[Worldbuilding] Realismus: Eine Ausrede für einseitige und brutale Fantastik

Alle Jahre wieder entbrennt dieselbe Debatte unter Schreiberlingen: Sollte die Fantastik realistisch sein oder zerstört übermäßiger Realismus die Kreativität? Liegt es nicht im Kern der Fantasy, dass sie nicht realistisch ist? Die Fragen sind berechtigt und wertvoll. Und tatsächlich finde ich es wichtig, sich mit dieser Frage bei seinem Worldbuilding zu beschäftigen, denn sie beleuchtet sehr gut wie unterschiedliche Wahrnehmungen zu anderen Ergebnissen führen können.

Was bedeutet „Realismus“?

Bevor ich damit anfange, irgendwelche Fragen zu beantworten, möchte ich „Realismus“ definieren, wie ich ihn verstehe. Der Duden sagt dazu u.a. Folgendes: „mit der Wirklichkeit übereinstimmende, die Wirklichkeit nachahmende künstlerische Darstellung[sweise] in Literatur und bildender Kunst“. Die Fantastik ist aber laut Duden „das Fantastische, Wirklichkeitsfremde, Unwirkliche“. Der Realismus in der Fantastik – im Sinne der Definition – ist also erstmal ein Widerspruch.

Damit im Folgenden klar ist, wovon ich rede, möchte ich den Realismus in der Fantastik auf folgende Weise definieren: Die Einarbeitung realistischer Elemente, um die Fantastik der (subjektiven Wahrnehmung der) Wirklichkeit anzunähern.

Realismus als Ausrede für einseitige und brutale Fantastik

Es ist nur natürlich anzunehmen, dass wir uns aktuell am fortschrittlichsten Zeitpunkt der Menschheit befinden, wenn wir es mit unserer vergangenen Existenz vergleichen. Unsere Technologie, sozialen und wirtschaftlichen Systeme, eigentlich alles sollte jetzt an seinem fortschrittlichsten Punkt und wird in der Zukunft nur fortschrittlicher werden. Unsere Methoden sind einfacher, ausgearbeiteter, durchdachter und allgemein einfach besser. (Soweit die unterbewusste Annahme.)
Im Umkehrschluss bedeutet das: Früher – und diese Zeiteinteilung ist absichtlich unspezifisch – war alles schlechter. Und da viele Fantasy-Geschichten, vor allem wenn es um die Realismus-Debatte geht, in einem mittelalterlichen und magischen Äquivalent unserer Welt spielen, ist klar: Den Menschen muss es schlechter gehen als uns. Und zwar immer schlechter, je weiter wir in die Vergangenheit gehen.

Wozu führt diese Annahme?

Im Namen des Realismus sammeln die Schreibenden die verwerflichsten Eigenschaften der Menschheit und ihre schrecklichsten Erfahrungen. Diese verteilen sie dann freigiebig in der Geschichte. Soziale Missstände, Gewalt und – auf kleinster aber wortwörtlichster Ebene – Dreck sind überall zu finden, wohin man sich auch dreht. Aber diese frühere und schlechtere „Variante“ unserer Welt wird damit nicht realistisch.

Tatsächlich ist die Realität jeder einzelnen Person sowohl in Fiktion als auch im realen Leben von Perspektiven geprägt und nur mehr Gewalt unter zu bringen, macht noch nichts „realistischer“, sondern höchstens einer einzelnen Vorstellung von Realität näher.

— Aus dem Artikel Beschreib mir deine Realität und ich zeige dir deinen Realismus von Geekgeflüster

Weil ich mich in diesem Artikel nicht allzu lange mit den Gründen für den „Realismus“ auseinandersetzen möchte, rate ich dir, den oben zitierten Artikel zu lesen. Hier geht es jetzt mit realistischem Worldbuilding weiter.

Realismus im Worldbuilding

Wie entsteht Realismus im Weltenbau? Ich finde besonders im Worldbuilding folgenden Ansatz interessant: Recherchiere, was damals Realität war, finde heraus warum und nutze deine Erkenntnisse, um deine eigene Welt realistischer zu gestalten. Das klingt abstrakt, deswegen möchte ich es an einem Beispiel verdeutlichen.

Ein Beispiel: Gold

Bei den alten Völkern Mittel- und Südamerikas hatte Gold einen anderen Stellenwert als z.B. im europäischen Raum. Die europäischen Invasoren waren erschüttert, als sie einige Riten der Völker beobachteten, in denen das Gold haufenweise in Seen versenkt oder das kostbare Metall einfach nur als „nette Verzierung“ benutzt wurde, um u.a. die Straßen schöner zu gestalten. Ihre Schlussfolgerung? Die Völker müssen offensichtlich noch viel mehr Reichtum besitzen, wenn sie so mit Gold umgehen! Massenmord folgte, ohne dass die europäischen Invasoren die Schätze fanden, die sie vermuteten.
Ihre eigene eurpäische Sichtweise hat sie so sehr beeinflusst, dass ihnen die andere viel wahrscheinlichere Schlussfolgerung gar nicht in den Sinn gekommen ist: Das Gold ist wertlos, weil es nicht als Geld benutzt wird. In den Augen der amerikanischen Völker war es wahrscheinlich nur ein minderwertiges Metall (zu weich und zu schwer), das sie allein wegen seiner Farbe schätzten.

Logik als Basis deiner Entscheidungen

Du siehst: Die Invasoren haben den falschen Schluss gezogen, weil sie die Frage nach dem Warum nicht ausreichend beantwortet haben. Wenn du also Schlüsse ziehst, bei denen du dich ausschließlich auf deine eigenen Erfahrungen verlässt, wirst du unweigerlich zu falschen Folgerungen kommen. Also: Recherchiere gründlich und hinterfrage immer den Ursprung und Kontext deiner Quellen.

Realismus ist im Grunde nichts Anderes, als eine an die Wirklichkeit angelehnte innere Logik in deiner Geschichte. Und diese innere Logik ist gleichzeitig das einfachste Konzept des Weltenbaus und das, das am schwierigsten umzusetzen ist. Denn wie weit reichen die logischen Konsequenzen einer beliebigen weltenbauerischen Entscheidung? Das ist die Frage, die es bei jeder Entscheidung zu beantworten gilt und meistens ist die Antwort: Weiter als du anfangs angenommen hast. Paradoxerweise sind Entscheidungen, die die Welt deiner Geschichte grundlegend verändern, oft einfacher umzusetzen als kleine Änderungen, weil sie so viel verändern, dass man als Leser keinen Vergleichswert mehr hat. Ohne Vergleichswert ist es einfacher Veränderungen einfach zu akzeptieren ohne die Logik dahinter zu weit zu hinterfragen.

Worauf will ich hinaus?

Um eine realistische fantastische Geschichte zu erzählen, muss sie nicht brutal und voller Gewalt oder Missstände sein. Eine realistische Welt ist in ihrer Präsentation konsequent und durchdacht, ganz egal wie absurd (lies: fantastisch) einzelne Elemente im Vergleich zur Wirklichkeit sind. Drachen, Einhörner und Riesen machen deine Geschichten nicht unrealistischer sondern reicher. Aber auch nur solange die Konsequenzen der Existenz solcher Wesen gründlich durchdacht sind.

 


Was hältst du vom Realismus in der Fantastik?

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One Reply to “[Worldbuilding] Realismus: Eine Ausrede für einseitige und brutale Fantastik”

  1. Dirk B. says:

    Eine beeindruckend weitsichtige Abhandlung.
    Danke für die Perspektiverweiterung.

    Antworten

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