Offenes Ende oder unfertige Geschichte – Wo ist der Unterschied?

Den Begriff „offenes Ende“ hat wohl jeder Schreiberling schon einmal gehört. Doch neulich habe ich über diese Technik eines solchen Schlusses nachgedacht und mir ist klar geworden, dass ich mich nie tiefergehend damit beschäftigt habe. Was genau ist ein offenes Ende? Was unterscheidet ein offenes Ende von einer unfertigen Geschichte? Und wie schreibt man ein zufriedenstellendes Ende, das immer noch offen ist?

Spoiler für den Film Rogue One: A Star Wars Story (2016)

Was ist ein offenes Ende?

Man kann viele Definitionen zu dem literarischen „offenen Ende“ finden und sie sind nicht immer ganz eindeutig. Von „Die Handlung endet vor dem erwarteten Resultat und der Leser muss daher selber nach möglichen Lösungen suchen.“ (Quelle) über „Ein offenes Ende ist es dann, wenn nicht alle Fragen beantwortet werden, nicht alle Geheimnisse auf[ge]löst werden oder es keinen eindeutigen Abschluss gibt.“ (Quelle) bis ganz einfach „[…] Fragen ungeklärt zu lassen.“ (Quelle) ist wirklich alles dabei und diese Definitionen bieten einen großen Interpretationsspielraum. Deswegen werde ich hier die wichtigsten Aspekte näher betrachten.

1. Fragen oder Geheimnisse ungeklärt lassen

Offensichtlich ist es für ein offenes Ende wichtig, Fragen ungeklärt zu lassen. Aber wie groß müssen die Fragen sein, damit das Ende als offen gilt? Was, wenn man nicht weiß, welches Outfit die Hauptfigur am nächsten Tag trägt? Das ist eine ungeklärte Frage, aber sie führt nicht unbedingt zu einem offenen Ende. Wenn es nur irgendeine ungeklärte Frage braucht, wäre jedes Ende noch offen, außer alle genannten Figuren sind am Ende tot und die Welt zerstört.
Der Blick darauf, ob es irgendwelche ungeklärten Fragen gibt, ist also nicht hilfreich. Stattdessen ist es sinnvoller diesen Punkt so zu formulieren: Gibt es Fragen oder Geheimnisse, die sich aus der natürlichen Handlung der Geschichte ergeben, die ungeklärt bleiben?

2. Kein eindeutiger Abschluss

Auch die Formulierung „kein eindeutiger Abschluss“ ist nicht so eindeutig, wie er sich am Anfang anhören mag. Denn – wie wir oben bereits geklärt haben – ist jedes Ende zu einem gewissen Grad offen und hat somit auch keinen eindeutigen Abschluss. Aber auch hier gibt es die Möglichkeit, die Formulierung zu präzisieren: In der letzten Szene (oder den letzten Szenen) werden mehrere mögliche Weiterführungen der Geschichte vorbereitet und/oder angedeutet, anstatt präzise auf einen bestimmten Abschluss hinzuarbeiten.

3. Ende bei Abschluss des Hauptkonfliktes

Zugegebenermaßen überschneidet sich dieser Punkt inhaltlich mit dem Punkt des uneindeutigen Abschlusses, hat aber seinen Fokus speziell auf dem Lesegefühl, das am Ende bei den Lesenden geweckt werden soll.
Während die Geschichte voranschreitet, werden bei den Lesenden Erwartungen geweckt, wie die Geschichte endet. Ein offenes Ende endet meist genau mit der Auflösung des Hauptkonflikts, aber die End-Situation wird nicht aufgelöst. Als Beispiel: Die Hauptfigur besiegt den Bösewicht (wie erwartet), aber es fehlt das Nachspiel. Wie bzw. ob die Hauptfigur überlebt, wieder nach Hause kommt, etc. Es wird damit das Verlangen geweckt, dass man eigentlich noch mehr wissen wollte.

Am Beispiel: Rogue One

Wenn man den Film Rouge One ohne den Kontext der anderen Star Wars Filme betrachtet, ist er (für mich) das Musterbeispiel eines offenen Endes. Für alle, die ihn noch nicht gesehen haben, eine kurze Zusammenfassung. In dem Film begleitet man eine Gruppe Rebellen, die den Plan einer Superwaffe – des Death Stars – stehlen und an die Anführer der Rebellen weitergeben wollen. Sie schaffen es tatsächlich, sterben aber dabei alle.
In dem Film Rogue One wird nicht geklärt

  1. ob die Pläne der Rebellion letztendlich helfen,
  2. ob irgendjemand von ihrem Opfer erfährt.

Das heißt Punkt 1 (Unbeantwortete Fragen) ist abgehakt. Punkt 2 und 3 (kein eindeutiger Abschluss, Ende vor erwartetem Resultat) ebenfalls, weil wir nicht wissen, was mit den Plänen weiter geschieht – solange man die anderen Star Wars Filme nicht kennt – und das Verlangen der Zuschauenden geweckt wurde, es wissen zu wollen.

Wie erkennst du eine unfertige Geschichte?

Zuerst einmal: Wie vieles beim Schreiben und Lesen ist der Übergang zwischen unabgeschlossener Geschichte und offenem Ende fließend und vor allem subjektiv. Trotzdem gibt es einige Fragen, die du dir stellen kannst, um ein offenes Ende von einer unabgeschlossenen Geschichte zu trennen.

Der Plot, die Figuren und das Setting

An welcher Stelle der Spannungskurve befindet sich die Geschichte? Gab es einen Höhepunkt? Wenn die typische Plotstruktur unvollständig ist deutet das auf eine – wer hätte es gedacht – unvollständige Geschichte hin. Allerdings muss das nicht zwingend der Fall sein, denn es gibt einige Bücher mit unkonventionellen Strukturen.
Wie groß sind die Fragen, die noch unbeantwortet geblieben sind? Sind es Fragen, die essentiell zu dem Verständnis der Geschichte beitragen würden oder eher „nett to knows“, die aber keine (großen) Auswirkungen hätten?
Haben die Figuren – vor allem die Hauptfiguren und Antagonisten – eine Entwicklung durchgemacht?
Und – aber das ist auch sehr genreabhängig – konntest du eine Veränderung der Stimmung/Athmosphäre (des Settings) in der Geschichte feststellen?

Das Thema

Was war das Thema oder der emotionale Kern der Geschichte? Gab es eine Entwicklung des Themas bzw. der These, die sich in Plot, Figuren oder Welt gezeigt hat? Wenn nicht, dann zeigen die Zeichen wieder eher auf eine unvollständige Geschichte. Allerdings kann es auch bei einem offenen Ende passieren, dass nicht alles eine abgeschlossene These am Ende hat. Es ist die Masse der „Unvollständigkeit“, die aus einem offenen Ende eine unvollständige Geschichte macht.

Wann hast du ein befriedigendes offenes Ende geschrieben?

Meine Antwort hier ist nur meine eigene Einschätzung des offenen Endes, denn was genau ein offenes Ende ist und wann es zufriedenstellend ist, sind beides sehr subjektive Einschätzungen. Für mich ist ein offenes Ende befriedigend, wenn der Hauptkonflikt aufgelöst ist und die Geschichte thematisch einen Abschluss gefunden hat. Unwichtiger für mich – und manchmal sogar gar nicht erwünscht – ist, dass alle Nebenstränge ein vollständiges Ende gefunden haben.
Der Hauptkonflikt muss für mich aber abgeschlossen sein, denn er ist der Grund, warum ich das Buch lese. Alles was nach dem abgeschlossenen Hauptkonflikt folgt, kann aber ruhig offen sein. Um bei Rogue One als Beispiel zu bleiben: Der Hauptkonflikt – das Stehlen und Weitergeben der Pläne – ist abgeschlossen, was mit den Plänen geschieht, bleibt unbeantwortet. Das finde ich gut. Würde der Film allerdings enden, bevor die Pläne weitergegeben oder schlimmer noch, bevor sie gestohlen sind, dann wäre ich unzufrieden mit der Geschichte.

 


Wie sieht für dich ein befriedigendes offenes Ende aus? Hast du vielleicht auch Buch-Beispiele? (Bitte Spoiler markieren 😉 )

Teilen mit:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.