Das asexuelle Spektrum verstehen – Asexuelle Figuren schreiben [2/4]

Im letzten Artikel habe ich von meiner eigenen Erfahrung mit Asexualität berichtet und wie ich letztendlich bei dem label asexuell für mich angekommen bin. Aber wie kannst du Asexualität in deinen Geschichten darstellen? Wie sieht das asexuelle Spektrum überhaupt aus? Was sind spezifische asexuelle Erfahrungen und Gedanken, die man als nicht-asexuelle Person leicht übersehen kann? Gibt es No-Gos?

CN: Erwähnung von Sex

Die Darstellung von Sex und Sexualität in Geschichten

(aus der Sicht einer asexuellen Person)

Sex und Sexualität in Geschichten sind – und hier rede ich wieder speziell von meiner Wahrnehmung – verwirrend. Nicht, weil ich nicht verstehe, was passiert. Ich habe ein kognitives Verständnis davon wie sexuelle Anziehung funktioniert wie sie und Menschen zu (irrationalen) Entscheidungen führen kann. Aber jede Entscheidung in einem Buch, die wegen sexueller Anziehung getroffen wird, ist für mich frustrierend, weil ich sie nicht nachvollziehen kann. Bücher mit romantischen Aspekten – oder expliziter noch, mit Erotischen – sind deswegen für mich oft ein sehr unerfüllendes Leseerlebnis. Übrigens auch frustrierend: (Gefühlt) alle Geschichten haben sexuelle Beziehungen bzw. Sex in ihrem Kern. Damit kann ich einfach wenig anfangen.

Lustigerweise dachte ich für eine sehr lange Zeit, dass Romantik wie sie in Büchern und Filmen dargestellt wird, eine Erfindung von Geschichten ist und jeder einfach darüber hinwegsieht, weil es einfach zu Geschichten gehört. Genauso wie man in der Phantastik akzeptiert, dass es Drachen gibt.
Um es einfach zu sagen: Sex und Sexualität in Geschichten finde ich zwar nicht per se schlimm, sie fühlen sich für mich nur immer unintuitiv an. (Weshalb ich auch große Probleme habe, sie selber zu schreiben, aber das ist ein ganz anderes Thema.)

Das asexuelle Spektrum verstehen

Hier ist der wichtigste Gedanke, der mich in dem Verständnis meiner eigenen Asexualität vorangetrieben hat:

Asexualität ist schwierig zu greifen, weil sie als einzige Sexualität darüber definiert wird, was sie nicht ist.

Nämlich über das Nicht-Empfinden von sexueller Anziehung. Aber einen Sachverhalt durch etwas zu beschreiben, was es nicht ist, ist wahnsinnig schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Oft tanzt man mit der Frage: Was ist Asexualität eigentlich genau? Und wie umgehe ich eine Umschreibung, die nur aus Ausschlüssen besteht?
Aus genau diesem Grund identifizieren sich viele asexuelle Personen mit zwei weiteren Aspekten, die ihre Asexualität positiv (im Sinne von: ohne Verneinung) definieren: Die Art der gefühlten Anziehung und die Haltung gegenüber Sex.

1. Art der gefühlten Anziehung

Es gibt viele verschiedene Formen der Anziehung, die man zu einem anderen Menschen fühlen kann. (Die folgende Liste ist offensichtlich nicht vollständig oder besonders spezifisch. Es soll hier nur ein kurzer Einblick geschaffen werden.)

Sexuelle Anziehung

Sexuelle Anziehung ist oft am einfachsten zu verstehen. Allerdings ist die Erfahrung von sexueller Anziehung ein Spektrum und nicht eine einfache Ja-Nein-Frage. An einem Ende des Spektrums stehen allosexuelle Menschen – also Menschen die sexuelle Anziehung empfinden. An dem anderen Ende stehen asexuelle* Menschen, die gar keine sexuelle Anziehung empfinden. Dazwischen gibt es z.B. demisexuelle und greysexuelle Menschen.

*Eine kleine Notiz am Rande: „Asexuell“ ist gleichzeitig eine spezifische Sexualität und ein Überbegriff für alle Menschen auf dem asexuellen Spektrum. In diesem Fall ist die spezifische Sexualität gemeint. (Auf diese Ungenauigkeiten und fehlenden Begriffe in der deutschen Sprache, gehe ich später in diesem Artikel ein.)

Romantische Anziehung

Dann gibt es die romantische Anziehung. Romantische Anziehung ist die emotionale Anziehung bzw. der Wunsch nach romantischer Interaktion, die/den man für andere Menschen verspürt. Häufig stimmt sie oft mit ihrer sexueller Anziehung überein, zum Beispiel verspüren heterosexuelle Menschen oft auch heteroromantische Gefühle. Aber gerade für Menschen auf dem asexuellen Spektrum, kann es wichtig sein, sich hier zu definieren. Denn auch wenn man keine sexuelle Anziehung verspürt, ist es möglich, dass man eine Form von romantischer Anziehung verspüren kann, egal ob hetero-, bi-, pan-, homo-, aromantisch oder anderes.

Andere Formen der Anziehung

Jenseits von romantischer und sexueller Anziehung gibt es z.B. die ästethische Anziehung. Sie ist die künstlerische Würdigung der Schönheit eines Menschen. Dieselbe Art von Anziehung oder Faszination, die man bei einem Gemälde verspüren kann. Oder platonische Anziehung, also der Wunsch mit jemandem platonisch zusammen zu sein.
Es gibt einfach unglaublich viele Formen der Anziehung, die asexuelle Menschen verspüren und über die sie sich positiv (wieder im Sinne von: ohne Verneinung) identifizieren können. Nicht jede davon muss explizit benannt werden, aber es ist wichtig verschiedene Arten von Anziehung als schreibende Person zu kennen, um asexuelle Personen vielfältig und unterschiedlich darstellen zu können.

2. Die Haltung gegenüber Sex

Dann beschreiben viele asexuelle Menschen auch noch ihre Haltung gegenüber Sex. Auch hier ist es wieder keine einfache Ja-Nein-Frage, sondern ein Spektrum. Allerdings ist es oft ausreichend, die folgenden vier Begriffe gehört zu haben: sex-favorable, sex-indifferent, sex averse und sex repulsed.

Direkt am Anfang möchte ich eine wichtige Unterscheidung treffen. Die meisten Diskussionen über sexuelle Anziehung habe ich auf Englisch gelesen/geführt und dort wird deutlich zwischen zwei Standpunkten unterschieden:

  1. Die Sicht auf Sex allgemein
    Übersetzt: Wie sollen/dürfen sich andere Menschen aus meiner Sicht sexuell ausleben?
    Verwendete Begriffe:

    • sex-positive = Jeder (erwachsene) Mensch soll/darf seine Sexualität (mit entsprechendem Consent der beteiligten Personen!) ausleben wie er*sie will.
    • sex-neutral = Ich interessiere mich nicht dafür, wie andere Menschen ihre Sexualität ausleben.
    • sex-negative = Sex ist nur für die Fortpflanzung und zwischen verheirateten Menschen positiv zu bewerten.
  2. Die Sicht auf Sex im Bezug auf sich selbst
    Übersetzt: Wie erlebe ich selbst sexuelle Handlungen, an denen ich beteiligt bin?
    Verwendete Begriffe: sex-favorable, sex-indifferent, sex-averse, sex-repulsed

Diese Unterscheidung gibt es – soweit ich weiß – im Deutschen sprachlich (noch) nicht. Das heißt sowohl für sex-positive als auch für sex-favorable wird das Wort „sexpositiv“ verwendet. Genauso beschreibt das Wort „sexneutral“ die englischen Worte sex-neutral und sex-indifferent. Und sexnegativ beschreibt gleich drei Wörter nämlich sex-negative, sex-averse und sex-repulsed. Das machte eine präzise Ausdrucksweise und Erklärung im Deutschen offensichtlich schwierig, weshalb ich die englischen Begriffe benutzen werde.
Was genau bedeutet jetzt aber sex-favorable, sex-indifferent, sex-averse und sex-repulsed?

sex favorable

Ein asexueller Mensch kann sex-favorable sein. Das bedeutet, dass er – auch wenn er keine sexuelle Anziehung verspürt – nichts gegen die Erfahrung und das Erleben von Sex hat. Der Sex kann gefallen und sich gut anfühlen, genau wie bei jedem allosexuellen Menschen auch.

sex indifferent

Ein asexueller Mensch kann sex indifferent sein. Das bedeutet, dass er weder positiv noch negativ über Sex denkt. Es ist für ihn (meist) in Ordnung Sex zu haben, allerdings geschieht das eher für die Partnerperson als für den asexuellen Menschen selbst. Für einen sex indifferent Menschen ist meist eine vorher etablierte Beziehung nötig, um Sex zu haben, denn ohne diese (oft romantische) Beziehung fehlt der Anlass etwas zu tun, was einem eigentlich egal ist.

sex averse und sex repulsed

Ein asexueller Mensch kann sex averse sein. Das bedeutet, dass er eine negative Einstellung gegenüber Sex hat. Allein der Gedanke an Sex ist ist unangenehm.
Oder ein asexueller Mensch kann sich von Sex abgestoßen fühlen (engl. „sex repulsed„). Das bedeutet, dass der Gedanke an Sex als ekelig oder abstoßend empfunden wird. Oft wird fälschlicherweise angenommen (und in Geschichten dargestellt), dass alle asexuellen Menschen auch sex repulsed sind, aber das ist falsch.

Sex-favorable, sex-indifferent, sex averse und sex repulsed sind die vier Ecksteine der Wahrnehmung von Sex, aber ein asexueller Mensch muss sich nicht vollständig einem dieser Beschreibungen zugeschrieben fühlen. Es ist ein Spektrum und sollte auch als solches dargestellt werden.

Eine asexuelle Figur schreiben

Asexualität ist äußerlich eine verwirrende Sexualität, weil sie so viele verschiedene Menschen einschließt. Ein asexueller heteroromantischer und sexpositiver Mensch fragt sich vielleicht nie, ob er*sie asexuell ist, weil das eigene Verhalten so perfekt auf den heteronormativen Standard passt. Gleichzeitig kann eine andere asexuelle Person mit anderer Anziehung und Haltung gegenüber Sex sich seit ihrer Kindheit „anders“ fühlen. Trotzdem sind beide asexuell (= Überbegriff).
Es gibt einfach nicht „die eine definitive Form“ von Asexualität. Und das macht es Schreibenden noch einmal ungemein schwieriger, weil man Asexualität mit einer einzelnen Figur nie gerecht werden kann. Hier gilt für deine Geschichten: Besser eine spezifische Erfahrung von Asexualität schreiben als zu versuchen, alles auf dem asexuellen Spektrum mit nur einer Person abzudecken.

Noch ein paar gern gemachte Fehler im Schnelldurchlauf

  1. Asexualität bedeutet nicht, dass man keine Ahnung von Sex oder sexueller Anziehung hat. In meiner Erfahrung ist es das Gegenteil. Man wird in seinem Alltag so viel und so überwältigend mit Sexualität konfrontiert, dass man als Ace keine Wahl hat, als sich damit auszukennen. Dieses Auskennen ist nicht unbedingt intuitiv – immerhin ist es angelernt und keine innere Empfindung – aber es ist da.
  2. Asexualität ist nicht das gleiche wie Enthaltsamkeit. Für Enthaltsamkeit kann man sich entscheiden.
  3. Asexualität ist nicht die Angst vor Intimität. Auch wenn zum Beispiel die Ablehnung von Sex äußerlich wie eine Angst vor Intimität aussehen kann, darf man diese beiden nicht verwechseln.
  4. Asexualität ist nicht prüde.
  5. Asexuelle Menschen können Lust auf Sex haben.
  6. Asexuelle Menschen können in Beziehungen sein. Auch in Beziehungen mit allosexuellen Menschen.
  7. Asexualität entspringt nicht aus einem Trauma.
  8. Viele asexuelle Menschen brauchen lange (als subjektive Einheit), um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass sie asexuell sind und selbst dann kann es schwierig sein, sich auf dem Spektrum der Asexualität einzuordnen. Und es ist auch in Ordnung, wenn sich die Selbstbezeichnung mit der Zeit verändert.

Die beste Art mehr über Asexualität zu lernen ist, den Erfahrungen von asexuellen Personen zuzuhören. Durch möglichst viele verschiedene Perspektiven wirst du besser herausfinden, wie sich Asexualität anfühlt, als es ein einzelner erklärender Artikel je könnte. Deswegen: Stelle deine eigene Recherche an, unterhalte dich mit asexuellen Menschen und höre zu. Es wird deine Geschichten nur bereichern!

 


Hast du schonmal eine asexuelle Figur geschrieben? Oder kannst du dir vorstellen in der Zukunft eine zu schreiben?

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