[Worldbuilding] Wie Kleidung deine Kultur beeinflusst – oder ist es anders herum?

Ich selbst bin kein großer Fan von Mode und ihren Trends. Kleidung sollte in aller erster Linie funktional sein und danach kann sie gerne schön aussehen. Dieselbe Einstellung habe ich oft (unbewusst) auf meine Figuren übertragen. Auch wenn sie nicht offen gesagt haben, dass sie sich nicht für ihre Kleidung interessieren, so wurde es doch indirekt klar, weil ich sie selten beschrieben habe. Aber damit habe ich mir eine einfache und natürliche Art der Charakterisierung und des Worldbuildings genommen.

Was sagt Kleidung über dein Setting?

Der Alltag sollte die reichste Quelle deines Worldbuildings sein. In alltäglichen „normalen“ Situationen lernt dein Leser, deine Welt in ihren Eigenheiten kennen. Zu diesem Alltag gehören auch Beschreibungen der Kleidung. Denke hierbei besonders über zwei Dinge nach:

1. Material

Aus welchem Material besteht Kleidung? Das scheint erst einmal eine Frage mit sehr einfacher Antwort zu sein, aber ich rate dir dazu, darüber nachzudenken. Besteht die Kleidung aus tierischen Materialien wie z.B. Wolle oder Leder, dann sagt das schon einiges über deine Welt aus. Hier nur ein kleiner Ausschnitt:

  1. Entweder sind in der Kultur Tiere domestiziert oder die Kultur ist sehr jagdfokussiert.
  2. Der Boden bietet ausreichend Nährstoffe, um jahrein jahraus Tiere zu ernähren. Auch das Klima muss entsprechend freundlich sein.
  3. Tiere dürfen (im Fall von Leder) geschlachtet werden und wahrscheinlich werden sie auch gegessen. (Gibt es Ausnahmen unter den Tieren? Irgendwelche Beschränkungen?)
  4. Es gibt das Wissen und wahrscheinlich die entsprechenden Berufe, die sich mit der Weiterverarbeitung von tierischen Produkten auseinandersetzen.

Du kannst dir außerdem merken: Je ausgefallener die Materialien der Kleidung, desto mehr Worldbuilding solltest du darauf verwenden. Gibt es Kleidung, die aus Spinnenseide hergestellt wird? Klasse! Was sind die Konsequenzen davon? Wie viele Spinnen braucht es? Wie lange braucht es die Seide zu ernten? Und wie viel Seide wird am Tag überhaupt produziert? Wie wirkt sich das auf den Preis auf? Wie verbreitet ist die Kunst? So viele Fragen, die nur aus einer vermeintlich kleinen ausgefallenen Entscheidung entspringen.

2. Mode und ihre Verbindung zum sozialen Stand

Und wo ich schon den Preis angesprochen habe, gelangt man schnell zu der Mode und ihre Aussage über den sozialen Stand der Person. Natürlich gibt es einige Grundregeln, die allgemein vertretbar sind: Je teurer (und seltener und aufwändiger) die Materialien, desto höher ist wahrscheinlich der Stand der Person. Je unpraktischer für den täglichen Gebrauch und normale körperliche Betätigung ein Kleidungsstück ist, desto höher ist der soziale Stand, wahrscheinlich. Denke hierbei an z.B. Gewicht und Bewegungseinschränkung.

Ein Wort zu Fast Fashion

Sollte deine Geschichte in einem (Äquivalent zum) Mittelalter spielen, solltest du eine Sache sehr dringend beachten: Unsere derzeitige Modekultur mit Frühlings, Sommer-, Herbst- und Wintertrends ist in einer Welt, in der Kleidung von Hand gemacht wird nicht umsetzbar.
Das hat mehrere wichtige Auswirkungen auf deine Geschichte:

  1. Mode“trends“ halten länger an.
    Das ist Recht offensichtlich. Wenn alle Kleidungsstücke (und auch der Stoff) per Hand hergestellt wird, dauert die Herstellung so lange, dass Jahreszeiten-Trends einfach nicht möglich sind. Denke also eher in Jahren als in Monaten, was die Dauer von Trends angeht.
  2. Aufeinanderfolgende Modetrends lassen sich meist durch einfache Anpassungen der alten Trends erschaffen.
    Denke z.B. an eine einfache Raffung von Röcken oder das einfache Hinzufügen von Schleifen oder Rüschen, bei denen aber die Grundstucktur des Kleidungsstückes nicht verändert wird. Auch ein Umfärben des Stoffes ist möglich, wenn die Farben es zulassen.
  3. Jeder weiß, wie man einfache Löcher näht/die Kleidung in Stand hält.
  4. Kleidung wird über Generationen weitergegeben.
  5. Kleidung ist wertvoll und muss Jahre/Jahrzehnte halten.
  6. Jedes Kleidungsstück hat eine sehr hohe Qualität.

Was sagt Kleidung über deine Kultur und ihre Menschen?

An dieser Stelle kann ich dir gar nicht viel erklären, sondern möchte dir einfach ein paar wichtige Anstoßpunkte geben, über die du dir Gedanken machen kannst. (Die Fragen sind nicht nach Wichtigkeit sortiert, sondern – zumindest grob – nach Themen.)

  1. Welche Farben sind verbreitet und woher kommt der Farbstoff?
  2. Haben Farben verschiedene Bedeutungen? Gibt es „verbotene“ Farben? Wenn ja, warum?
  3. Wie viel kostet das Färben? Wer kann es sich leisten?
  4. Was ist mit „Accessoirs“ auf dem Stoff wie Perlen, Stickereien oder Flechtwerk?
  5. Wie genau unterscheidet sich die Kleidung von reichen und ärmeren Menschen? Ist es nur die Stoffqualität oder gibt es andere Zeichen?
  6. Wer stellt die Kleidung her?
  7. Wer „entscheidet“ die Trends und für wen ist es wichtig „trendy“ zu sein? Warum? Was unterscheidet die verschiedenen Gruppen?
  8. Gibt es so etwas wie Trends überhaupt? Warum oder warum nicht?
  9. Was für Kleidung tragen Kinder und Babies?
  10. Welche Körperteile sollen/müssen von der Kleidung bedeckt sein? Und welche Signifikanz hat das Klima oder eine mögliche Religion auf diese Entscheidungen?
  11. Gibt es unterschiedliche Vorgaben/Erwartungen für Männer, Frauen und/oder nonbinary Menschen? Warum oder warum nicht?
  12. Wie streng sind die Vorgaben/Erwartungen?

Ein kleiner Exkurs: Tanz und Kleidung

Interessant zu beobachten ist, dass die Art der Kleidung meist durch die traditionellen Tänze der Kultur in Szene gesetzt wird. (Vielleicht passt sich auch die Kleidung an die Tänze an, aber letztendlich ist die Reihenfolge hier egal.) Man denke z.B. an den (Wiener) Walzer. Die Haltung ist aufrecht und die Schritte schwungvoll. Das passt hervorragend zu der Mode, in der die Damen Korsetts trugen, die eine Beugung des Torsos einschränkten. Gleichzeitig waren die Röcke weit und flogen wunderschön in der Drehbewegung. Kleidung und Tanz passen perfekt zusammen.

Nur weil mich traditioneller georgischer Tanz so fasziniert, gibt es hier ein Video dazu. Achte darauf, wie sie schwebt!

Ähnliches kann man z.B. bei bestimmten traditionellen georgischen Tänzen beobachten, wo die (Unter)Röcke der Damen vergleichsweise eng sind und nur kleine Schritte zuließen. Im Tanz ist es gewünscht, weder die Füße und noch die Bewegung der Beine zu sehen, so dass es aussieht, als würden die Damen schweben. Anders ist es bei den Herren, die große Sprünge und athletische Meisterleistungen vollbringen sollen.

Offensichtlich ist die Kleidung nicht das einzige, das den Tanz beeinflusst. Auch das Rollenbild von Mann und Frau spielt eine große Rolle, sowie Tradition und Gründe für den Tanz. Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie perfekt die traditionelle Kleidung zu den traditionellen Tänzen einer Kultur passt.


Dieser Artikel war nur ein kleiner Ausschnitt wie Worldbuilding Kleidung beeinflussen kann (oder die Kleidung dein Worldbuilding). Wenn du dieses Thema interessant findest, dann schreib mir doch einen Kommentar und ich schreibe gerne noch mehr dazu!

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