Der Friedhof der Verräter – Eine Kurzgeschichte

Es ist schon lange her, dass ich eine Kurzgeschichte veröffentlicht habe. Aber diese Geschichte kam mir in der Nacht als (Alb)Traum und danach konnte ich nicht mehr schlafen, also musste ich sie aufschreiben. Sie ist nicht lang genug, um ein Buch daraus zu machen. Es ist mehr ein Gedankenfluss, ein Was-wäre-wenn als irgendetwas anderes. Und ein bisschen gruselig, wie vielleicht schon der Titel „Der Friedhof der Verräter“ ankündigt. Es ist keine schöne Geschichte, deswegen vorneweg ein paar Triggerwarnungen: Gewalt, Mord, Tod, Folter, Klaustrophobie.

Viel Spaß beim Lesen!

Der Friedhof der Verräter

Wir schreiben das Jahr 2133. So fangen die alten Geschichten doch an, oder?

Vieles hat sich verändert, hat meine Oma gesagt. So vieles, dass sie es kaum in Worte fassen konnte. Wir haben nicht gemerkt, wann die Dinge außer Kontrolle geraten sind. Es ist schleichend und gleichzeitig ganz schnell passiert. Vor fast 60 Jahren wurde die Todesstrafe wieder eingeführt. Das war noch vor meiner Zeit. Oma hat gesagt, dass es einen Aufschrei gab. Viele Proteste und ebenso viele Hinrichtungen. So viele Hinrichtungen, dass es kaum noch jemanden zum Protestieren gab.
Irgendwann – hat Oma gesagt – war die Todesstrafe nicht mehr genug. Der Anblick toter Körper war Normalität und erschütterte nicht mehr. Jeder kannte jemanden, der durch die Hand des Gesetzes den Tod gefunden hatte, und die Menschen brauchten etwas Neues, vor dem sie sich fürchteten. Eine neue Schreckensidee musste her und sie erfanden den Friedhof der Verräter.

Ich kann es noch nicht einmal denken, ohne dass meine Handflächen anfangen kalt zu schwitzen. Der Friedhof der Verräter. Der Friedhof der Verräter. Die Idee, die die Todesstrafe ersetzte, musste kostengünstig sein, einfach umzusetzen und so erschreckend, dass man allein vom Hören Albträume bekommt.
Manchmal wird behauptet, dass es nichts Schlimmeres gibt als den Tod, aber das ist falsch. Der Tod passiert einmal und dann ist es vorbei. Aber das Sterben kann man beinahe ewig hinauszögern. Und genau darum geht es beim Friedhof der Verräter.
Isolation ist gefährlich für die menschlichen Psyche. Das hat man schon früh gewusst, hat meine Oma gesagt, und der Friedhof der Verräter treibt diese Isolation an die Grenzen des Möglichen. Es wird ein 3D-Scan der unglücklichen Seele gemacht und dann eine Hartplastikschale angefertigt, die nahtlos auf den Körper passt. Arme und Beine abgespreizt wie in dieser Zeichnung von Leonardo da Vinci, der Kopf in einer neutralen Haltung, der Rücken gerade. An der Schale werden Schläuche befestigt für die Luftversorgung – mehrere, falls einer versagt – und weitere Schläuche zur Abfuhr des Kots und Urins. Nährstoffe und Wasser werden intravenös zugeführt, ebenfalls über mehrere Schläuche. Außerdem ist die Schale mit Wärme- und Kühleinheiten versehen, damit die Körpertemperatur konstant gehalten werden kann. Die arme Seele wird in die Schale hineingepresst, verschlossen und im Boden vergraben. Die Vorräte für Luft, Wasser und Nährstoffe reichen für 75 Jahre.

75 Jahre, die man künstlich am Leben erhalten wird. In absoluter Schwärze, ohne die Möglichkeit sich mehr als ein paar Millimeter zu bewegen. Keine Geräusche. Keine Kommunikation. Nichts, als deine eigenen Gedanken, die dich bis zu deinem Tod in den Wahnsinn treiben werden.

Wer diese Strafe verdient hat, ändert sich täglich. Diebe, Mörder oder auch einfach nur jemand, der sich unklug gegen die Oberen geäußert hat. Es ist die Willkür, die das Ganze noch schrecklicher macht.

Ich habe Medizin studiert, war ein Vorbildsstudent. 12 Semester Regelstudienzeit, weitere 5 Jahre Ausbildung zum Facharzt der Anästhesie. Ich habe elf Jahre mit Lernen verbracht, um die buchstäbliche Lotterie des Unglücks zu gewinnen und auf dem Friedhof der Verräter zu arbeiten.
Die Vorgaben sind streng. Die Verräter – anders darf ich sie nicht nennen – müssen sediert werden, damit sie sich nicht allzu sehr wehren können, wenn sie in ihre Särge gepresst werden. Aber sie sollen noch genug Bewusstsein haben, um ihre letzten Minuten und Sekunden in der Freiheit zu spüren. Es ist meine Aufgabe, ihre Sedierung richtig einzustellen.

Jeden Tag begleite ich eine Vergrabung. Seit 481 Tagen.

Meine Oma hat mir erzählt, dass zu ihren Zeiten um sieben Uhr immer Das Sandmännchen im Fernsehen lief. Eine kurze Sendung, damit die Kinder klaglos einschlafen. Jetzt laufen Vergrabungen und die Kinder betteln, früh ins Bett zu dürfen. Wie sich die Zeiten ändern.
Manche Idioten sagen sogar, dass wir es jetzt einfacher haben.

So sehr wie die Anderen auch behaupten, dass ich abstumpfen werde. Jedes Mal fühle ich dieselbe Panik in der Brust, die auch in den Augen der Verräter geschrieben steht. Am schlimmsten sind die, die sich nicht wehren. Die, die mich steif vor Panik mit aufgerissenen Augen anstarren. Die, die nichts sagen, die nicht flehen und betteln. Die, die genau wissen, was auf sie zukommt und die wissen, dass sie nichts dagegen tun können, und die dennoch leben wollen.
Aber ich bleibe emotionslos und regungslos. Überprüfe ihre Vitalfunktionen. Setze die Nadel in ihren Arm. Stelle sicher, dass alles funktioniert und ziehe mich dann zurück. Die Verräter wissen nicht, dass ich ihnen helfe. Dass ihnen, sobald sie unten ankommen, Luft in die Adern gepumpt werden wird.

Das werde ich weiter tun. Bis die anderen merken, was ich getan habe. Dann werde auch ich meinen eigenen Sarg aus Hartplastik bekommen, ein Fremder wird mich sedieren und schließlich werden sie mich vergraben. Für den Rest meines Lebens.

Dort werde ich sein. Auf dem Friedhof der Verräter. Die einzige lebende Seele neben 481 Toten.

 


 

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2 Replies to “Der Friedhof der Verräter – Eine Kurzgeschichte”

  1. Barbara Wittig says:

    Da hätte ich auch nicht mehr schlafen können,
    ein wirklich verstörender Traum.

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