Das Leiden schreiben – Die Tragik eines Sonnenuntergangs

Ich habe eine Schwäche für eine gewisse Tragik in Geschichten. Wenn die Figuren leiden, aber dieses Leiden überwinden, ob durch Freunde oder eigene Initiative, macht einfach für sehr packende und emotional tragende Geschichten. Deswegen möchte ich mir für diesen Artikel diese Tragik näher untersuchen.  Wie entsteht gute Tragik, die nicht billig wirkt? Gibt es allgemeine Regeln?

Den Sonnenuntergang schreiben

Tragik und Leiden kann an vielen Stellen in deinen Geschichten entstehen. Tod, Streit, moralische Uneinigkeiten und Zerstörung stehen dabei oft an der Front. Allerdings treffen diese Dinge nicht immer mein Herz und mein Mitgefühl. Natürlich fühle ich mit, aber wenn das Leiden so groß ist, dann habe ich das Gefühl, dass ich es nicht verstehen kann. Stattdessen konzentriere ich mich lieber auf das „kleine Leiden“, das jeder kennt und nachvollziehen kann. Das Leiden, bei dem sich ein Knoten im Magen bildet und genau deswegen so effektiv ist. Jeder kann das kleine Leiden nachvollziehen.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich das Konzept von „Writing Sunsets“ gefunden und ich möchte es dir an einem Beispiel erklären.

Du baust dir eine Figur, die recht alltäglich ist und stellst sie dem Leser vor. Der Leser soll sie kennen lernen. Jedes Lächeln, jede Falte, jede Meinung und jeder Dialogfetzen ist darauf ausgerichtet, sie zu charakterisieren. Der Leser soll beobachten wie die Figur wächst und fällt. Die Figur soll so lebendig sein, dass der Leser nur die Hand nach ihr ausstrecken muss, um sie zu berühren und wahr werden zu lassen.
Ein wichtiges Detail ist, dass diese Figur den Sonnenuntergang liebt. Es ist für sie die schönste und wichtigste Zeit des Tages. So wichtig, dass sie jeden Abend zum Strand läuft und beobachtet wie die Sonne hinter dem Horizont versinkt. Sie beobachtet die Farben. Das Orange, Rot und Rosa, das langsam dem dunkelblau und lila und den funkelnden Sternen der kommenden Nacht weicht. Und am nächsten Tag ist der Sonnenuntergang ein wenig anders, aber nicht weniger wunderschön. Diesmal gibt es einige Wolken und die Figur freut sich ebenso sehr über diesen neuen Sonnenuntergang.
Und wenn der Leser sicher weiß, dass es für die Figur nichts Schöneres auf der Welt gibt als einen Sonnenuntergang, verliert sie ihr Augenlicht.

„Nimm deinen Figuren, was sie am meisten lieben“

Jede Figur hat einen Traum. Jede Figur hat etwas, wonach sie sich sehnt. Und es gibt diesen Rat unter Schreiberlingen „Nimm deinen Figuren, was sie am meisten lieben“ und das halte ich für den falschen Ansatz. Denn, ja, es ist unglaublich traurig etwas zu verlieren, aber wenn man nichts dagegen machen kann, hört die Entwicklung an dieser Stelle auf. Stattdessen sollte der Rat lauten:

Nimm deinen Figuren die Möglichkeit, das zu bekommen, was sie am meisten lieben.

Denn es ist tausendmal trauriger zu wissen, dass Sonnenuntergänge immer noch existieren, aber man sie nie mehr wird sehen können, als einfach die Sonne erlöschen zu lassen. Nimm deinen Figuren nicht, was sie lieben, sondern gib ihnen das Wissen, dass sie es niemals bekommen können. Das kann viele verschiedene Formen annehmen.

  • Eine Familie muss zuschauen, wie ihr Heim von einem reichen Investor gekauft wird, weil ihnen das Geld fehlt es selbst zu tun.
  • Brich dem Vogel die Flügel.
  • Gib dem brillianten Wissenschaftler Demenz.

Die Hoffnung

Aber an dieser Stelle solltest du nicht aufhören. Denn das Schöne und zugleich Traurige ist: Einer Figur eine Möglichkeit zu nehmen, ihren Traum zu erreichen, wird sie nicht aufhalten. Denn es gibt immer nach die Hoffnung, dass man es vielleicht doch noch schaffen könnte. Vielleicht heilen die Flügel ja so, dass der Vogel trotzdem noch fliegen kann. Und wenn das nicht geht, dann gibt es bestimmt eine Operation, die helfen kann, oder? Man muss nur den richtigen Spezialisten finden und dann wird das schon. Bestimmt.

Und diese Hoffnung zu schreiben, ist was das Leiden deiner Figuren betonen und deinen Lesern das Herz zerreißen wird. Wenn die Figur trotzdem immer noch jeden Abend zum Strand geht und die Sonne im Gesicht spürt. Wie die Kälte langsam vom Sand hinaufkriecht und die Wärme zusammen mit der Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Vielleicht sieht sie sogar noch den Schatten ihrer Finger vor einem immer dunkler werdenden Hintergrund. Und wie sie die Farben immer noch in ihren Gedanken sieht. Das Rosa, Orange und Rot, bis auch die Erinnerung daran schwindet.

Nach dem Leiden wird alles gut

Den Sonnenuntergang zu schreiben, kann deine Leser emotional mehr mitnehmen, als es die Zerstörung einer Welt jemals könnte. Die Angst den Zugang zu etwas zu verlieren, das man liebt, ist real und viele haben sie schon gespürt. Indem du den Sonnenuntergang schreibst, zeigst du deinen Lesern, dass am Ende trotzdem alles gut werden kann. Es zeigt deinen Lesern, dass sie ein unsausweichliches Schicksal akzeptieren können und trotzdem einen neuen Weg finden können, das zu erreichen, was sie lieben. Es zeigt deinen Leser, dass Traurigkeit ein großer Bestandteil des Lebens ist. Aber auf der anderen Seite steht der Mut und der unabänderliche Wille, seine Träume zu verfolgen.

Ein Sonnenuntergang gibt dir ein bittersüßes Ende für deine Figuren. Vielleicht erreichen sie ihren Traum trotzdem, nur nicht auf die Art und Weise, wie sie es sich gewünscht hätten.

 


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