Rezension – Chi no Wadachi/A Trail of Blood von Oshimi Shuzuo

Die vergangenen Wochen und Monate haben sich stark auf mein Leseverhalten ausgeübt. Anstatt Bücher zu lesen, bin ich zu Hörbüchern und Comics übergegangen. Als ich mich nach neuem Lesestoff umgeschaut habe, ist mir dieser Titel quasi in den Schoß gefallen. Der Manga Chi no Wadachi (engl. A Trail of Blood oder auch Blood on the Tracks) von Oshimi Shuzuo erschien im Big Comic Superior Verlag, ist aber auch online zu lesen. Was das Genre angeht, wird es meist dem psychologischen Horror(-Thriller) zugeordnet.

Bevor ich mit der Rezension anfange, möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen: Chi no Wadachi behandelt viele traumatische und traumatisierende Themen emotionaler Missbrauch durch Eltern, Mord, Selbstmord (angedeutet), Inzest (angedeutet) und nicht näher definierte mentale Krankheiten sehr deutlich und bildlich.

Was passiert in Chi no Wadachi?

Da die Geschichte noch nicht beendet ist, werde ich hier nur den Aufhänger erzählen.

Seichi Osabe ist ein 13-jähriger Junge, der gemeinsam mit seinen Eltern in einer ländlicheren Gegend Japans lebt. Er hat ein normales Leben, Freunde in der Schule, ist in ein Mädchen namens Yukio verknallt, aber das alles verblasst, wenn man es mit der Beziehung zu seiner Mutter Seiko vergleicht. Seichi ist ein Einzelkind und seine Mutter passt mit Adleraugen auf ihn auf. Dabei ist sie stets liebe- und verständnisvoll. Seichis Vater hingegen ist kaum zu Hause, weil er so viel arbeiten muss.
An einem Tag in den Ferien geht Seichi mit seiner Familie wandern. Dabei ist auch sein Cousin Shigeru mit seinen Eltern. Seichis Mutter wird immer wieder zum Ziel ihrer Witze, weil die Anderen finden, dass sie Seichi zu sehr beschützt und von Gefahren abschirmt. Seiko nimmt diese Witze mit einem Lächeln. Doch dann passiert ein Unglück. Als Seichi und sein Cousin Shigeru ein wenig die Umgebung erkunden, finden sie eine Klippe. Shigeru tut so als würde er das Gleichgewicht verlieren und zu seinem Schrecken tut er das tatsächlich. Kurz bevor er fällt,  rennt Seiko herbei und bewahrt ihm vor dem Sturz. Als der Schock ein wenig überwunden ist, beginnt sie zu lächeln und stößt ihn in die Tiefe.

Dann bricht sie zusammen und schreit nach Hilfe.

Seiko kann seinen Augen nicht trauen. Vor allem als seine Mutter erzählt, dass Shigeru von alleine gefallen ist. Was ist Wahrheit und was ist Manipulation? Seichi weiß nur eines sicher: Dass seine Mutter ihn nicht mehr aus den Augen lassen wird.

Was macht Chi no Wadachi so fesselnd?

Schon allein der Aufhänger klingt viel „aufgeregter“ als der Manga tatsächlich ist. Die Stärke der Geschichte liegt nämlich in seiner Geschwindigkeit. Oshimi Shuzuo baut die Geschichte langsam und bedacht auf und legt dabei besonderen Wert auf die stillen Momente. Oft gibt es seitenlang keinen Dialog, sondern die Bilder sprechen für sich. Allein der „Aufhänger“ von dem ich berichtet habe, dauert 6 Kapitel. Doch der Effekt, der damit erzielt wird, spricht für sich.
Ich konnte das Manga nicht weglegen und habe alle vorhandenen (bisher 78) Kapitel an einem einzigen Nachmittag gelesen. Die Stille zieht einen in die Geschichte und lässt nicht mehr los.

Dabei ist es gleichzeitig eine der realistischsten Darstellungen von emotionaler Manipulation, die ich bisher gelesen habe, und das macht die ganze Geschichte noch angsteinflößender.

Der Zeichenstil

Ich muss dazu sagen, dass ich was Comics und Mangas angeht, sehr unerfahren bin. Trotzdem hat mich Chi no Wadachi überwältigt. Der Fokus liegt meist auf den Gesichtern und der Hintergrund bleibt leer oder minimalistisch. Aber das unterstreicht nur, wie viel Arbeit in die Gesichter gesteckt wurde … hach, da könnte ich wirklich lange von erzählen, aber es ist wahrscheinlich sinnvoller, wenn ich es einfach zeige. Hier sind 3 zusammenhängende Seiten, die für die normalen Verhältnisse des Mangas sehr viel Text haben. Gezeigt sind Seichi und seine Mutter Seiko, die ihn davon überzeugt (oder überzeugen möchte?), dass sein Cousin von alleine gefallen ist.

(Und für die ungeübteren Manga-Leser unter euch: Vergesst nicht die Sprechblasen von rechts nach links zu lesen.)

Fazit

Chi no Wadachi ist keine einfache oder leichte Lektüre. Es erschreckt mit seinem Realismus und überzeugt mit seinen starken Bildern. Ich bin vollkommen überwältigt von der Geschichte bisher und werde sie auf jeden Fall weiter verfolgen. Trotzdem muss ich eine Warnung aussprechen: Die Geschichte ist heftig. Sie schockt und sie nimmt mit. Die Triggerwarnungen von oben haben eine sehr sehr deutliche Berechtigung und ich möchte sie erneut betonen. Der Manga bespricht Themen von Mord, Selbstmord, mentalen Krankheiten, Inzest und emotionaler Manipulation. Bevor du diese Geschichte in die Hand nimmst, solltest du dir sicher sein, dass dir diese Themen nicht zu nah gehen.

 


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