heftig, dass er nicht richtig in die Geschichte passen will. Die Hauptfigur aus dem ersten Teil – Atréju – kommt kaum vor und auch dann nur um schlecht behandelt zu werden und diese Behandlung am Ende großmütig zu verzeihen. Das hinterlässt einfach einen schlechten Geschmack im Mund. Wenn man dann auch noch den oben benannten Orientalismus bedenkt, ist Teil 2 einfach unlesbar.

Mein Gesamtfazit zu Die unendliche Geschichte

Ist Die unendliche Geschichte auch als Erwachsene noch lesenswert? Ja und Nein. Das Buch war eine interessante Reise den Fluss der Nostalgie herunter, bei der ich zwischendurch gemerkt habe, dass ich mich doch noch an Vieles aus der Geschichte erinnert habe. Aber (und das ist ein sehr großes ABER) beide Teile der Geschichte sind überschattet von den rassistischen Bildern und stereotypischen Darstellungen verschiedener Kulturen. Es ist eine alte Geschichte, an die ich noch – weil ich sie in meiner Kindheit mochte – gute Erinnerungen habe, aber die ich nicht als (Kinder)Buch empfehlen möchte.

 


Hast du Die unendliche Geschichte gelesen? Wie lange ist es her? Wie sind deine Erinnerungen daran?

Teilen mit:

6 Replies to “[Rezension] Die unendliche Geschichte von Michael Ende”

  1. Josephina Mehrpfot says:

    Hallo Sina,
    Dein Bericht zum Reread nach Jahrzehnten fand ich einerseits äußerst interessant, aber…
    was mir einfach sauer aufstößt ist, dass heute einfach ALLES unter dem Brennglas von Diskriminierung etc. zerpflückt wird.
    Wieso kann Mensch nicht einfach eine Geschichte, die vor Jahrzehnten unter anderer allgemein gültigen Gesellschaftsanschauung geschrieben und veröffentlicht wird.
    Wieso ist es nicht möglich, dies genauso so zu sehen, als was es damals geschrieben wurde?
    Als eine Reise der Phantasie mit einem wunderschönen Leseabenteuer.
    Ja, es mag nicht mehr frm jetzt bevorzugten Miteinander der Menschen standhalten, aber es ist dennoch eine Form von Kulturgut, das auch für schützenswert anzusehen ist wie z.B. auch die Geschichten und Texte von Karl May, Goethe, Schiller und auch die Märchen der Gebrüder Grimm, Anderson, Bechstein und viele ursprünglich fremdsprachliche Verfassungen von z.B. Shakespeare, Tolstoi usw. usf. ,
    die sicher auch bei gesellschaftskritischer Betrachtung sehr diskriminierende Texte sind.

    Antworten
    1. Josephina Mehrpfot says:

      P.S.
      Dies ist KEIN Angriff auf Dich und Deine Ausführung.
      Es ist Deine Weltanschauung und Deine Meinung.
      Deine Rezension war für mich nur die Initialzündung, diese Entwicklung, die mir die letzten Monate leider viel zu oft begegnet ist, zu kommentieren.
      Ich bin prinzipiell ebenso gegen Diskriminierung in jeglicher Form, ABER warum schließt dies dann gleichzeitig aus, dass ich auf „alte“ Texte einfach mit dem Brillenglas der Toleranz für früher geltende Gesellschaftsregeln blicke?
      DAS ist für mich ein differenziertes und vor allem tolerantes Wahrnehmen.
      Mir fallen dazu auch spontan filmische Klassiker ein wie „Dirty Dancing“, „Titanic“, „Zurück in die Zukunft“, aber auch „König der Löwen“ etc. pp.
      Auch die zeigen im Endeffekt mit heutigem Blick diskriminierenden Inhalt, aber sie unterhielten damals und unterhalten heute auch einfach nur, wenn Mensch sich darauf einlässt.
      Kritische Betrachtung ist richtig, wichtig und gut, aber zu kritische Betrachtung solcher zur Unterhaltung geschaffenen Werke unter dem Sezierglas nimmt Mensch auch einfach nur die Leichtigkeit des Seins und den Spaß an eben genau dieser Form der Unterhaltung und Zerstreuung vom Alltag mit all seinen Sorgen.

      Antworten
      1. Sina Bennhardt says:

        Ich habe dieses P.S. erst gesehen, als ich meine Antwort auf deinen ursprünglichen kommentar bereits abgeschickt hatte, aber ich hoffe, meine ursprüngliche Antwort erklärt meinen Standpunkt dennoch ausreichend^^

        Antworten
    2. Sina Bennhardt says:

      Hallo Josephina,
      ich muss ehrlich sagen: Ich sehe keinen Widerspruch darin, Die unendliche Geschichte als ein phantastisches (wörtlich gemeint) Abenteuer und als eine Geschichte mit rassisstischen Elementen zu sehen. Das schließt sich ja nicht gegenseitig aus. Mir ist es wichtig, diese rassisstischen Elemente zu benennen, damit zum Einen die allgemeine Aufmerksamkeit dafür geschult wird, und zum Anderen, sich potentielle Lesende selbst überlegen können, ob sie dieses Buch lesen wollen oder nicht.

      Ich finde, einer Geschichte trotz offensichtlich rassisstischer Elemente das „Seal of Approval“ zu geben, nur weil es damals die allgemein gültige Gesellschaftsanschauung und als einfache Abenteuergeschichte gedacht war, falsch. Alte Geschichten müssen mit der Zeit neu bewertet und eingeordnet werden, denn unsere Gesellschaft entwickelt sich (zum Glück) weiter. Dass dann nostalgische Geschichten aus der eigenen Kindheit vielleicht nicht mehr so unproblematisch und „einfach“ sind, wie man sie einst wahrgenommen hat, ist etwas Wertvolles und Gutes. Das gilt auch für die anderen Autoren, die du benannt hast.
      Ich kann nachvollziehen, dass es sich zunächst so anfühlt als wäre dann ja die gesamte „alte“ Literatur rassisstisch oder in irgendeiner Weise istisch und damit (vielleicht) unlesbar. Aber das hält ja nicht davon ab, sie trotzdem zu konsumieren. Man muss sich nur der Ismen bewusst sein. Disney hat z.B. mittlerweile vor einige alte Filme den folgenden Disclaimer gesetzt:

      This program includes negative depictions and/or mistreatment of people or cultures. These stereotypes were wrong then and are wrong now. Rather than remove this content, we want to acknowledge its harmful impact, learn from it and spark conversation to create a more inclusive future together.

      Und ich finde, das ist eine gute Lösung. Es schafft Aufmerksamkeit für die problematischen Stereotype, die gezeigt werden, ohne die Geschichten unzugänglich zu machen. Denn sie von der Öffentlichkeit zu entfernen, würde bedeuten auch ihre Auswirkungen unsichtbar zu machen und das ist ebenfalls nicht der richtige Weg.

      Ich hoffe, mit der Erklärung stößt dir die Rezension weniger sauer auf und du kannst auch in anderen Besprechungen von Medien, den Wert darin erkennen, Diskriminierung aufzuzeigen.

      LG Sina
      (Edit für Rechtschreibfehler)

      Antworten
  2. Faehe says:

    Hallo,
    ich finde deine Rezension gut. Auch wenn ich nur die Filme gesehen habe, gefällt mir, dass du darüber reflektierst und das Buch nicht komplett abwertest.
    Was ich schade finde, ist, dass so viele diese rassistischen Andeutungen verharmlosen bzw. sich wünschen, man solle darüber hinwegsehen. Ich finde, das geht nicht. Es muss aufgearbeitet werden, um von diesen Denkweisen weg zu kommen. Ansonsten kommt die Gefahr, dass es doch wieder öfters in verschiedenen Medien auftaucht und Menschen aufgrund ihres kulturellen oder religiösen Hintergrund diskriminiert werden.
    Es wäre übrigens auch interessant, wenn du Harry Potter Mal so sezierst. Da sind auch so Sätze drin, wo drüber ich nur den Kopf schütteln kann.
    Liebe Grüße

    Antworten
    1. Sina Bennhardt says:

      Hey,
      freut mich, dass dir die Rezension gefallen hat 🙂

      Ich hatte mir auch schonmal überlegt, Harry Potter genauer zu betrachten, aber für den Moment denke ich nicht, dass das so bald passieren wird. Denn dafür müsste ich mir alle Bücher nochmal holen (da ist für mich nur second hand ne Option, denn neu kaufen will ich sie nicht) und auch nochmal lesen. Das ist mir ein bisschen viel^^“

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.