Warum ist das Schreiben so schwierig?

Allein an der Anzahl an Artikeln über das Schreiben, die ich verfasst habe, lässt sich wahrscheinlich ableiten: Das Schreiben ist schwierig. Aber warum ist das so? Das Sprechen ist für die meisten ziemlich intuitiv und das Schreiben ist doch nicht weiter als verschriftliches Sprechen, oder? Sollte das Schreiben da nicht ähnlich einfach sein? Und so gar nicht überraschenderweise ist die Antwort: Nein.

Die Distanz zum Leser

Warum existieren Emojis? Bald nach der Erfindung der schnellen digitalisierten Konversation ist den Menschen aufgefallen, dass es extrem schwierig ist Tonfall, Stimmung und emotionale Nuancen per Schrift mitzuteilen. Diese Nuancen in einer normalen Konversation von Angesicht zu Angesicht zu erkennen ist für die meisten instinktiv und somit einfach. Aber mit einem Bildschirm zwischen den beiden Redenden verlieren wir unglaublich viele Informationen, die uns ansonsten Gesicht, Haltung und Tonfall gegeben hätten. Emojis sind also ein Ersatz um genau diese Emotionen mit dem virtuellen Gegenüber zu teilen.

Ich wette, es ist jedem schon einmal passiert, dass unsere Nachrichten falsch interpretiert wurden. Und dabei sind die durchschnittlichen Nachrichten gar nicht mal so lang. Twitter findet sich mit 280 Zeichen zurecht und trotzdem – oder deswegen? – passieren ständig Missverständnisse. Wir lernen: Schriftliche Kommunikation ist schwierig.

Was ist ein Buch?

Das ist eine zugegebenermaßen ungewöhnliche Frage, aber ich meine sie auch nicht wörtlich. Ein Buch ist eine Geschichte, eine sehr sehr lange Nachricht an den Leser. Eine sehr sehr lange Nachricht, bei der der Leser nicht sofort reagieren oder um eine Erklärung bitten kann. Der Raum für versehentliche Undeutlichkeiten und Missverständnisse ist gewaltig und der Schreibende hat keine Möglichkeit, sich im Nachhinein zu erklären.

Wer ist der Leser?

Das weiß man als Schreibender nicht. Wir kennen die Lesenden nicht. Wir wissen nicht welche Erfahrungen sie gemacht haben, was sie geprägt hat oder ihr Allgemeinwissen. Woher sollen wir dann wissen, wie wir mit ihnen reden können? Einteilungen wie Genre und Zielgruppe können helfen, aber auch dann ist es noch lange keine Garantie, dass wir den Leser richtig ansprechen können. Nein, stattdessen muss der Schreibende versuchen, jeden Leser zu erreichen, ohne andere zu langweilen, zu verschrecken oder zu entfremden. Das ist beim Sprechen vor einem unbekannten Publikum schon schwierig, aber beim Schreiben, wenn man sich bei Undeutlichkeiten noch nicht einmal erklären kann? Extrem schwierig.

Ein Autor ist ein Künstler vor Publikum, das ihn nicht sehen kann, mit nur einer einzigen Chance seine Geschichte richtig zu erzählen.

Der Anspruch an schriftlicher Perfektion

Wer hat nicht schon einmal so etwas ähnliches gehört:

Beim Schreiben hat man die Möglichkeit und die Zeit, seine Gedanken nahezu perfekt herüberzubringen. Beim Sprechen hat man nur eine Chance. Das Schreiben muss so viel einfacher sein.

Und wer auch immer das gesagt hat, hat in gewisser Weise noch nicht einmal Unrecht. Was gesagt ist, ist gesagt und kann beim Sprechen nicht zurückgenommen werden. Beim Schreiben hat man den Luxus, seine Gedanken genau zu formulieren, zu überarbeiten und zu perfektionieren. Was bei dieser Ansicht aber außer Acht gelassen wird, ist genau das, was ich oben schon angesprochen habe:

Beim Sprechen kennt man seinen Konversationpartner und kann sich im Zweifelsfall erklären, seinen Punkt verdeutlichen und auf seinen Gegenüber eingehen. Das geht beim Schreiben nicht mehr, wenn man den Text einmal veröffentlicht hat. Natürlich kann man versuchen sich präventiv zu erklären, sein Argument von möglichst vielen Seiten auszuleuchten und deutlich darzustellen, aber da sind wir bei den zwei Problemen von vorher: Schriftliche Kommunikation ist schwierig und wir kennen den Leser nicht.

Worauf möchte ich hinaus?

Es ist einfach anzunehmen, dass das Schreiben ähnlich trivial wie das Sprechen ist, aber nur weil beides die Sprache nutzt ist es noch lange nicht vergleichbar. Zu schreiben ist Kunst und Handwerk zugleich und verbindet die Schwierigkeiten von beidem. Aber diesen Ruf hat das Schreiben nicht. Kommentare wie „Ich wollte schon immer mal ein Buch schreiben.“, „Ach, das kann ja nicht so schwer sein.“ oder „Das könnte ich auch.“ hört man häufig und es ist wahnsinnig frustrierend, wenn nicht verstanden wird, wie viel Erfahrung, Aufwand und Können eigentlich hinter dem Schreiben steckt.

 


Manchmal bin ich frustriert. Danke, dass ihr mir zuhört.

Teilen mit:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.