[Worldbuilding] Religion – Werte und Lebensgrundsätze

Werte und Lebensgrundsätze

Wieder einmal ist ein bisschen Zeit seit dem letzten Artikel zur Religion in deiner fantastischen Welt vergangen. Deshalb hier, bevor ich anfange, ein Link zum Anfang der Serie. In diesem Artikel wird es um die Werte und Lebensgrundsätze deiner Religion gehen und wie du sie am einfachsten übermitteln und darstellen kannst.

Werte und Lebensgrundsätze

Die Werte und Lebensgrundsätze einer Religion haben große Überschneidungen und ähnlich wie bei der Frage nach dem Huhn und dem Ei, ist es schwierig zu sagen, was zuerst kam. Es ist einfacher sie als Kreislauf zu betrachten, der keinen eindeutigen Anfangspunkt hat. Die Werte deiner Religion werden die Lebensphilosophie ihrer Gläubigen bestimmen und die Lebensphilosophie wird (auf Dauer) die Interpretation der Werte ändern. Ob du also bei dem Leben der Gläubigen anfängst und daraus die Werte deiner Religion baust oder aus den Werten der Religion Regeln ableitest, liegt ganz bei dir.

Ich würde dir tatsächlich zu einer Mischung aus beidem raten, damit du sicher sein kannst, dass die Werte und das tatsächliche Leben sicher und fest verwoben sind.

Geschrieben oder Überliefert?

Die wichtigste Frage, die du dir stellen solltest, ist ob die Werte deiner Religion aufgeschrieben sind oder sie mündlich überliefert werden. Gibt es so etwas, wie die 10 Gebote aus dem Christentum, die fest ausformuliert sind? Oder sind die Werte und Lebensgrundsätze schwammiger?

Die Merkmale der geschriebenen Werte:

  1. Statisch und klare Grenzen.
    Und das meine ich der Ebene der allgemeinen Religion aber auch für die Figuren. Wenn die Regeln der Religion (wortwörtlich) in Stein gemeißelt sind, dann gibt es wenig Interpretationsspielraum, was erlaubt ist und was nicht. Die Gläubigen werden alle ein sehr ähnliches Bild von der Religion haben und die Variationen werden auf ein Minimum beschränkt.
  2. Leicht zu verstehen und umzusetzen.
    Mit ausgeschriebenen Werten und Regeln machst du es dir selbst, deinen Lesern und auch den Figuren in deiner Geschichte einfach. (Und das ist keine versteckte Wertung. Es ist nicht schlimm und manchmal sogar gut und wichtig, den einfachsten Weg zu wählen.) Du schaffst dir im wahrsten Sinne des Wortes eine Checkliste, an der du dich immer orientieren kannst.
  3. Gefahr: Man bleibt bei eindimensionaler Entwicklung.
    Aber diese Vereinfachung kann auch zu einer Schwäche werden. Gerade weil es so einfach ist, kannst du Gefahr laufen, die Nuancen zu vernachlässigen und z.B. alle Gläubigen komplett gleich darzustellen, weil sie ja auf demselben „Regelwerk“ beruhen. Schenke also der Einzigartigkeit deiner Figuren innerhalb der Religion besonders viel Aufmerksamkeit.

Die Merkmale der überlieferten Werte:

  1. Großer Interpretationsspielraum.
    Ein großer Interpretationsspielraum kann viele Folgen haben. Auf der Ebene der Religion als Ganzes kann es dazu führen, dass es viele „Splitterfraktionen“ derselben Religion gibt, die alle zwar ähnlich, aber im Detail sehr unterschiedlich agieren. Auf der Ebene der Figuren erleichtert dir genau diese Unklarheit die Individualität der Figuren und ihrer Art der Ausübung der Religion hervorzuheben. Das macht es dir einfacher und auch intuitiver, den Leser dazuzuholen und die Religion am Beispiel deiner Figuren erleben zu lassen.
  2. Wandelbar (über Zeit).
    Eine Religion mit Regeln, die nur mündlich überliefert werden, wird sich von Generation zu Generation wandeln und kann somit den Platz einer „innovativen“ oder aus unserer Sicht „moderne Werte“ vermitteln, ohne direkt umglaubwürdig zu wirken.
  3. Gefahr: Die klare Linie kann fehlen.
    Einer Religion, die nur überlieferte Werte hat, kann für den Leser schwer greifbar sein, eben weil ihr die klare Linie fehlt. Du musst sicherstellen, dass sie verständlich bleibt und auch ihre Variationen ähnlich und nachvollziehbar genug sind, dass der Leser sich nicht verliert.

Du merkst also: Beide Varianten haben Vor- und Nachteile, die du auf deine Religion abwägen solltest. Es spricht übrigens auch nichts dagegen einige geschriebenen Regeln zu haben und einige überlieferten Werte.

Ein Anstoß

Die Art, wie die Werte formuliert sind, kann sich stark auf die Ausübung und auch die Wahrnehmung der Religion auswirken. Eine Mischung aus Du musst (nicht), Du sollst (nicht), Du darfst (nicht) und Du kannst (nicht) kann sehr interessante Inmplikationen haben, die du für deine Religion erforschen solltest. In einem anderen Kontext habe ich schon einmal die Macht des Wortes „soll“ erforscht – Die Macht von „Man soll“ – Eine notwendige Analyse – und es lohnt sich durchaus, dasselbe auch für müssen, können und dürfen zu machen.
Dem oberflächlichen Leser wird der Unterschied nicht direkt auffallen. Unterbewusst werden diese Unterschiede aber aufgenommen und sowohl die Lesenden als auch die Gläubigen beeinflussen. Deswegen solltest – ha! – du dich besonders mit der Formulierung der Werte auseinandersetzen.

Wie wählst du die „richtigen“ Werte für deine Religion?

Es ist zu beobachten, dass die meisten der „großen“ Religionen unserer Welt ähnliche Werte im Mittelpunkt stehen. Denke an Gastfreundschaft, Güte, Hilsbereitschaft und ähnliche Eingenschaften. Es ist kein Zufall, dass diese Dinge den Kern einer Religion bilden. Damit sich eine Religion verbreiten kann, muss sie der Gesellschaft zuträglich sein, oder sie wird auf lange Sicht aussterben. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, rate ich auch hier wieder dazu, dich über verschiedenste Religionen zu informieren und dich von ihnen inspirieren zu lassen. Denke nur daran:

Inspirieren, nicht kopieren.

Tatsächlich sind sich viele Religionen in ihrem Kern sehr ähnlich und somit ist es auch nicht schlimm oder „falsch“ wenn es bei deiner Religion ähnlich zugeht. Interessant wird es bei der Umsetzung der Werte. Wo sind die Grenzen? Wie würde z.B. Gastfreundschaft aussehen? Was wird als Güte angesehen? Was zählt als Hilfsbereitschaft? Versuche diese Fragen bzw. die grundlegenden Werte deiner Religion in alltäglichen Handlungen darzustellen und sie wird für deine Leser sehr viel greifbarer werden.

Polytheismus und der Einzigartigkeitsanspruch

Im Monotheismus ist es verbreitet und – ich würde argumentieren – notwendig, dass der Gott, an den geglaubt wird, der Einzige und somit der einzig Richtige/Echte ist. Im Polytheismus sieht das anders aus. Trotzdem kannst du hier interessante Unterscheidungen treffen:

  1. Wie tolerant sind die Götter in deinem polytheistischen Glauben?
  2. Erheben sie als Kollektiv den Einzigartigkeitsanspruch als einzige Götter? Oder sind sie nur ein Götter-System von vielen und geben das auch zu?
  3. Wie würde sich das auf ihre Werte auswirken?
  4. Müssten die Götter ihre Gläubigen „überreden“ bei ihnen zu bleiben und nicht zu gütigeren/vorteilhafteren Göttern zu wechseln?

Die Fragen die sich allein zu diesem Thema stellen sind vielfältig und die Antworten interessant.

Am Beispiel: Enda und Hefst

Als Göttinnen von Ende und Anfang liegt der Fokus von Enda und Hefst auf der Veränderung, dem unweigerlichen Ende des Alten und dem Beginn von etwas Neuem. Damit legen sie viel Wert auf die Anpassungsfähigkeit, aber auch Offenheit und Akzeptanz ihrer Gläubigen. Sie vermitteln kaum feste zwischenmenschliche Werte, außer dass diese – wie alles andere auch – vergänglich und änderbar sind. Dabei wollen sie aber nicht, dass ihre Gläubigen passiv akzeptieren, dass sich die Welt um sie herum verändert, sondern dass sie aktiv in die Entwicklung ihrer Lebenssituation eingreifen und sich sicher sein können, dass Enda und Hefst ihnen beistehen werden, wenn sie selbst nicht stark genug sind, etwas zu ändern.

Außerhalb ihres eigenen Glaubens haben die Gläubigen von Enda und Hefst den Ruf, Veränderungen mit so einer Gleichgültigkeit entgegenzuschauen, dass ihnen oft unterstellt wird, dass die Kälte ihrer Heimat ihre Gefühle eingefroren hat. Gleichzeitig sagt man, dass man den Gläubigen niemals von einer unvorteilhaften Situation erzählen soll, in der man sich gerade befindet, weil sie Himmel und Erde in Bewegung setzen werden, um sie für dich zu ändern. Ich finde es spannend, mit dieser Dualität spielen zu können, denn sie lässt viel Spielraum für verschiedene Arten der Auslebung des Glaubens und somit für abwechslungsreiche Figuren.

 


In dem nächsten Artikel soll es um den Tod und das Jenseitsbild deiner Religion gehen.

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