Wie viel Zeit braucht man, um eine neue Figur einzuführen?

Damit deine Figuren nachvollziehbar und verständlich sind, musst du ihnen Raum zum Atmen geben. Sie brauchen Zeit, sich zu entwickeln und beim Leser anzukommen. Aber wann ist der letzte gute Zeitpunkt in deiner Geschichte, um eine neue Figur einzuführen? Gibt es überhaupt einen letzten Zeitpunkt? Und wann ist eine neue Figur zu spät?

Was sollte man alles über eine Figur wissen?

Um die Frage nach dem „zu spät“ zu beantworten, solltest du dir zuerst überlegen, was deine Leser alles über eine Figur wissen sollten, die vorkommt. Ich habe dabei eine Grundregel: Je wichtiger die Figur für den Plot ist, desto mehr Zeit muss der Leser mit ihr verbringen. Für die Hauptfiguren ist das Recht offensichtlich, denn sie sind die treibende Kraft der Geschichte. Aber auch Nebenfiguren, die eine Schlüsselfunktion einnehmen werden, sollten entsprechend vorbereitet werden. Ansonsten läufst du Gefahr, dass die plötzlich helfende Nebenfigur aus dem Nichts kommt und sich für deine Leser nicht nachvollziehbar anfühlt.

Aber was sollten deine Leser über deine Figuren wissen?

Rein faktentechnisch? Da ist tatsächlich nicht viel notwendig. Es ist nicht unbedingt wichtig, welche Lieblingsfarbe die Figur hat oder ob sie allergisch gegen Nüsse ist. Denn diese Fakten spielen selten in die Entwicklung des Plots hinein. Stattdessen ist es wichtig, dass deine Leser die Figur emotional kennen. Sie müssen ihre Ziele und Motive und auch ihren Entscheidungsprozess verstehen. So kommt die Entscheidung, am Ende der Geschichte z.B. zu helfen, nicht überraschend.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um eine neue Figur einzuführen?

Die kurze Antwort: Bevor du sie benötigst.

Denn wenn du eine Figur erst in dem Moment einführst, in dem du sie brauchst, wird es sich für den Leser so anfühlen, als wäre sie nur aus Plotgründen existieren. Und damit stellen die Leser schnell deine ganze Geschichte in Frage. Dabei ist es erstmal gar nicht so wichtig, dass du die Figur „persönlich“ einführst. Es reicht oft schon, wenn du sie vorher z.B. in Dialogen erwähnt hast und den Leser so auf ihre Existenz vorbereitet hast. Eine Charakterisierung über andere Figuren kann spannend sein und die Meinung deines Lesers formen, bevor man der Figur überhaupt begegnet.

Trotzdem, und ich wiederhole es, weil ich es wichtig finde: Wenn die Figur einen großen Platz in dem Ablauf der Geschichte einnimmt, dann führe sie so früh wie möglich ein. Da reicht es nicht, wenn sie vorher einmal von anderen Figuren erwähnt wurde.

Wann ist es zu spät, um eine neue Figur einzuführen?

Das kommt ganz auf die Wichtigkeit deiner Figur an, aber sobald es eine wiederkehrende Figur ist – und sollte sie auch nur zweimal auftauchen – ist das letzte Drittel zu spät. Im letzten Drittel deines Buches konzentriert sich die ganze Geschichte auf die Hinführung zum Höhepunkt der Geschichte, seine Auflösung und schließlich die Entstehung des neuen Normals für deine Figuren. Eine Figur einzuführen braucht aber Zeit und Raum und verträgt sich nicht sonderlich gut mit dem Ende der Geschichte. Du solltest unbedingt vermeiden, dass irgendetwas in deiner Geschichte vom Hauptkonflikt ablenkt.

Können im letzten Drittel des Buches trotzdem neue Figuren auftreten?

Absolut, aber das funktioniert im Allgemeinen nur verlässlich, wenn die Figur vorher bereits erwähnt wurde oder sie unwichtig genug ist, dass sie keine Auswirkungen auf den Plot hat. Es ist an der Zeit für ein paar Beispiele.

Beispiel 1:

Stell dir eine Romance-Geschichte vor, in der die Hauptfigur und ihre potentielle zukünftige Partnerin am Ende nicht zusammenkommen. Dann im letzten (!) Kapitel lernt die Hauptfigur jemand Neues kennen und das Buch endet mit dem Fazit, dass die Liebe vielleicht doch nicht gestorben ist und sie es gerne mit dieser neuen Figur probieren würde. Warum funktioniert das?
Die neue Figur hat keine Auswirkungen auf die Geschichte, sondern wird dafür genutzt, um dem doch eher ungewöhnlichen Romance-Buch die Aussicht auf ein Happy End zu geben.

Beispiel 2:

In einem Krimi wird im Verlauf der Geschichte erwähnt, dass ein bestimmter Krimineller sich für einen bestimmten Moralkodex einsetzt – denke Robin Hood – und er deswegen wahrscheinlich nicht der Mörder ist. Beim Höhepunkt der Geschichte, als die Kommissarin von dem tatsächlichen Täter fast überwältigt wird, erscheint besagter Krimineller und hilft ihr den Täter zu überwältigen. Warum kann das funktionieren?
Hier befinden wir uns in einem grauen Bereich. Dieser „Robin Hood“ kann – je nach Deutlichkeit und Explizitheit seiner bisherigen Erwähnungen – deutlich genug im Kopf des Lesers sein, dass er als eine echte Figur gesehen wird. Hier hängt viel davon ab, wie du bisher mit seiner Figur umgegangen bist. Um also sicher zu gehen, dass er nicht aus dem Nichts kommt, solltest du sicherstellen, dass du ihn mehrere Male – und besonders in Verbindung mit dem Fall – erwähnt hast. Vielleicht hat er schon einmal einem Opfer des Täters geholfen. Vielleicht findet die Komissarin früh in der Geschichte seine DNA am Tatort.

Beispiel 3:

Kurz vor dem (oder schlimmer noch beim) Höhepunkt der Geschichte wirft sich ein mysteriöser Kämpfer ins Gefecht und schlägt „die Bösen“ fast eigenhändig zurück. Warum funktioniert das nicht?
Das Auftreten der neuen Figur wirft zu viele Fragen auf. Wer ist der geheimnisvolle Kämpfer? Warum war er da? Wieso hilft er der Hauptfigur? Was hat er mit der Geschichte zu tun? Wenn er und die Hauptfigur dasselbe Ziel haben, warum hat er sich nicht schon früher gezeigt? Und und und. Diese Fragen kannst du kaum am Ende der Geschichte beantworten, ohne die Struktur komplett zu verändern oder das Ende mit Erklärungen hinauszuzögern.

Fazit

Bei der Einführung von Figuren möchtest du einen „Deus Ex Machina“-Moment vermeiden, also einen unerwarteten (und meist ungerechtfertigten/unglaubwürdigen) Helfer in einer Notlage. Und die einfachste Methode so einen Moment zu vermeiden, ist, deine wichtigen und plot-verändernden Figuren früh einzuführen und mit dem Leser bekannt zu machen. Das heißt nicht, dass eine neue Figur im letzten Drittel deines Buches nicht funktionieren kann, sondern einfach nur unnötig schwierig ist.

 


Was war der späteste Zeitpunkt, an dem du eine Figur in eine Geschichte eingeührt hast?

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