Chekhov’s Gun – Ein überholter Trick oder hilfreiches Werkzeug?

Chekhov’s Gun – zu Deutsch: Tschechows Waffe/Gewehr – ist eine Regel des Schreibens, die von dem russischen Autor Anton Pawlowitsch Tschechow begründet wurde. Sie besagt, dass eine Geschichte nur die nötigen Elemente enthalten sollte. Am bekanntesten ist wohl folgendes Zitat: „Wenn Sie im ersten Akt eine Pistole an die Wand gehängt haben, sollte sie im folgenden abgefeuert werden. Andernfalls legen Sie sie nicht dort ab.“
Aber ist das überhaupt eine gute Regel?

Hinweis: Im restlichen Artikel werde ich mich an die englische Schreibweise „Chekhov“ halten.

WandaVision und Chekhov’s Runen der Hexen

Im Folgenden werde ich auf einen Plotpunkt aus einer der letzten Folgen der Serie WandaVision eingehen, deswegen möchte ich hier eine leichte Spoilerwarnung setzen.

In den letzten Folgen der Serie geht Wanda in den Keller eines Hauses und wird dort von einer Hexe konfrontiert. Wanda versucht ihre eigene Magie gegen sie einzusetzen, muss aber feststellen, dass sie keine Magie wirken kann. Runen leuchten an den Wänden. Die Hexe sagt daraufhin Folgendes: „Wenn eine Hexe Runen in einem Raum gesetzt hat, kann auch nur sie dort Magie wirken.“ (Kein direktes Zitat.)
In der nächsten Folge setzt Wanda genau diesen „Tipp“ ein, um die Hexe zu besiegen. Dieser Sieg wurde triumphal gefeiert, mit entsprechender Musik und Kameraeinstellungen und einem Kommentar von Wanda. Allerdings hat sich dieser Moment für mich nicht triumphal angefühlt. Nein, tatsächlich anders herum. Seit dem Moment, an dem die Hexe diese Regel erwähnt hat, habe ich mit gerollten Augen auf diesen Moment gewartet. Es war so vorhersehbar.

Aber mir stellte sich die Frage: War ich nur nicht überrascht, weil ich Chekhov’s Gun kenne oder lag es tatsächlich an der Ausführung? Und warum hat die Vorbereitung bei WandaVision für mich nicht funktioniert?

Wie genau funktioniert Chekhov’s Gun?

Die Regel von Chekhov’s Gun ist Folgende: Nur die essentiellen Elemente einer Geschichte sollen tatsächlich in der Geschichte landen und entsprechend vorbereitet werden, die überflüssigen müssen/sollten entfernt werden. Deswegen wird der Begriff Chekhov’s Gun oft im gleichen Satz wie Foreshadowing genannt. Es ist einfach sinnvoll, alle wichtigen Elemente einer Geschichte einzuführen.

Aber trotzdem habe ich in der letzten Zeit immer mehr schlechte Erfahrungen mit Foreshadowing und vor allem mit Chekhov’s Gun gemacht. Woran liegt das?

Meine Kritik an expliziten Foreshadowing

Wenn ein Werkzeug gut funktioniert, dann sollte man es benutzen. So weit, so nachvollziehbar. Allerdings ist diese Schlussfolgerung nicht immer richtig. Das Problem ist, dass man vorhersehbar wird, wenn man sich außnahmslos an Chekhov’s Gun hält.
Sobald man weiß, dass alles wichtig ist, bekommen Geschichten einen fahlen Beigeschmack. Es wird eine Vase gezeigt? Sie wird brechen. Ein Pool kommt vor? Jemand wird hineinfallen oder hineingestoßen werden. Jemand hat sich hübsch gemacht? Das Outfit wird dreckig, gerissen oder anderweitig zerstört werden. Ein Aquarium? Es wird auslaufen oder kaputt gehen. Eine Waffe? Sie wird benutzt werden, aber genau damit schießt man sich als Schreiberling in den Fuß – pun somewhat intended. Denn die Geschichte wird langweilig und schleppend.

Zeit für Feinheiten

Trotzdem finde ich, die Regel, essentielle Elemente einer Geschichte entsprechend vorzubereiten richtig und wichtig. Wie passen diese beiden Ansichten zusammen?

Folgende Formulierung für eine allgemeine Foreshadowing-Regel finde ich schon besser: Jede entscheidende Aktion muss vorbereitet sein, aber nicht auf jede Vorbereitung muss eine Aktion folgen.“ Doch auch diese Formulierung hat ihre Probleme. Was, wenn eine Vorbereitung für die Lesenden vielversprechend und interessant klingt, nur um dann als „Red Herring„/falsche Fährte enttarnt zu werden? Es wäre auf jeden Fall enttäuschend. Leider kann ich hier keinen allgemeinen Tipp aussprechen, wann und wo die reichtige Balance aus Foreshadowing und „Fehlleitungen“ deiner Leser:innen liegt, denn es ist eine sehr subjektive Wahrnehmung.
Trotzdem habe ich hier ein paar Ideen, wie du deine Checkhov’s Gun verstecken kannst:

  1. Wichtige Information, anderer Kontext
    Wenn du deine Leser:innen mit Informationen konfrontierst, werden sie immer den Kontext in Betracht ziehen und die Information unterbewusst in diesem Kontext sehen. Wenn du also eine Information (oder ein Objekt) in einem bestimmten thematischen oder szenischen Kontext einführst, dann werden deine Leser:innen nicht unbedingt erwarten, dass es später in einem anderen Kontext angewandt wird.
  2. Informationen vergraben
    Möchtest du nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf ein Detail lenken, dann ist es oft am einfachsten, es zwischen anderen Details zu verstecken. Damit wird es Teil einer Auflistung und sticht nicht so sehr als etwas Besonderes heraus.
  3. Beschreibungen
    Es macht durchaus einen Unterschied, ob du eine Information in Beschreibungen oder Dialog einführst. Da Beschreibungen meistens eben nur Beschreibungen sind und nicht mehr, bietet es sich an, dein Foreschadowing als eine Beschreibung zu tarnen. Offensichtlich funktioniert das auch nur bei Foreshadowing, das visuell sein kann.
  4. Chekhov’s Gun in Einzelteilen
    Wenn es sich bei deinem Foreshadowing um einen komplexeren Zusammenhang handelt, ist es meist einfacher, die Einzelteile unabhängig voneinander zu präsentieren. So können sie sich in der entscheidenden Situation auf natürliche Weise im Kopf der Leser:innen zusammensetzen.

Die genannten Strategien lassen sich einzeln oder gemeinsam anwenden und natürlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, dein Foreshadowing zu verstecken und zu tarnen. Werde kreativ und verlasse dich im Zweifelsfall auf die Hinweise deiner Testlerser:innen!

Wann präsentierst du Chekhov’s Gun?

Einer ähnlichen Frage habe ich mich schon einmal gestellt, als es darum ging, wann der letzte (sinnvolle) Zeitpunkt ist, eine neue Figur einzuführen. Zu lesen ist dieser Artikel hier: Wie viel Zeit braucht man, um eine neue Figur einzuführen?

Meine Herangehensweise ist hier ähnlich.

Dein Foreshadowing sollte beginnen, lange – als subjektive Einheit – bevor die Informationen relevant werden, denn meistens ist die Szene davor zu spät für ein effektives Foreshadowing. Vor allem, wenn in dieser Szene auch noch ein Zeitsprung in die Vergangenheit passiert, in dem genau die relevanten Informationen auftauchen. (Das Beispiel scheint sehr spezifisch? Das stimmt, denn ich habe es in den letzten Geschichten, die ich gelesen habe, immer wieder erleben müssen.) Auch hier sind Testleser hilfreich, um zu überprüfen, ob du mit deinen Versuchen, den richtigen Effekt erzielst.

Fazit

An der grundsätzlichen Idee von Checkhov’s Gun habe ich nichts auszusetzen. Die Probleme entstehen dann, wenn du ausschließlich wichtige Dinge in deinen Geschichten erwähnst und sie somit vorhersehbar wird. Versuche also dein Foreshadowing so gut es geht zwischen scheinbar unwichtigen Informationen zu tarnen und dein Foreshadowing wird den gewünschten Effekt erzielen.


Was hältst du von Chekhov’s Gun?

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3 Replies to “Chekhov’s Gun – Ein überholter Trick oder hilfreiches Werkzeug?”

  1. Desiree says:

    Ich denke auch, dass es spannender ist, wenn die Pistole plötzlich eine andere Funktion bekommt oder sie eine Falle ist (wenn sie dann doch nicht los geht und eine andere Waffe wichtig ist, die man vorher nicht auf dem Schirm ist).
    Das Vergraben in unwichtiger Information versuche ich selbst immer wieder, aber ich finde es noch schwierig. Man darf es ja nicht zu sehr hinter unwichtiger Information verstecken, sonst verwirrt man den Leser. Ich habe da jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass der Leser dann später eher enttäuscht war oder nicht darauf gekommen ist – er hat die Information soweit vergessen, dass er sich nicht mehr daran erinnert, dass die Pistole überhaupt da war. Dann war es anschließend ein: „Woher kommt die Pistole jetzt her?“ ^^“

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    1. Sina Bennhardt says:

      Ja, es ist superschwierig zwischen dem Vergraben und dem unauffällig-darauf-aufmerksam-machen eine gute Balance zu finden. Vor allem weil alle Lesenden einen anderen Fokus haben und was für den einen offensichtlich ist, bekommt der/die Nächste gar nicht mit^^“
      Außer mich da auf Testleser zu verlassen, habe ich noch keine gute/allgemeine Lösung dafür gefunden…

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  2. Gerrit Beine says:

    Ich denke, das Muster wird häufig verkehrt herum verwendet.
    Wenn die Pistole abgelegt wird, sollte sie auch benutzt werden.

    Was nicht zutrifft ist, dass alles, was ich benutzen will, vorher auch explizit gemacht werden muss. Das ist die Umkehrung der Regel, die aber – aus meiner Sicht – einem Missverständnis unterliegt.
    Denn es darf, sollte und muss Überraschungen geben.
    Sonst ist das Lesen langweilig.

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