Aufwachen – Wie du den Anfang deiner Szenen verbessern kannst

Das Aufwachen ist ein wichtiger Bestandteil des Tages im Leben jedes Menschen. Wie man aufwacht, ob man ein Morgenmensch ist, ob man Kaffee braucht oder nicht, kann außerdem viel über die allgemeine Persönlichkeit sagen. Trotzdem finde ich, dass das Aufwachen kein guter Punkt ist, um mit einer neuen Szene anzufangen. Warum ist das so?

Wieso beginnt man eine Szene mit dem Aufwachen?

Das lässt sich nicht so einfach beurteilen und die Gründe können sehr vielfältig sein. Zunächst einmal beginnen die meisten Geschichten bei ihrem (zeitlichen) Anfang und da ist es nur natürlich auch die Szenen an ihrem zeitlichen Anfang, also dem Beginn eines neuen Tages mit dem Erwachen, zu beginnen. Außerdem hat man in den frühen Stunden des Tages oft ein bisschen Zeit für sich und damit als Autor:in Zeit das Innenleben seiner Figuren näher zu beleuchten. Und dann kommen da noch die ganzen charakterisierenden Entscheidungen des Morgens dazu: Frühstück oder nicht, wenn ja, welches? Kaffee, Tee, Wasser? Gute Laune, schlechte Laune? Wecker oder kein Wecker? Das Bett ist außerdem ein sehr intimer Ort und ein sehr persönlicher Einblick in das Leben deiner Figuren.
Es scheint im ersten Moment sehr logisch und sinnvoll – zumindest in manchen Szenen – mit dem Erwachen deiner Figuren zu beginnen. Wieso mag ich das aber nicht?

Womit kannst du eine Szene besser beginnen?

Je mehr du dich mit dem Schreiben beschäftigst, desto häufiger wirst du damit konfrontiert werden, alte Denkmuster und Gewohnheiten in Frage zu stellen. Eine Geschichte mit dem Erwachen einer Figur zu beginnen ist nicht schlecht, ich würde sogar sagen, dass es in vielen Fällen eine gute Entscheidung ist. Aber es gibt bessere und wirkungsvollere Methoden deine Szenen zu einzuleiten.
Darum geht es letztendlich beim Schreiben: Gute Techniken gegen bessere austauschen.

Bewegung

Figuren werden durch Handlungen charakterisiert. Der einfachste Weg, deine Figuren zum Handeln zu bringen, ist sie ständig in Bewegung zu haben. Warum stimmt das? Sobald deine Figur in Bewegung ist, stellen sich dem Lesenden einige Fragen: Was macht sie genau? Wo muss sie hin? Was will sie da? Warum will/muss/soll sie da hin? usw. Wenn Fragen gestellt werden, müssen sie früher oder später beantwortet werden. Und wenn du Fragen beantwortest, charakterisierst du deine Figuren. Eigentlich ganz einfach.
Aber das Aufwachen an sich ist relativ stationär. Es gibt selten den Schwung, den es braucht, um den Leser richtig mitzureißen. Ich möchte dir hier dreimal denselben Anfang einer Szene zeigen.

Beispiel 1: Erwachen

„Tomo erwachte vor dem Morgengrauen. Er lauschte in die Stille. Die Stadt schlief, doch bald würde sie beginnen sich zu recken und das geschäftige Treiben des Morgens würde auch den letzten Anwohner aus dem Bett holen.“

Beispiel 2: Ohne Erwachen

„Tomo starrte in die Dunkelheit. Laila schmiegte sich enger an ihn und er strich ihr mit einem Lächeln über die Haare. Er war noch nicht bereit, sie durch eine unbedachte Bewegung zu wecken.“

Beispiel 3: Der Fokus auf Bewegung

„Tomo löste sich behutsam von Laila und schlug die Bettdecke zurück. Bedacht darauf, keine Geräusche zu machen, tappte er im Dunkeln durch das Zimmer. Draußen grüßte ihn das düstere Grau eines wolkenlosen Morgens.“

Welche der drei Versionen dir am besten gefällt, sei erst einmal dahingestellt. Aber hoffentlich siehst du, dass jede der drei Beispiele selbst in den drei Sätzen ein sehr unterschiedliches Tempo und Gefühl mit sich bringt. Beispiel 1 verleitet dich dazu die Sinneseindrücke zu beschreiben, zu verweilen und die Geschwindigkeit zu drosseln. Beispiel 3 legt das Hauptaugenmerk auf Handlungen. Beispiel 2 liegt irgendwo dazwischen. Ich bin interessiert: Welches der drei gefällt dir am besten?

Unterbrechung des „Normal“

„Beginne eine Geschichte nicht am Anfang. Beginne eine Geschichte in dem Moment, in dem etwas schief läuft.“ Diesen Tipp liest man als Schreiberling oft in der einen oder anderen Form. Und ich mag diesen Ansatz, finde ihn aber in der Umsetzung ein wenig schwierig.

Das Gute: Beginnst du mit der Unterbrechung des Normal – und damit nicht beim normalen Beginn des Tages – sind deine Leser direkt im Geschehen. Du verhinderst, dass du dich am Anfang einer Szene in einem Infodump verlierst, deine Figuren sind direkt in Bewegung und du schneidest Überflüssiges aus der Szene heraus. Ein win-win-win bisher.
Das Schlechte: Es ist leichter gesagt als getan nur Überflüssiges zu schneiden. In dem du eine – oder im schlimmsten Fall, jede – Szene mitten im Geschehen beginnst, verlierst du die ruhigen Momente und viel Möglichkeit die Entwicklung und Persönlichkeiten deiner Figuren zu zeigen. Und was, wenn das Aufwachen eine Schlüsselszene für deine Figur ist?

Ist es schlimm eine Szene mit einem Aufwachen zu beginnen?

Überhaupt nicht. Das Aufwachen kann – z.B. als wiederkehrendes Muster – sehr starke Bilder erzeugen und genau die richtige Wahl sein. Allerdings rate ich dir dazu, eine Szene, die mit dem Erwachen einer Figur beginnt, gründlich zu analysieren.

Wieso muss die Szene mit dem Erwachen beginnen?
Wann genau beginnt die „Action“/der Kern der Szene?
Wie lange braucht es (in Sätzen, Absätzen oder Seiten) bis du dort ankommst?
Würde die Szene etwas verlieren, wenn sie später beginnt?
Was möchtest du mit der Aufwachszene erreichen?

Diese Fragen können dich leiten, wenn du entscheiden möchtest, ob eine Szene tatsächlich mit einem Aufwachen beginnen soll.


Was hältst du von Aufwach-Szenen? Magst du sie oder sind sie dir zu viel Klischee?

Teilen mit:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.