Asexuelle Menschen, Coming Out und Zukunftsangst [3/4]

Wenn es darum geht Asexualität zu verstehen, waren die letzten beiden Artikel (1 & 2) im Grunde der „Einsteigerkurs“. In diesem Artikel möchte ich mich mit den häufigsten (negativen) Reaktionen auf ein Coming Out beschäftigen. Zur Erinnerung: Die Wahrnehmung von Asexualität ist sehr subjektiv und kann sich von Person zu Person deutlich unterscheiden. Trotzdem gibt es einige Schlüsselwahrnehmungen, die relativ universell bei den meisten asexuellen Personen zu finden sind.

Hinweis: Da ich mich in diesem Artikel mit negativen Reaktionen auf ein Coming Out beschäftige, enthält dieser Artikel LGBTQ+ feindliche Gedanken/Formulierungen und Erwähnung von Vergewaltigung.

Ein asexuelles Coming Out aus Sicht der Gesellschaft

Asexualität ist eine sehr wechselhaft wahrgenommene Sexualität. Oft wird sie überhaupt nicht wahrgenommen und wenn doch – meist durch ein aktives Coming Out -, dann können die Reaktionen vielfältig sein. Die unangenehmen Reaktionen fallen meist in eine von fünf Kategorien, die ich hier näher beschreiben werde. (Und auch wenn ich die Reaktionen hier sauber voneinander trenne, treten sie gerne geschüttelt und gut gerührt auf.)

0. Passing

Asexuelle Menschen sind grundsätzlich unsichtbar. Wenn sie Single sind, passen sie in das heteronormative Weltbild und in einer Beziehung wird nicht in Frage gestellt, dass sie „normal“ sind – also sexuelle Anziehung empfinden. Es gibt für Außenstehende keinen Grund etwas anderes anzunehmen. Um also als asexuell wahrgenommen zu werden, muss sich die asexuelle Person meistens aktiv outen.

1. „Nein, du bist nicht asexuell.“

Ein Coming Out wird dann oft abgetan oder nicht geglaubt. „Aber du hattest doch schon einen Partner, da kannst du nicht asexuell sein.“ „Das ist nur eine Phase.“ „Du bist nur ein Spätzünder.“ „Du bist noch zu jung, um das zu wissen.“ „Du hast einfach noch nicht die richtige Person gefunden. Das wird schon noch, keine Sorge.“
Oder schlimmer noch „Das könnte ich dir schon Austreiben.“ oder „Du hattest halt noch keinen richtigen Mann.“ und ähnliche widerliche Kommentare.

Außerdem: „Jeder Mensch hat einen Forpflanzungstrieb. Du bist unnatürlich.“

Weil sexuelle Anziehung ein so tief verwurzelter Bestandteil im Leben der meisten Menschen ist, ist es am Einfachsten asexuellen Menschen einfach nicht zu glauben und es ist wahrscheinlich die häufigste negative Reaktion auf ein Coming out.

2. Mitgefühl

Wenn dem Coming Out geglaubt wird, dann geschieht das oft mit Mitleidsbekundungen. „Das ist aber schade für dich.“ „Das tut mir Leid für dich.“ „Es ist so traurig, dass du nie einen Partner finden wirst.“
Aber: Asexuelle Menschen fühlen sich nicht dadurch eingeschränkt, dass sie asexuell sind. Es sind die Annahmen anderer Menschen, die eine Frustration mit der eigenen Sexualität wecken können.

3. Infantalisierung

Das Gute an Asexualität – im Vergleich zu im Grunde allen anderen Sexualitäten – ist, dass sie nicht fetischisiert ist.

(Auch wenn an dieser Stelle sehr fraglich ist, wie „gut“ es tatsächlich ist, dass eine Nicht-Fetischisierung als etwas herausragend Positives betrachtet werden muss.)

Allerdings wird Asexualität stattdessen gerne vollkommen desexualisiert und oft auch infantalisierend dargestellt. Asexuelle Personen gelten als kindlich oder kindisch und werden schnell – besonders bei sexuellen Themen – von oben herab behandelt.
Anstatt zu fragen, ob und in welchem Ausmaß die asexuelle Person an Gesprächen über Sexualität teilnehmen möchte, wird sie von vorherein ausgeschlossen. Eine Wahl hat sie dabei nicht.

4. Invasive Fragen

„Hattest du denn schonmal Sex?“ „Wie oft?“ „Mit wie vielen Menschen?“ „Masturbierst du?“ „Also hattest du noch nie einen Orgasmus?“ „Wenn du schonmal einen richtigen Orgasmus gehabt hättest, würdest du nicht behaupten asexuell zu sein.“ „Also hast du noch nie jemanden geliebt?“ „Du wurdest bestimmt als Kind traumatisiert.“
Der Gedanke, dass ein Mensch ein Verlangen nach Verbindung hat, aber diese Verbindung nicht sexuell ausdrücken möchte, kommt den Fragenden meist nicht.

5. Zukunftspanik

„Hast du dir das auch gut überlegt?“ „Wenn du dir jetzt keinen Partner suchst, ist es irgendwann zu spät.“ „Aber was ist denn mit deiner Zukunft?“ „Willst du nie einen Partner haben?“ „Wenn du alt und allein bist, dann wirst du deine Entscheidung bereuen!“

Das Traurige ist, dass einige asexuelle Personen tatsächlich Sorgen um ihre Zukunft haben, wenn es um anhaltende Beziehungen geht. Diese müssen sie aber zwecks Verteidigung ihrer Sexualität oft herunterspielen, denn bei Fragen wie oben „Schwäche“ zu zeigen und zuzugeben, dass man tatsächlich Angst hat, führt oft zu gut gemeinten aber völlig unhilfreichen und grausamen Ratschlägen. („Dann hab doch einfach Sex. Das ist ja nur eine halbe Stunde oder Stunde am Tag. Wenn du Glück hast nur zweimal die Woche.“)

Asexuell sein und die Angst vor der Zukunft

Die Sorge um zukünftige Beziehungen wird nicht von allen asexuellen Menschen geteilt. Für die folgenden Absätze schreibe ich wieder stark aus meiner eigenen Wahrnehmung.

Das Happy End

Es gibt so viele Geschichten und Filme von erfolgreichen Menschen. Sie haben tolle Freunde, eine unterstützende Familie, einen erfüllenden Beruf und alle Sicherheit, die sie sich wünschen können. Nur um dann im Laufe der Geschichte zu lernen, dass sie nicht glücklich sind und das, was sie „ganz“ machen wird, eine (sexuelle und romantische) Beziehung ist.
Es wird einem tagein tagaus vermittelt, dass jeder Mensch, der keine dauerhafte (sexuelle) Beziehung hat, im Geheimen unglücklich ist und es für immer bleiben wird. Und dann festzustellen, dass man selbst – aus dem einen oder anderen Grund – diesen einen Weg nicht beschreiten kann oder möchte, ist auf eine sehr subtile und leise Art traumatisierend.

Einem wird außerdem vermittelt, dass eine Beziehung mit einem allosexuellen Menschen, niemals erfüllend sein kann – vor allem nicht für den allosexuellen Menschen. Außer man zwingt sich selbst in möglicherweise ungewollte Situationen (Sex und anderweitig romantische Gesten), um den eigenen „Defekt“ aufzuwiegen. Und ist wenig Sex nicht das universelle Zeichen einer scheiternden Beziehung?

Wie sieht das Leben also aus?

Selbst Menschen, die einem versichern, dass sie die Asexualität akzeptieren und behaupten einen zu verstehen, fragen früher oder später, ob man nicht doch irgendeine Form von (sexueller) Anziehung empfindet, weil sie es sich einfach nicht vorstellen können, ohne zu existieren.
Und dann wird man älter und Freunde, Bekannte und Familie finden Partner und gründen eigene Familien und andere Beziehungen verlieren auf einmal an Relevanz. Oft sind wir – asexuelle Menschen – dann alleine und wissen nicht wo unser Leben hinführen soll, weil es keine Geschichten, keine Anleitung gibt, die uns sagt, wo wir als nächstes hinmüssen, um ein erfülltes Leben zu haben.

Asexuell zu sein beeinflusst unsere Möglichkeiten, Beziehungen zu finden, deutlich. Und auch wenn wir eine asexuellen-freundliche Beziehung finden, dann ist da doch dieser Gedanke, dass wir in diesem Leben nur ein Trostpreis sind und wir früher oder später von jemand Besserem abgelöst werden.

Unteilbare Gedanken

Diese Zukunftsangst zuzugeben, validiert die oben genannten Fragen in gewisser Weise, und macht es damit umso schwieriger, sie zu teilen. Denn es passiert zu oft, dass man seine Asexualität verteidigen muss. Eine „Schwäche“ in der „Argumentation“ gibt Zweiflern nur allzu leicht eine Einladung, die Sexualität in Frage zu stellen.

Es ist übrigens nicht hilfreich, einer asexuellen Person in dieser Situation der Zukunftsangst zuzusichern, dass sie schon jemanden finden wird. Auch wenn dieser Instinkt nett gemeint ist, wird auch hier wieder vermittelt, dass alles gut wird, solange man in einer Beziehung landet. Es schenkt der Angst der Einsamkeit und dem Gefühl des Nicht-Zugehörens keine Beachtung.

 


Dieser Artikel stellt nur einen Bruchteil des Erlebens von Asexualität dar. Deswegen möchte ich mich im nächsten Artikel damit beschäftigen, wie erfüllend Asexualität sein kann.

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