Zwischen den Jahren – Eine weihnachtliche (?) Kurzgeschichte

Ich habe schon lange keine (Kurz)Geschichten von auf diesem Blog veröffentlicht. Das liegt zum einen an diesem Jahr – der Stress einer Pandemie tut wenig für meine Kreativität – und zum anderen daran, dass ich schon lange nicht mehr über kürzere Geschichten nachgedacht habe. Deswegen gibt es heute gleich zwei Ungewöhnlichkeiten: Eine Kurzgeschichte. Und das Thema Weihnachten. (Naja, zumindest oberflächlich.) Eigentlich ist es „Zwischen den Jahren“, aber auch das ist nicht so wörtlich, wie man es vielleicht glauben mag.

Ich hoffe, du hast Spaß beim Lesen!

Zwischen den Jahren

Die jubelnden Schreie der Kinder jagten den Jungen aus dem Zimmer. Sie galten nicht ihm, sie galten der Freude, der Überschwänglichkeit und der Aufregung, die das Winterfest mit sich brachte. Aber sie stiegen dem Jungen in den Kopf, schnürten ihm die Luft ab und ließen sein Herz in einer plötzlich Panik in seiner Brust schlagen. Mit fest geschlossenen Augen schlug er die Tür hinter sich zu und für einen einzelnen Moment schien das ganz Haus mit Licht und Lärm zu klingeln. Fahrig griff er nach dem Geländer der steilen Treppe und erlangte seine Balance zurück. Die neue Stille erlaubte ihm zu atmen und nach einigen Momenten traute er sich, die Augen zu öffnen.
Es war kalt. Sein Atem bildete Wolken in den Luft, doch es stört ihn nicht. Durch das Fenster hinaus sah er die grau-schwarzen Silhouetten der Bäume, die sich gegen einen ebenfalls grauen Himmel abzeichneten.

Zögerlich trat den Weg nach unten an. Er ließ die Feier der Kinder im obersten Stockwerk des Hauses hinter sich. Der Junge hatte sowieso nicht dazugehört. Er sah er sich um, aber die Kinder mussten seine Abwesenheit noch nicht bemerkt haben. Niemand folgte ihm hinaus. Und so stieg er die Treppen weiter hinab.
Es gab drei Feiern im Haus. Ganz oben die der Kinder, darunter den Tanz der Erwachsenen und im Erdgeschoss war der Essenssaal, in dem sich die Alten versammelt hatten. Aber der Junge hatte diese Einteilung verpasst. Jemand hatte ihn beim Arm genommen und ihn zu den Kindern gestellt und so musste er ganz nach oben. Und das, obwohl seine Beine im Vergleich zu denen der anderen Kinder schlaksig und lang waren. Obwohl er mit Leichtigkeit das Spielzeug im höchsten Regal erreichen konnte. Obwohl sich seine Wangen vor Scham röteten, da er die Leichtigkeit der Kinder nicht mehr verstand.
Selbst die Kinder hatten es gemerkt. Wie um ihm seine Andersheit vor Augen zu führen, waren sie um ihn herumgesprungen und hatten versucht, ihn zu sich auf den Boden zu zerren.

Jetzt stand er vor der nächsten Tür und rückte seine Kleidung zurecht, um auch das Letzte bisschen Kindlichkeit zu tilgen.

Er legte eine Hand auf die Türklinke und fühlte die Musik durch das Holz vibrieren. Sie prickelte unter seinen Fingern und sandte Schauer seinen Körper hinauf bis zu seiner Kopfhaut. Ein Gefühl, das er nur aus den Momenten größter Freude kannte.
Mit neuem Selbstbewusstsein drückte er die Tür auf und schlüpfte hinein. Dutzende Paare bewegeten sich mit der Musik durch den Raum. Ihre Körper waren eng umschlungen, sie sahen sich gegenseitig verträumt in die Augen und schienen ihn nicht einmal zu bemerken. Hin und wieder klang ein sanftes Lachen durch den Raum. Vorsichtig schob sich der Junge am Rand des Raumes zwischen den Stühlen entlang. Dort saßen einige einsame Erwachsene. Ihre Finger spielten nervös mit Broschen oder Krawatten, ihre Augen fest auf die Tanzenden gerichtet. In ihnen eine stille Hoffnung, dass jemand sie zum Tanz wählen würde. Er stolperte in eine Frau hinein und sie löste ihren Blick von den Tanzenden und sah zum ihm hinab. Ihr Blick war vorwurfsvoll aber dennoch gleichgültig. Er war ein Junge. Kaum mehr als diesen einen Blick wert, denn er war noch nicht Erwachsen und damit von dem Tanz ausgeschlossen.
Der Junge spürte es und mit einem Mal fühlten sich die Blicke nicht mehr gleichgültig, sondern forschend, fast feindselig an. So schnell er konnte, entfernte er sich von der Frau. Er wolte weg, musste weg. Hier gehörte er nicht hin.
Wieder stieg ihm der Scham in die Wangen. Er hastete zwischen den Stühlen hindurch, bemerkte gar nicht, dass sie immer enger standen. Auf ihnen Erwachsene, die sich eng aneinanderschmiegten und innig küssten. Ungeschickt stieg der Junge über ihre ausgestreckten Beine hinweg. Sie schreckten vor ihm zurück, unterbrachen ihre Nähe voneinander mit einem ungläubigen Blick zu dem Kind, das so unbedarft in ihren Raum eingedrungen war. Sie zogen ihre Beine ein, um ihm den Weg zur Tür zu erleichtern und für einen Moment schien es dem Jungen so, als würde auch hier der Lärm auf einen unerträglichen Pegel steigen wie bei der Kinderfeier zuvor. Er rannte aus dem Raum und schlug die Tür hinter sich zu.

Er schluckte die Trauer herunter, spürte wie seine Finger kalt wurden. Was nun? Sein Blick wanderte die Treppe vor ihm hinab. Unten waren die Alten und der Junge wusste, dass er auch dort nicht dazugehören würde, aber zurück konnte er auch nicht. Die Erwachsenen lachten seine Hast hinter verschlossener Tür aus.

Langsam begann der Junge den Abstieg. Seine Bewegungen waren ungelenk, seine Glieder schwer.

Der neue Raum war warm und weich. Große Sofas mit weichen Kissen. Die Alten saßen zurückgelehnt, die Füße hochgelegt. Leise Gespräche und das Klappern von Stricknadeln erfüllte den Raum. Aber seine Anwesenheit störte die Gespräche. Die Alten lehnten sich neugierig vor und betrachteten ihn neugierig, fragten einander, ob sich das Kind wohl verlaufen habe.
Der Junge wanderte durch den Raum, versuchte den Alten und ihren Fragen auszuweichen. Er wanderte tiefer und tiefer in den Raum hinein und er wurde leerer und leerer. Vor einem Kaminfeuer saß ein einsamer alter Mann. Er trug ein Weihnachtsmannkostüm, das er unbequem um sich herumgewickelt hatte, um einen Riss an der Seite zu betrachten.

Der alte Mann bemerkte den Jungen und erkannte seinen Blick. Es war der Blick eines Kindes, das sich in den Armen eines anderen Menschens verstecken wollte – egal, ob diese Arme eine freundliche Umarmung spenden oder ihn zurück hinauf zu den Kindern tragen würden.

„Kannst du es glauben?“, fragte der Mann den Jungen, „Der letzte, der sich dieses Kostüm ausgeliehen hat, muss es kaputt gemacht haben. Möchtest du mir helfen, es zu reparieren?“ Der Junge setzte sich neben ihn und sie arbeiteten gemeinsam. Still und friedlich.

 


Ich hoffe, „Zwischen den Jahren“ hat dir gefallen. Ich würde mich sehr über Kommentare und Feedback freuen. Wie hat dir Zwischen den Jahren gefallen? Möchtest du in Zukunft mehr Geschichten von mir lesen?

Teilen mit:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.