[Szenenanalyse] Rückblenden effektiv einsetzen

Ich sage es häufig auf meinem Blog und ich sage es gerne immer wieder: Ich bin kein Fan von Rückblenden. Das habe ich bereits in dem Artikel „Prolog, Epilog und Rückblenden“ deutlich gemacht. Aber gerade weil ich sie nicht mag, versuche ich ständig sie besser zu verstehen und genau zu analysieren, woher diese Abneigung kommt. Oder auch warum ich sie in bestimmten Situationen gut finde. Denn das ist mir passiert, als ich Before I let go von Marieke Nijkamp gelesen habe. Dieses Buch enthält extrem viele Rückblenden, aber das hat mir nichts ausgemacht. Warum? Und was kann ich daraus lernen?

Warum gefallen mir Rückblenden normalerweise nicht?

Am Rande: Wenn ich von „Rückblenden“ spreche, dann meine ich explizit Rückblenden, die mehrere Seiten oder Kapitel andauern. Einzelne Sätze oder Absätze sind in diesem Fall nicht gemeint.

Das Konzept einer Rüchblende hört sich täuschend einfach an. Es ist eine Szene, die ein im Kontext des Handlungsablaufs vergangenes Ereignis erzählt. Sie wird benutzt, um Figuren weiter zu charakterisieren, Geheimnisse aufzuklären oder der Geschichte eine weitere erzählerische Facette zu geben, die meist den Haupterzählstrang der Geschichte unterstützt. Seltener wird auch Worldbuilding betrieben, auch wenn das Worldbuilding meistens nicht der Fokus einer Rückblende ist. Aber genau diese explizite Aufmerksamkeit auf Figuren und Plot wird den Rückblenden oft zum Verhängnis.

Neue (und alte) Figuren

In einer Rückblende werden oft mehrere neue Figuren eingeführt. Sei es eine Erinnerung an die Schule, die nun mit Lehrer*innen und Schüler*innen bestückt werden will oder Szenen mit alten Geschäftspartner*innen, die vorher vielleicht nur namentlich erwähnt wurden. So oder so werden die Lesenden mit vielen neuen Figuren konfrontiert, die es schwierig machen können, sich in der neuen Zeit zurechtzufinden, weil ein großer Teil des Fokus auf dem Erinnern von Namen liegt. Dass diese Figuren nach der Rückblende meist nicht mehr vorkommen, ist ein zusätzlicher negativer Nebeneffekt.

Aber auch die Ankerfiguren – also Figuren, die es in den Rückblenden und dem „normalen“ Erzählstrang gibt – sind in Rückblenden nicht immer einfach. Je nachdem wie weit die Rückblende in der Vergangenheit liegt, kann sich der Charakter der Figuren stark von dem aktuellen unterscheiden. Hier passiert es schnell, dass sich auch diese eigentlich bekannten Figuren wie Fremde anfühlen, was den Einstieg in die Rückblende nicht einfacher macht.

Plot

Um eine Rückblende zu beginnen, muss der bestehende Plot unterbrochen und ein neuer Erzählstrang begonnen werden. Das kann gut funktionieren, läuft aber Gefahr das Tempo und den Flow der Geschichte zu reduzieren. Denn mit dem neuen Erzählstrang, kommt der Erzählstrang davor zu einem plötzlichen Stopp. Besonders wenn die beiden Erzählstränge zeitlich weit auseinander liegen.
Außerdem macht ein weiterer Erzählstrang die Balance der Geschichte komplexer. Wie viel Zeit gibt man der Vergangenheit? Wie viel Haupterzählstrang kann man dafür aufgeben? Und lohnt es sich überhaupt einen neuen Erzählstrang in der Vergangenheit zu eröffnen? Was trägt er zu der Geschichte bei?

Erwartungen

Handelt es sich bei der Rückblende um eine Szene, deren Ablauf bereits grob bekannt ist, und die „nur“ da ist, um den genauen Ablauf eines Geschehens zu zeigen, dann tut sich ein ganz anderes Problem auf. Die Lesenden werden eine Erwartung haben, wie sich die Szene abgespielt hat und sich bereits einen ungefähren Ablauf im Kopf zurechtgelegt haben. Die Erwartungen sind also gelegt und es ist nur allzu leicht, ihnen nicht gerecht zu werden. Und das ist dann kein erfüllendes Leseerlebnis.
Wenn der Schreibende aktiv versucht diese Erwartungen zu umgehen, rutscht man leicht Autor*in-vs-Lesende-Mentalität, bei der er nur darum geht, die Lesenden um jeden Preis zu überraschen, egal wie sinnvoll das im Kontext der Geschichte ist. Diese Mentalität und ihre Konsequenzen habe ich schon in meinem Artikel „Du musst gemein zu deinen Lesern sein“ näher betrachtet.

Um also kurz zusammenzufassen, warum ich Rückblenden oft schwierig finde: Man wird in einen neuen Erzählstrang geworfen, oft mit einigen neuen Figuren und der Schwung des ursprünglichen Erzählstrangs wird unterbrochen …. kurzum, es ist schwierig eine längere Rückblenden nahtlos in die Geschichte einzubinden.

Rückblenden in Before I let go

Das Buch Before I let go von Marieke Nijkamp besteht zu (geschätzt) 20% aus Rückblenden und trotzdem hat es mir extrem gut gefallen. Das liegt an einigen simplen Regeln, die in jeder Rückblende befolgt werden.

1. Angabe des Zeitpunkts

Jede Rückblende beginnt mit einer Zeitangabe. „One year before“, „Three years before“, „Seven months before“ … so weiß der Lesende direkt in welcher Zeit er sich befindet. Außerdem sind die Zeitsprünge klein genug, dass sich die Figuren vertraut anfühlen und von ihrem „normalen“ Charakter nur wenig entfernt sind.

2. Erinnerung mit festen Auslöser

Jede Rückblende ist eine Erinnerung, die einen spezifischen Auslöser hat. Sei es die Aurora Borealis, ein bestimmter Ort oder ein bestimmter Dialogfetzen. Jede Rückblende hat einen festen und eindeutigen Grund als Erinnerung hervorgerufen zu werden. Das macht den Übergang von Jetzt-Zeit zur Vergangenheit einfach nachvollziehbar.

3. Nur zwei Figuren

In den Rückblenden kommen immer nur zwei Figuren vor: Corey und Kyra. Damit entsteht das Problem mit der Einführung von „neuen“/unbekannten Figuren gar nicht erst. Andere Figuren werden zwar erwähnt, aber entweder im Kontext der beiden Figuren („Kyras Therapeutin“ oder „Coreys Mutter“) oder weil sie schon in einer Szene davor vorkamen.

4. Dialogfokussiert, nur Figurenentwicklung

Die Rückblenden bestehen außerdem hauptsächlich aus Dialog. Der Plot macht absichtlich eine Pause. Das ist besonders wichtig, weil Kyra im „Jetzt“ tot ist und die Lesenden so nur durch die Rückblenden mit ihr vertraut werden. Plot würde an dieser Stelle stören.

5. Rückblenden unabhängig voneinander

Die Rückblenden ergeben zusammengenommen keinen eigenen Erzählstrang, sondern sind unabhängig voneinander. Dadurch ist es für den Lesenden egal, dass in der Vergangenheit umhergesprungen wird und es nicht chronologisch erzählt wird. Die Komplexität ist absichtlich gering.

6. Kurz

Weil in den Rückblenden nur Figurenentwicklung stattfindet, mag man denken, dass die Geschichte unterbrochen wird, aber es fühlt sich seltenst so an. Das liegt vor allem daran, dass diese Erinnerungen sehr kurz sind. Die längste ist vier Seiten lang und die meisten liegen bei eineinhalb oder zwei. Damit wird der Plot zwar unterbrochen, aber es ist so kurz, dass es sich eher wie ein Luftholen anfühlt, als eine wirkliche Unterbrechung.

Diese Regeln – auch wenn sie nie offen aufgezählt werden – geben jeder Rückblende eine einfache und vertraute Struktur. Sobald eine Rückblende beginnt, weiß der Lesende, worauf er sich einlässt und was strukturell auf ihn zukommt.

Was kannst du für deine Rückblenden lernen?

Die Rückblenden wie Marieke Nijkamp sie für Before I let go einsetzt, werden nicht in jede Geschichte passen, aber sie bieten eine schöne Anleitung, wie man seine eigenen Rückblenden umsetzen kann. Ich habe dir hier einen kleinen Fragenkatalog zusammengestellt, den du durcharbeiten kannst, um deinen Rückblenden die für dich passende Struktur zu geben:

  1. Woher weiß der Lesende, in welcher Zeit er sich befindet? Ist es eine Unterüberschrift des Kapitels? Wird die Rückblende in der „Jetzt-Zeit“ eingeleitet? Wird es aus dem Kontext klar? Soll der Lesende vielleicht anfangs gar nicht bemerken, dass es eine Rückblende ist? Werden alte Situationen durch z.B. Dialogfetzen aufgegriffen, aber aus einer anderen Perspektive weitergeführt?
  2. Was ist der Auslöser für die Rückblende? Warum ist sie genau an dieser Stelle der Geschichte?
  3. Welche Figuren sind notwendig? Wie viele neue Figuren enthält die Szene? Kommen diese neuen Figuren noch einmal vor? Wenn ja, wann? Und wenn nicht, wieso brauchst du sie?
  4. Was passiert strukturell in der Rückblende? Ist sie plot- oder figurenfokussiert? Wie kannst du das in deiner Erzählweise betonen/deutlich darstellen?
  5. Ist deine Rückblende unabhängig oder Teil eines eigenen Erzählstranges? Wie kannst du das dem Lesenden deutlich signalisieren?
  6. Wie lang muss deine Rückblende sein? Ist sie gleichgewichtig mit deinem Hauptstrang? Wie viel Platz braucht die Rückblende tatsächlich?

Wie stehst du zu Rückblenden? Schreibst/liest du sie gerne? Wie setzt du sie am liebsten um?

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