Kritik umsetzen – Wie du die Kommentare der Testleser einarbeitest

Vor Kurzem hat eine Freundin ihr Manuskript von ihren Testlesern zurückbekommen und wir haben uns darüber unterhalten, wie man denn nun am Besten Kritik einarbeitet. Denn gerade dieses Einarbeiten gestaltet sich oft als schwierig, weil jedes Manuskript und damit die Kritik, die es bekommt, so unterschiedlich sein kann. Gibt es da überhaupt eine Möglichkeit allgemeine Tipps zu geben, wie du die Kritik umsetzen kannst?

Die Grundsätze der Kritik

Bevor ich zu meiner eigentlichen Strategie komme, halte ich es für wichtig, ein paar Grundsätze aufzuzählen. Besonders wenn du noch nie die Kritik von Testlesern einarbeiten musstest, kann es in der Aufregung schnell passieren, dass du die einfachsten Dinge vergisst. Deswegen hier ein paar „Regeln“:

  • Die Kritik ist kein persönlicher Angriff, sondern ist da um dir zu helfen. Auch wenn sie unglücklich formuliert ist, kannst du wahrscheinlich trotzdem von ihr lernen.
  • Du musst nicht jede Kritik umsetzen. Jeder Mensch hat seine eigenen Meinungen und die müssen und werden sich nicht mit deinen decken. Und das ist in Ordnung. Du kannst es nicht jedem Recht machen. Wichtig ist, dass du am Ende mit dem Ergebnis zufrieden bist.
  • Je öfter dieselbe Kritik von verschiedenen Testlesern kommt, desto mehr solltest du darüber nachdenken, ihre Kritik umzusetzen. Es kann gut sein, dass du dich mit deiner Meinung in einer Minderheit befindest. Wenn sich also alle Testleser an einem Detail stören, solltest du seinen Sinn gründlich überdenken.

Die offensichtlichen Fehler

Manche Kritiken sind leicht als „berechtigt“ anzuerkennen und damit auch einfach umzusetzen. Man denke an Rechtschreib- oder Grammatikfehler oder einfache Logikfehler. Denn es ist ziemlich offensichtlich, dass deine Geschichte idealerweise fehlerfrei und logisch sein sollte. Diese Fehler zu überarbeiten, ist meist nicht mehr als Fleißarbeit. Trotzdem gibt es schon hier zwei verschiedene Vorangehensweisen:

  1. Zuerst Inhalt, dann Rechtschreibung und Grammatik.
    Denn warum solltest du die Tippfehler korrigieren, wenn du die Sätze möglicherweise sowieso wieder löschst, weil sich der Inhalt ändert? Damit würdest du nur Zeit verschwenden, die du auch zum Schreiben benutzen könntest.
  2. Zuerst Rechtschreibung und Grammatik, dann Inhalt.
    Wenn du zuerst den Inhalt anpassen würdest, dann können sich ganze Szenen verschieben und die kleinen Vertipper dann wiederzufinden kann schwierig sein. Da ist es einfacher, sie zu korrigieren, wenn du sie in den Kommentaren siehst. Das kann zwar bedeuten, dass du einige Fehler unnötigerweise korrigierst, aber das nimmt weniger Zeit, als sie nachher manuell suchen zu müssen.

Beide Ansichtsweisen haben ihre Berechtigung und wie du vorgehen solltest, entscheidet letztendlich nur deine persönliche Schreibweise. Es gibt kein richtig oder falsch, es muss einfach nur getan werden.

Kritik umsetzen – Was tun bei Unsicherheiten?

Aber was passiert, wenn du mit der Meinung in den Kommentaren übereinstimmst? Da wird es schwieriger. Denn wer hat nun Recht? Der Testleser, der einen Blick von außen hat, aber auch nicht genau weiß, was eigentlich deine Vision ist? Oder du, auch wenn du möglicherweise voreingenommen bist, was deine Geschichte angeht? Der Grat, den du hier zu wandeln hast, ist schwierig und bei jeder einzelnen Kritik musst du neu entscheiden.
Diese Entscheidung kann dir leichter fallen, wenn du dir die folgenden zwei Fragen stellst:

1. Warum wurde die Textstelle kritisiert?

Diese erste Frage mag auf den ersten Blick eine offensichtliche Antwort haben: „Weil der Testleser meint, dass die Textstelle verbessert werden kann/sollte“. Aber ich würde dich dazu drängen, die Gründe tiefergehend zu hinterfragen. Warum genau wurde diese Stelle kritisiert?

Da können viele Fakten mit hereinspielen. Ist dein Testleser mit deinem Genre vertraut? Wie war die Erwartungshaltung des Testlesers und warum war sie so? Was sind die persönlichen Vorlieben deines Testlesers? All das und noch viel mehr kann die Art der Kritik beeinflussen. Deswegen halte ich es für extrem wichtig, deine Testleser gut kennen zu lernen. So kannst du nämlich die Kritik immer in ihrem Kontext verstehen.
Ich habe vor einiger Zeit schon einmal einen Artikel veröffentlicht, bei dem ich einen Fragenkatalog erstellt habe, den du deinen Testlesern vorlegen kannst. Schon dort sind einleitende Fragen zu den Testlesern und ihren Lese-Vorlieben dabei. Hier geht es zum Artikel: 17 Fragen für deine Testleser.

Wenn du herausfinden kannst, warum eine Kritik angebracht wurde, dann kannst du besser entscheiden, ob du sie umsetzen möchtest. Nach der ersten Frage kann dein Entscheidungsprozess schon beendet sein, aber was, wenn du immer noch unsicher bist?

2. Wie würde eine Änderung die Geschichte verbessern?

Ich frage hier absichtlich nicht „ob“ eine Änderung deine Geschichte verbessern könnte. Denn die Frage nach dem „ob“ würde eine einfache Ja– oder Nein-Antwort verlangen und oftmals sind diese schwarz- und weiß-Fragen nicht so leicht zu entscheiden, einfach weil die Antwort grau ist. Das „wie“ verlangt von dir, dass du Gründe findest.
Und wenn du von dir selbst verlangst Gründe zu finden, ist es einfacher, die eigene Voreingenommenheit hinter sich zu lassen und sich allein mit der Geschichte zu beschäftigen. Schnell stellen sich dann Fragen wie: Was war meine Absicht mit dieser Textstelle? Warum habe ich die Situation/Beschreibung/etc. auf diese spezielle Art und Weise umgesetzt und nicht anders?

Wenn du dir deine eigenen Absichten vor Augen führst und dann damit abwägst, wie die Szene von deinen Testlesern wahrgenommen wird, kannst du einfacher abschätzen, ob eine Änderung notwendig ist.

Das Fazit

Ich gebe zu, dass diese beiden Fragen alleine nicht immer zu einer zufriedenstellenden Antwort führen. Wenn du Kritik umsetzen willst, ist jede Situation so unterschiedlich, dass man mit allgemeinen Tipps nicht immer weiterkommt. Jedes Mal musst du von Neuem abwägen und dich neu entscheiden. Auch wenn es im ersten Moment einfach scheinen mag, die Kommentare der Testleser einzuarbeiten, wirst du wahrscheinlich schnell merken, dass es doch zeitaufwändig und komplex ist.

Mein letzter Tipp ist deswegen Folgender: Nimm dir Zeit. Du musst dich nicht bei jeder Kritik sofort entscheiden, ob du sie umsetzen willst oder nicht. Wenn du dir unsicher bist, lass sie liegen und kümmere dich später darum. Und wenn die Zeit auch nicht hilft, dann wende dich nochmal an die Testleser. Spreche die Kritik nochmal im Einzelnen durch und vielleicht können sie dir in ihrer Entscheidungsfindung helfen.

 


Wie hältst du es mit dem Kritik umsetzen? Was sind deine Strategien?

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5 Replies to “Kritik umsetzen – Wie du die Kommentare der Testleser einarbeitest”

  1. Annie says:

    Mal wieder super Tipps! 🙂 Habe sehr wertvolle Testleser, die ich nicht missen möchte. Sie haben mich schon auf so einige kleinere und größere Probleme in meiner Geschichte hingewiesen. Was würde ich nur ohne sie tun? 😀
    Die 17 Fragen werde ich mir auch genauer durchlesen. Explizit Fragen gestellt hab ich noch nicht. Werde ich mal testen. 🙂 Danke für deinen Beitrag!

    Ich bin mal froh und teile deinen Beitrag in meiner privaten Schreibgruppe bei FB. 🙂

    LG Annie

    Antworten
    1. Sina Bennhardt says:

      Ich bin immer froh, wenn jemand meine Artikel auf FB teilt, weil ich da selber keinen Account habe 🙂
      Vielen Dank dafür!

      Antworten
  2. Ally says:

    Vielen Dank für den Artikel! ❤️
    Wahrscheinlich macht man manche Sachen schon intuitiv, aber gerade die Frage nachdem „Wie“ war mir gar nicht so klar.

    Antworten
    1. Sina Bennhardt says:

      Das stimmt. Viele Sachen funktionieren (wie beim „normalen“ Schreiben auch) intuitiv. Aber wenn man sich den unbewussten Prozess dahinter bewusst macht, dann kann man oft noch effektiver als vorher arbeiten 🙂

      Antworten

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