Wie sich Situation und Ort auf den Kampf auswirken – Nuancierte Kampfszenen (4/5)

Ich habe jetzt schon viel über nuancierte Gewaltszenen geschrieben (hier geht es zum Anfang der Reihe), doch bisher fanden meine beschriebenen Kämpfe und Strategien in einem leeren/unbeschriebenen Setting statt. Aber wo sich deine Figuren befinden ist mindestens genauso wichtig, wie wer überhaupt beteiligt ist. Denn der Ort kann den Kampf ebensoviel verändern, wie die Fähigkeiten der beteiligten Personen.

CN: Beschreibung von Gewaltsituationen ohne Details

Wie wählst du den passenden Ort?

Denke zuerst darüber nach, ob die Gewaltsituation von den Beteiligten geplant war oder aus der Situation heraus entstanden ist. Bei letzteren gibt es zu dem Ort nicht viel zu entscheiden, denn du weißt hoffentlich schon vorher in welchem Setting deine Szene stattfindet. Hier ist es eher interessant zu überlegen, wie sich das entschiedene Setting auf den Gewaltsituation auswirkt. Können die Figuren weglaufen? Können sie in Deckung gehen oder sich sogar verstecken? Gibt es Gefahren durch das Setting wie schwierig zu navigierenden Boden (dazu zählen z.B. auch Treppen oder Matsch), Objekte, an denen man sich verletzen kann oder andere Einschränkungen? Es lohnt sich, das Setting genau zu analysieren und sich zu überlegen, wie unterschiedliche Figuren damit interagieren würden.

Ist die Gewaltsituation von den Beteiligten geplant (egal ob einseitig oder beidseitig), bietet das Setting die Gelegenheit die Figuren tiefergehend zu charakterisieren.

  • Welches Setting bietet den Figuren den größtmöglichen Vorteil? Welches würde ihnen Schwierigkeiten bereiten? (Bedenke allgemeine Kampfstrategie, benutzte Waffen, Anzahl der Beteiligten, Erfahrung, etc.)
  • Welchen Fehler können/würden/werden die Figuren bei der Wahl des Ortes machen? Warum?
  • Wie viel Vorbereitungszeit haben die Figuren? Haben sie Zeit Fallen zu stellen?
  • Wenn mehrere Figuren beiteiligt sind: Wer setzt sich bei der Wahl des Ortes durch und warum?

Im Kampf die Umgebung benutzen

Wie einfach oder realistisch ist es, in einem Kampf die Umgebung zu benutzen? Das lässt sich nicht für jede Figur beantworten, aber es gibt einige Faktoren, die das Nutzen der Umgebung begünstigen.

Zu allererst solltest du die Planungszeit bedenken, die deine Figuren haben. Wenn sie einen Kampf erwarten und die Zeit haben, sich an dem Ort umzusehen, können mögliche Gefahren oder hilfreiche Objekte identifiziert und vielleicht sogar vorbereitet werden. Aber auch im Kampf selbst kann es zum Beispiel in einem defensiven oder „lauernden“ Kampfstil möglich sein, sich einen groben Überblick über die Umgebung zu verschaffen.
Will man sich während eines Kampfes orientieren, dann entscheidet oft die Kampferfahrung über den Erfolg des Versuchs. Schafft man es den richtigen Zeitpunkt zum kurzen Umsehen abzupassen und die Informationen dann richtig einzuschätzen? Ein erfahrener Kämpfer hat definitiv bessere Karten als ein unerfahrener, Stichwort: Tunnelblick.
Außerdem kann die Distanz zum Gegner relevant sein: Arbeiten deine Figuren mit Distanzwaffen wie z.B. Schleudern, Armbrust oder Gewehren, dann ist es Recht intuitiv, die Umgebung zu nutzen um z.B. den Sichtkontakt zum Gegner zu unterbrechen. Ist man näher aneinander, wird es schwieriger, weil der Gegner die Möglichkeit hat, in den Versuch die Umgebung zu nutzen einzugreifen.

Der berühmte Tunnelblick

Der Tunnelblick klingt genau, wie er sich anfühlt. Man kann sich nur auf das konzentrieren, was direkt vor einem liegt, alles andere wird ausgeblendet oder gar nicht erst wahrgenommen. Der Tunnelblick kann grundsätzlich bei Stress und/oder Angst auftauchen und in einer Gewaltsituation sind Stress und/oder Angst meist im Überfluss vorhanden.

Aber es ist nicht nur das äußere Blickfeld, das ausgeblendet wird. Auch die allgemeine Aufnahme und Verarbeitung von Informationen ist deutlich erschwert. Im Tunnelblick wird jede Bewegung in die eigene Richtung als Gefahr gedeutet, ohne zu analysieren, wer oder was sich einem nähert. So ist es sehr realistisch, dass man im Eifer des Gefechts Freunde angreift und das erst nach den ersten ein-zwei Schlägen bemerkt. Informationen brauchen einfach relativ lange, bis sie verarbeitet sind.
Auch wenn man sich im Tunnelblick zur Flucht dreht, stößt man auf dasselbe Problem: Es passiert häufiger als man denkt, dass Fliehende direkt in eine Wand laufen oder eine Treppe hinunterfallen. Das klingt sehr nach slapstick, ist aber sehr real.

Wie man das in eigenen Geschichten und Szenen darstellen möchte, ist eine andere Frage. Möchte man (ungewollten) Humor in die Szene bringen, indem eine Figur in eine Wand rennt? Würden die Leser*innen das nicht als unrealistisch einschätzen? Egal, wie man sich entscheidet, es ist eine Gratwanderung.

Ein Exkurs: Die Illusion der Sicherheit der Öffentlichkeit

CN für den nächsten Absatz: Beschreibung einer Gewaltsituation und (Nicht)Reaktion der Umstehenden

Ich weiß nicht mehr genau wie alt ich war – vielleicht war ich in der sechsten oder siebten Klasse? – da war ich mit meiner Mutter in der Stadt zum Bummeln. Wir liefen an den Straßenbahnhaltestellen vorbei, da bemerkte ich einen Aufruhr. Zwei Männer jagten einen dritten über die Straße und begannen, ihn zu verprügeln. Die nächsten Umstehenden waren vielleicht zehn Meter von ihnen entfernt. Sie sahen was passiert ist und wandten die Blicke ab. Sie bewegten sich nicht vom Fleck, wie Statuen standen sie da, den Kopf in eine andere Richtung gewandt. Der Mann schrie um Hilfe. Niemand reagierte. Die beiden anderen Männer schlugen und traten weiter auf ihn ein.
Ich wandte mich an meine Mutter, ich bin mir nicht mehr sicher, was ich gesagt habe, aber ich wollte, dass sie die Polizei ruft. Sie sagte, dass es bestimmt schon jemand getan hatte und wir jetzt gehen müssten. Also gingen wir. Ich hörte den Mann weiter schreien – flehen – bis wir außer Hörweite waren.

Aber warum erzähle ich das? Die Wahrscheinlichkeit, dass eine unbeteiligte Person in eine Gewaltsituation eingreift, ist verschwindend gering. Schon in Ausnahmesituationen, die nur sie selbst betreffen, reagieren die meisten Personen nicht so wie sie es sich vorstellen. Betrifft die Ausnahmesituation eine andere Person ist die Reaktion noch geringer. Ich möchte mit dieser Aussage keine Angst hervorrufen, sondern einen Sachverhalt erklären:
Der öffentliche Raum fühlt sich sehr sicher an, weil man von vielen Menschen umgeben ist. Aber es ist eine Tatsache, dass die meisten Menschen niemals in eine Gefahrensituation eingreifen, sogar wenn für sie selbst kein Risiko besteht. Das Nicht-Eingreifen passiert dabei nicht aus Empathielosigkeit sondern aus Überforderung und/oder Angst.

Was bedeutet das für deine Geschichten?

Deine Gewaltsituationen können an öffentlichen Orten stattfinden und es ist dabei nicht unlogisch, wenn niemand (sofort) eingreift. Allerdings kann es passieren, dass – sobald eine Person versucht einzugreifen – eine Art Kettenreaktion passiert und immer mehr Leute zum Helfen kommen. Je länger eine Gewaltsituation in der Öffentlichkeit andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Lähmung der Überforderung verschwindet und jemand etwas tut.
Bedenke aber auch: Sind die Beteiligten der Gewaltsituation bekannt – weil z.B. bekanntes Verbrechersyndikat – kann das Wegschauen auch eine aktive Entscheidung sein. Eine Selbstschutzmaßnahme der Umstehenden quasi.

 


Beim nächsten und letzten Artikel dieser Reihe geht es um Deeskalation und Gewaltvermeidung.

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3 Replies to “Wie sich Situation und Ort auf den Kampf auswirken – Nuancierte Kampfszenen (4/5)”

  1. Charles says:

    Liebe Sina,
    wieder ein sehr interessanter Beitrag. Würdest du das Laufen gegen die Wand tatsächlich als realistisch (im Sinne von nicht selten) betrachten oder eher als Ausnahme?
    LG
    Charles

    Antworten
    1. Sina Bennhardt says:

      Hey Charles,
      wenn eine Wand (oder ein Laternenpfahl oder ein Tisch oder ein Baum oder ein „Hindernis“ allgemein) in der Nähe ist und sich eine Person zur Flucht dreht, würde es mich nicht überraschen, wenn sie dagegenläuft. Dafür muss das Hindernis relativ nah sein (in meiner Erfahrung innerhalb der ersten drei-fünf Schritte).
      Ich bin, als ich Selbstverteidigungskurse gemacht habe und wir das Weglaufen „geübt“ haben, mehrfach gegen Geländer und Laternen gerannt und das obwohl man in einem Selbstverteidigungskurs in einer sehr kontrollierten und vergleichsweise nicht-panischen Situation ist 😀

      Ich würde also sagen: Wenn ein Hindernis relativ nah ist und im „Weglaufpfad“, dann halte ich es für sehr realistisch^^

      Antworten
      1. Charles says:

        Danke dir für die Antwort. Gerade dein Praxisbeispiel zeigt mir, wie ich eine Situation/Umfeld schaffen kann, dass es „logisch“ ist. Nichts stört mich manchmal so sehr, wie unlogisch, geradezu paradox, die Realität sein „darf“, aber im Buch dir deine Lesenden gerade das um die Ohren pfeffern würden.

        Antworten

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