[Rezension] Before I let go von Marieke Nijkamp

In dem Versuch mich davon abzulenken, dass ich wegen eines gestauchten Daumens und einer beginnenden Sehnenscheidenentzündung im Arm kaum Schreiben kann, habe ich mir viele Bücher bestellt. Eines davon war Before I let go (dt. Titel „Nur in der Dunkelheit leuchten die Sterne“) von Marieke Nijkamp, das im Dezember 2017 erschienen ist. Das Genre lässt sich schwer einordnen – etwas zwischen Mystery, Drama und langsam aufgebautem Thriller, aber das Ergebnis ist ganz und gar fesselnd.

Hinweis: Ich hab das Buch auf Englisch gelesen, es kann also sein, dass ich bestimmte Wörter anders übersetze als die deutsche Original-Übersetzung.

CN: Erwähnung von Suizid, Bipolarität

Was passiert in Before I let go?

Wenige Tage bevor Corey zu Besuch in ihre Heimat Lost Creek (Alaska) zurückkehrt bekommt sie einen Anruf. Ihre beste Freundin Kyra ist tot. Sie ist in einen überfrorenen See eingebrochen und wurde erst Stunden später unter dem Eis treibend gefunden. Cory kehrt trotzdem nach Lost zurück und erkennt ihre Heimat kaum wieder. Überall Blumen, die eigentlich nicht blühen dürften, und überall Bilder gemalt von Kyra. Die Bewohner sprechen von Kyra wie von einer Heiligen, von ihrem Selbstmord und von ihrer Rolle als wertvollestes Mitglied von Lost.
Corey – zerrissen von Wut und Trauer –  kann es nicht glauben. Kyra wurde, seit sie als Teenager als bipolar diagnostiziert wurde, von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Allein Corey war ihre Freundin und jetzt behaupten alle, dass sie sie immer geliebt und geachtet hätten? Was ist in den sieben Monaten, in denen Corey nicht in Lost war wirklich passiert? Und warum spricht niemand darüber?

Struktureller Aufbau

Before I let go ist eingeteilt in sechs Teile, nämlich die sechs Tage, die sich Corey in Lost befindet. Jeder Tag „dauert“ höchstens hundert Seiten und jedes Kapitel höchstens fünf. Das hat einen interessanten Effekt. Die Geschichte fliegt an einem vorbei, schnell und eilig, ohne dass man diese Eile wirklich spüren würde. Es ist ein unterschwelliger Sog, der einem die Füß unter den Beinen wegzieht, sodass man das Buch kaum weglegen kann.
Außerdem wird der normale Erzählfluss regelmäßig unterbrochen von Briefen an Corey, die Kyra nie abgeschickt hat und von kleinen Szenen, die geschrieben sind wie ein Drehbuch, aber der normalen Geschichte und Corey weiter folgen. Diese beiden Entscheidungen lockern das Buch weiter auf ohne den Lesefluss zu stören und – vor allem die Drehbuch-Stellen – sind wichtig, um ein bisschen Abstand von Corey zu gewinnen, der erste-Person-Präsens-Erzählerin.

Ein unkonventioneller struktureller Aufbau, der sich zwar ein bisschen hastig und unkontrolliert anhören mag, aber meisterlich umgesetzt ist und die Stimmung des Buches weiter unterstreicht.

Endless day, endless night,
come to set your heart alight.
Endless night, endless day,
come to steal your soul away.

Die Figuren

Corey und auch Kyra – dank zahlreicher Rückblenden – sind überzeugende Protagonistinnen. Obwohl die beiden beste Freundinnen sind und sie der Wunsch nach Freiheit fern von Lost verbindet, gibt es vieles, das die beiden von einander nicht verstehen. Cory fürchtet, dass sich Kyra in ihrem manischen Episoden verletzen könnte, und Kyra kann nichts mit Coreys Asexualität anfangen. Trotzdem lieben sie einander bedingungslos, auch wenn sie dafür in Lost immer Außenseiter waren.
Kyras Angst und Frust und Wut sind durch alle Rückblenden und Briefe greifbar, genau wie Coreys Angst und Trauer. Beides hervorragend dargestellte Figuren, die wie aus dem Leben gegriffen sind.

Wem könnte Before I let go gefallen?

Before I let go ist ein trauriges und gefühlvolles Buch, das durch seinen langsamen Aufbau der Geheimnisse von Lost überzeugt. Es ist Mystery, Thriller und Drama zugleich, bleibt dabei aber unaufgeregt und auf die beiden Protagonistinnen Corey und Kyra fokussiert. Es erforscht Coreys Trauer, Wut und Enttäuschung, die mit dem Tod von Kyra entbrannt sind, ohne sie zu verurteilen. Allein das Ende wird ein bisschen „explosiver“ – was mir nicht ganz so gut gefallen hat, aber das ist persölniche Vorliebe.
Wenn sich diese Genre-Mischung für dich interessant angehört hat, dann könnte Before I let go ein Buch für dich sein. Trotzdem hier nochmal der Hinweis: Die Themen von Suizidalität und Bipolarität sind zum Teil entscheidend für das Buch und seine Figuren und werden deshalb auch entsprechend ange- und besprochen. In meiner Einschätzung geschieht es allerdings ohne Verurteilung und mit großem Respekt.


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