Das auslösende Moment im ersten Kapitel: Verschenkte Spannung?

Der erste Satz soll fesseln. Und wenn nicht der erste Satz, dann mindestens das erste Kapitel. Man muss richtig Spannung aufbauen, damit der Leser das Buch weiterliest. Sagt man zumindest. Und so beginnen viele Bücher mit einem metaphorischen oder auch buchstäblichen Knall, der Katastrophe. Das auslösende Moment. Aber bringt dieses überhaupt etwas, wenn man die Figuren noch nicht kennt?

Der „normale“ Spannungsbogen

Der normale Spannungsbogen für eine Geschichte sollte dir bekannt sein. Die Geschichte beginnt mit der Einführung der Hauptfiguren und dem Konflikt des Buches als auslösendes Moment für die ganze Geschichte. (Spannung steigt mit Konflikt an und flacht oft wieder ein wenig ab.) Dann geht die Geschichte voran und die Spannung steigt mit der Eskalation des Konfliktes weiter an. Es kommt zu Rückschlägen für die Hauptfiguren, aber auch zu kleineren Erfolgen. Im letzten Drittel wird die Auflösung des Konfliktes unausweichlich und die Spannung steigt auf einen neuen Höhepunkt. Der Konflikt wird gelöst und die Spannung löst sich auf.

Soweit so gut.

Jetzt gibt es aber diesen Tipp, dass das Buch ab der ersten Seite packen soll und das verleitet viele Schreiberlinge dazu, das auslösende Moment möglichst dramatisch und groß (und am Besten direkt in das erste Kapitel) zu schreiben, aber das halte ich für einen Fehler.

Aber der Anfang muss doch spannend sein?

Natürlich muss der Anfang spannend sein. Aber ich möchte deswegen hier nochmal darauf hinweisen, dass es drei Arten von Spannung gibt: Neugier, Ungewissheit und Angst. Direkt am Anfang deines Buches Angst hervorzurufen ist unglaublich schwierig und auch nicht unbedingt notwendig. Stattdessen solltest du die folgenden drei Dinge bedenken:

1. Das auslösende Moment muss (und sollte vielleicht) nicht im ersten Kapitel sein

Bitte versteh mich nicht falsch. Je nach Länge deiner Geschchte, der Art deines Erzählens und dem allgemeinen Aufbau kann und darf das auslösende Moment im ersten Kapitel sein. Ich sehe allerdings häufiger, dass sich am Anfang zu wenig Zeit genommen wird als zu viel. Die ersten Kapitel sind dazu da, die Figuren, den Konflikt und je nach Genre die Welt einzuführen. Was den Lesenden durch die ersten paar Kapitel trägt, ist die Neugier und nicht der Schockfaktor. Tatsächlich kann ein Schockmoment am Anfang den gegenteiligen Effekt haben: Der Leser denkt, dass du anders keine Spannung erzeugen kannst und legt das Buch zur Seite.

Unterschätze nicht, wie weit die Neugier den Lesenden tragen kann.

2. Die Nähe zu den Figuren

Ein großer Grund, warum die Spannung im Laufe einer Geschichte immer weiter eskaliert, ist die wachsende Nähe des Lesenden zu den Figuren. Je mehr deine Leser deine Figuren kennen lernen und sich mit ihnen anfreunden, desto schlimmer werden sie auch kleine Konsequenzen finden. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass sie Dinge, die den Figuren am Anfang passieren, nicht so schlimm finden werden, weil sie einfach noch nicht die Verbindung haben. Ein wenig mitfühlen werden sie natürlich, aber über das normale Mitgefühl zu einem Fremden wird ihre Reaktion kaum hinausgehen.

Die Figuren gleich im ersten Kapitel mit einem Riesenkonflikt zu konfrontieren – vor allem wenn dieser Konflikt an den emotionalen Kern der Figur geht – ist verschenktes Potential. Nutze lieber die ersten Kapitel, damit dein Leser die Figuren ein wenig kennen lernt und der emotionale Konflikt härter trifft.

3. Was kommt nach der Katastrophe?

Wenn du den Anfang deiner Geschichte zu extravagant machst, dann ist die Frage, wo sich die Spannungskurve im Verlauf der Geschichte noch hinentwickeln soll. Du riskierst, dass deine Geschichte in der Mitte einen „Durchhänger“ hat und die Spannungskurve eher den Höckern eines Kamels ähnelt. Aber gerade die Mitte sollte den Leser auf den Höhepuknt im letzten Drittel des Buches vorbereiten.

Deswegen: Vergleiche das auslösende Moment mit dem Höhepunkt des Konfliktes. Was ist schlimmer/spannender? Die Antwort sollte sehr eindeutig der Höhepunkt des Konfliktes sein, ansonsten solltest du die Struktur deiner Geschichte überdenken.

Die Lösung?

Je nachdem wie und was du schreibst, wird auch deine Lösung individuell ausfallen. Aber um das Ganze auf die Spitze zu treiben, möchte ich das ganze einmal an einem beispielhaften Buch darstellen: Angenommen, du hättest ein Buch mit 36 Kapiteln. (Die Zahl ist so gewählt, weil dann jedes Drittel 12 Kapitel enthält und 12 sehr viele Teiler hat.)

Im ersten Drittel

In den Kapiteln 1 – 3 stellst du Figuren und Setting vor. Außerdem kannst du den Konflikt schon andeuten, ohne explizit zu werden bzw. ohne ihn auf deine Figuren persönlich zu beziehen. In einem Katastrophenroman würden die Leser zum Beispiel mitbekommen, dass an der Küste ein Erdbeben war, ohne dass die Hauptfiguren davon direkt betroffen wären.

Dann, in Kapitel 4 – 6, sollte das auslösende Moment stattfinden. Deine Hauptfiguren werden mit einem Problem konfrontiert, dem sie nicht ausweichen können und entscheiden sich dazu, sich so zu verhalten, dass deine Geschichte lesenswert wird. Zu diesem Zeitpunkt solltest du genug Zeit gehabt haben, deine Figuren so weit zu entwickeln, dass auch ein emotionaler Konflikt mitreißend ist.

In Kapitel 7 – 12 gewöhnen sie sich langsam an ihre neue Situation und nach dem Spannungshubbel der Kapitel davor, hat der Leser die Gelegenheit ein wenig durchzuatmen.

Im zweiten Dritten

Das zweite Drittel lässt sich am wenigsten streng unterteilen, weil es sich je nach Genre und Art der Geschichte stark unterscheiden wird. Um es aber kurz zu sagen:

Im zweiten Drittel hast du Zeit deine Nebenkonflikte auszuleben und den Hauptkonflikt weiter eskalieren zu lassen. Deine Figuren können Rückschläge erleben und kleine Erfolge verbuchen, aber du solltest sicherstellen, dass es unsicher bleibt, ob sie den entscheidenden Moment des Hauptkonflikts für sich entscheiden können. Die letzten Kapitel des zweiten Drittels arbeiten aktiv auf den Höhepunkt deiner Geschichte hin, der mit dem ersten Kapitel des letzten Drittels erreicht wird.

Im dritten Drittel

Kapitel 25 – 28 sollten allein den Höhepunkt deiner Geschichte im Fokus haben. Der Konflikt eskaliert und es entscheidet sich, ob deine Geschichte einen glimpflichen oder schlechten Ausgang haben wird. Die Spannung sinkt wieder, aber noch ist nicht alles gut. In Kapitel 29 – 33 müssen sich deine Figuren mit den Auswirkungen des Höhepunktes abfinden/abkämpfen. Die Nebenkonflikte werden abgeschlossen – wenn sie es noch nicht sind – und die letzten Fäden der Geschichte werden verwoben.

In den letzten drei Kapiteln des Buches hast du die Zeit, dem Leser erneut das neue Normal deiner Hauptfiguren zu zeigen oder – wenn du eine Reihe schreibst – auf den Konflikt des nächsten Buches vorzubereiten.

Der offensichtliche Disclaimer

Ich hoffe es ist deutlich geworden, dass ich die strenge Nummerierung der Kapitel nicht wirklich ernst meine. Allerdings sehe ich den Wert in der ungefähren Aufteilung wie ich sie dargestellt habe. Denn für ein gutes und konsequentes Tempo in deiner Geschichte solltest du genug Zeit zwischen den Konflikten lassen. Außerdem sei dir stets bewusst:

Spannende Szenen fühlen sich oft länger an als sie sind, weil man beim Lesen zum zerreißen gespannt ist. Ruhige Szenen fühlen sich schneller an, weil nicht so viel passiert und sie in der Erinnerung also komprimiert werden.

 


Wie würde dein perfektes auslösendes Moment aussehen?

Teilen mit:
4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.