[Worldbuilding] Religiöse Essensgebote

In vielen Religionen auf unserer Welt gibt es temporäre oder sogar dauerhafte Regeln, die das Essen der Gläubigen einschränken. Fastenzeiten und Verbote bestimmte Fleischsorten oder andere Nahrungsmittel zu verzehren sind weit verbreitet. Aber warum existieren diese Essensgebote? Macht es das (Über)Leben nicht schwieriger, wenn man die Essensmöglichkeiten künstlich einschränkt?

Zeitlich begrenzte Essenseinschränkungen

Zeitlich begrenzte Essensgebote treten hauptsächlich in Form von Fastenzeiten wie Ostern und Ramadan auf. Die Gründe für eine Fastenzeit können vielfältig sein und deswegen möchte ich hier nur zwei mögliche nennen. Wichtig ist auch: Die genannten Gründe können allein stehen oder in Kombination auftreten.

1. jahreszeitlich bedingte Nahrungsknappheit

Befinden wir uns in einer Region mit klaren Jahreszeiten, die die Blüten- und Früchtestände der Pflanzen bestimmen, dann wird es alljährlich zu gewissen Nahrungsknappheiten kommen. Meist sind diese Knappheiten im frühen Frühling am deutlichsten zu spüren, wenn die Vorräte über den Winter verbraucht wurden und es noch zu kalt ist, als dass man frisches Essen ernten oder sammeln könnte. Auch die meisten gehaltenen Tiere bekommen im Frühling erst ihren Nachwuchs und somit gibt es auch (noch) keine Neuversorgung mit frischem Fleisch.
Warum also nicht der Nahrungsknappheit, die sowieso existiert, einen weiteren Sinn im Kontext der Religion geben? Wenn das Fasten – selbst wenn es nur von gewissen Nahrungsmitteln ist – zu einem Ausdruck der eigenen Religion wird, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe:

Die Nahrungsknappheit wird durch die Einschränkung der eigenen Essgewohnheiten weniger starke Auswirkungen haben und man kann der Situation noch eine spirituelle Bedeutung abgewinnen.

Außerdem ist eine Fastenzeit oft mit einem oder mehreren Festtagen danach kombiniert, an denen man Schlemmen und sich den Bauch vollschlagen kann.

2. Demonstration der Hingabe zu dem Gott/den Göttern

Ein Nahrungsgebot kann auch dazu genutzt werden, um die Hingabe zu den eigenen Göttern zu zeigen. Ein gemeinsam eingehaltenes Essensgebot stärkt die Gemeinschaft und den eigenen Glauben. Es gibt den Gläubigen die Möglichkeit sich auf die Ausübung ihres Glaubens zu konzentrieren und sich öffentlich dazu zu bekennen.

Andauernde Essensgebote

Neben den zeitlich begrenzten Essensgeboten stehen die andauernden Essensgebote. Bekannte Beispiele sind z.B. dass im Islam und Judentum kein Schweinefleisch verzehrt werden soll und im Hinduismus kein Rindfleisch. Aber warum könnte es verboten sein bestimmte Fleischsorten zu essen? Was unterscheidet sie von anderen Fleischsorten?
(Ich werde hier ein paar mögliche Gründe anführen, von denen ich nicht behaupten möchte, dass sie auf den Islam, das Judentum oder den Hinduismus zutreffen. Stattdessen möchte sie aus einer rein Worldbuilding-technischen Sichtweise betrachten und versuchen zu erklären, wie ein solches Gebot entstehen kann.)

1. von heiliger Schrift vorgeschrieben

Aus der Sicht des Worldbuilding ist es am einfachsten, die Essensgebote in der heiligen Schrift oder den heiligen Lehren festzusetzen. So haben die Gläubigen in deiner Geschichte einen festen und nachvollziehbaren Grund, der (erstmal) keine tiefergehende, äußerliche Begründung braucht. Allerdings kann sich dieser Grund für deine Leser:innen ein bisschen flach anfühlen, wenn das Verbot scheinbar willkürlich ist.

2. „vererbter“ Ekel

In Deutschland ist es – selbst für die meisten Fleischessenden – nicht denkbar Haustiere wie z.B. Pferde, Katzen oder Meerschweinchen zu essen, obwohl sich – rein logisch betrachtet – ihr Fleisch durchaus zum Verzehr eignen würde. Da sich diese Tiere aber als Haustiere etabliert haben, zu denen man eine emotionale Bindung aufbaut, ist es kaum denkbar, sie zu essen. Nein, viele finden diese Vorstellung sogar ekelhaft. Das ist ein guter Grund in deinem Worldbuilding, der sich aber je nach Tierart und unserer weltlichen Einstellung zu diesem Tier seltsam anfühlen kann. (Probiere mal gedanklich ein paar Tiere aus und inwiefern du so einen kulturellen Ekel vor dem Verzehr nachvollziehen könntest. Affe, Maulwurf, Lama, etc.)

3. Haltbarkeit, Krankheit und Parasiten

Wenn es etabliert ist, dass ein Nahrungsmittel oder seine Beschaffung/Vor- oder Zubereitung Krankheiten hervorruft, schnell verdirbt oder Parasiten trägt, ist es sinnvoll, dass sich ein Essensgebot entwickelt. Denn wenn man krank wird, wenn man mit einem bestimmten Nahrungsmittel in Kontakt kommt, dann ist es sehr nachvollziehbar, warum man es nicht mehr isst. So bleibt den Gläubigen die Erfahrung erspart, diese Krankheiten und Parasiten am eigenen Leib zu erfahren.
Tatsächlich könnte ein auf diese Weise entstandenes Essensgebot irgendwann dazu führen, dass die Gläubigen vergessen, warum das Essensgebot überhaupt erst entstanden ist. Deswegen ist es einfach diesen Grund mit Grund 1 („von heiliger Schrift vorgschrieben“) zu kombinieren.

4. Wettbewerb um Lebensraum

Gerade wenn es um das Halten von Tieren geht, kann es sein, dass die Tiere – was bevorzugten Lebensraum und Nahrung angeht – gewisse Überschneidungen mit dem Menschen haben. Da kann es sinnvoll sein, das Halten (und somit indirekt das Essen) solcher Tiere von Anfang an zu verbieten, um zu verhindern, dass das „menschliche Essen“ an die Tiere verfüttert werden muss.
Darüber, wie Nutztiere ausgewählt und gezüchtet werden, werde ich noch einen ausführlichen Artikel schreiben, deswegen möchte ich es hier bei einer einfachen Erwähnung belassen.

Sollte deine Religion Essensgebote haben?

Das ist eine Frage, die du dir nur selbst beantworten kannst. Ein Essensgebot kann die Grundsätze einer Religion für deine Leser auf eine greifbare Art und Weise darstellen. Ist es in deiner Religion wichtig, sich zurückzunehmen und nicht zu protzen? Dann sollte sich das auch im Essen wiederspiegeln: Nahrhafte, aber einfache Gerichte sollten im Mittelpunkt stehen. Steht das Leben im Vordergrund? Vielleicht bietet es sich für besonders gläubige Menschen an, sich vegetarisch zu ernähren. Überlege dir gut, wie sich die Grundsätze der Religion – aber auch äußerlich bedingte Nahrungsverfügbarkeiten – auf Essensgebote auswirken könnten.
Besonders interessant: Wenn eine Religion aus einem Teil der Welt in einen anderen getragen wird, würden sich die Essensgebote an die neue Kultur anpassen, auch wenn die Gründe für ein etwaiges Essensgebot nicht vorhanden sind? Auch für diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Allerdings kann es für deine Leser:innen spannend sein, solche „Überbleibsel“ aus anderen Teilen der Welt in der präsentierten Religion zu finden.


Was hältst du von Essensgeboten bei den Religionen deiner Geschichten? Hast du schonmal darüber nachgedacht?

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