Recherche in deiner Geschichte richtig wiedergeben

Recherche und fremde Schreibstimmen

Recherche ist ein wichtiger Teil des Schreibens und es ist etwas das jede:r Autor:in jedes Genres tun sollte. Recherche und ihre Umsetzung in deiner Geschichte sorgen dafür, dass sich deine Geschichten echt anfühlen. Kenner des Fachs werden die Elemente deiner Geschichte als wahr erkennen und die Neulinge können etwas lernen. Aber wie gibst du deine Recherche „richtig“ wieder? Gibt es Regeln?

Wenn sich Informationen komisch anfühlen

Manchmal kann man sehen, an welcher Stelle die Autor:innen ihre Recherche einfließen lassen. Die Informationen, die dann von den Figuren oder dem Erzähler übermittelt werden, bekommen einen seltsam sachlichen oder einfach nur uncharakteristischen Ton und reißen den Leser damit aus der Geschichte. Ein Infodump eben, nur dass es dabei nicht um Hintergrundgeschichte oder Worldbuilding geht, sondern um ergänzende Informationen zu dem, was gerade getan oder beobachtet wird.

Ein Beispiel (TW: Beschreibung einer Leiche)

In dem Buch Der Sündenfresser – Shikhu von Loki Feilon finden Protagonist Kain und sein Freund Cisco eine Leiche im Wald. Auch wenn sie der Fund überrascht, nimmt er sie nicht mit, schließlich sind sie beide Berufsassassinen. Sie untersuchen die Leiche. Auf den 100 Seiten davor hat Kain meist einen sehr derben Ton angeschlagen, der sich auch in den ersten Momenten der „Leichenbeschauung“ zeigt.

„Aufgeblähte Stellen hier, Flüssigkeiten da. Er muss seit sieben, acht Tagen tot sein. Wenn nicht sogar länger. […] Aber die Verfärbungen an Armen und Beinen fehlen. Hier und dort drüben. Seine Haut müsste längst aussehen wie die verschimmelte Oberfläche einer Suppe.“

– S. 119

Aber dann schauen sie sich die Leiche näher an und der Ton ändert sich merklich.

„Die Marmorierung setzt nach etwa einer Woche ein, zusammen mit den Blähungen und letzten auslaufenden Körperflüssigkeiten.“ – S. 119

„Normalerweise zersetzt der Körper sich ab dem Unterleib. Hier, wo der Darm ist. Dabei verfärben sich die Blutbahnen grünlich […]“ – S. 120

Warum fühlt sich das Beispiel uncharakteristisch an?

Und auch wenn es im ersten Moment wahrscheinlich nicht so einfach zu sehen ist, vor allem wenn du das Buch und die Figuren nicht kennst: Die letzten beiden Beispiele klingen zu sachlich und gewählt für Kain. Das hat mich im Lesen so sehr verwirrt, dass ich mehrmals nachgelesen habe, ob wirklich Kain spricht oder nicht doch Cisco. Wörter wie Marmorierung, Unterleib und sogar Blutbahnen hätte ich einfach nicht in dem Wortschatz von Kain vermutet. Auch seine Erklärung später, dass er „für eine Weile“ bei einem Heiler gelebt hat, hat mir da als Begründung nicht gereicht. Auch der Satzrhythmus ist komplett anders. Anstatt der typischen Halbsätze, sind die Sätze ausformuliert es gibt Verbindungsworte und und und …
Kurz: An dieser Stelle sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Ergebnisse von langer Recherche eingeflossen. Und ich möchte betonen, dass die Recherche etwas Gutes ist, nur eben die Umsetzung hätte in meiner Wahrnehmung optimiert werden können.

Recherche in eigener Sprachstimme wiedergeben

Als ich in der Oberstufe war, hat meine Englischlehrerin regelmäßig Übersetzungsübungen mit uns gemacht. Sie hat uns einen englischen Text von etwa 100 Wörtern gegeben und wir sollten ihn zu möglichst natürlich klingendem Deutsch übersetzen. Dafür hatten wir etwa zehn Minuten Zeit und dann hat sie unsere Übersetzungen eingesammelt. In der nächsten Stunde hat sie unsere „Werke“ wieder verteilt, aber ohne den englischen Originaltext. Es war echt erschreckend, was dabei für seltsame Konstruktionen entstanden sind.
Wir alle hatten den Text vom Sinn her richtig übersetzt. Aber die Satzkonstruktionen und auch Formulierungen waren meist 1:1 aus dem Englischen übernommen. Es brauchte den zeitlichen und räumlichen Abstand zum Originaltext, um zu erkennen wie seltsam es klang.

Genauso funktioniert es auch, wenn du Informationen aus fremden Federn zusammensuchst. Besonders wenn deine Quellen wissenschaftlicher, also meist höchst sachlich geschriebener, Natur sind, passiert es unbewusst, dass man die eigene Schreibweise an den fremden Ton anpasst.

Mein bester Tipp

Anstatt von der Recherche direkt in deine Geschichte zu springen, solltest du (mindestens) einen Zwischenschritt machen. Nimm die wichtigen Informationen aus deiner Recherche und schreibe sie dir als Stichpunkte in ein zweites Dokument. Dabei kannst du schon deine Wortwahl überprüfen und auf die Szene anpassen. Ist Fachjargon gefragt? Oder geht es hier um die Beobachtungen eines „Unwissenden“?
Diese Notizen würde ich dann ein oder zwei Tage liegen lassen und auch die Quellen nicht erneut durchlesen. So schaffst du mentalen Abstand und findest einfacher zu deiner natürlichen Schreibstimme. Um dann die Szene zu schreiben kannst du dann einfach auf deine Notizen zurückgreifen, ohne dass dich der fremde Ton aus deinen Quellen zu sehr beeinflusst.

(Wenn du Informationen nachlesen oder überprüfen musst, solltest du dich natürlich eher an deine Originalquellen als an deine Notizen wenden.)

Weitere Hinweise

Zeit und mentaler Abstand sind natürlich nicht die einzigen Dinge, die du beachten solltest. Um sicherzustellen, dass sich deine Szene natürlich anfühlt und den Leser nicht zu sehr irritiert, kannst du verschiedene Strategien anwenden.

  1. Übermittler der Informationen klug wählen
    Es kann einen großen Unterschied machen, wer die Informationen von sich gibt. Manchmal kann die Wahl offensichtlich sein, wenn zum Beispiel der Professor etwas erklärt oder vielleicht auch jemand von der Spurensicherung erzählt, wie er/sie zu seinen/ihren Schlussfolgerungen gekommen ist. Aber so deutlich muss es nicht immer sein. Persönlichkeit und Extrovertiertheit können genauso Faktoren in der Wahl des Sprechers sein. Leider kann ich dir keine spezifischeren Tipps geben. Es hängt alles von der individuellen Szene ab.
  2. Wer weiß diese Informationen schon? Würden die Personen sich das überhaupt gegenseitig erklären?
    Wer kennt diese Szenen in Büchern nicht? Zwei Figuren reden miteinander und erzählen sich Sachen, die sie beide wissen, nur der Leser eben nicht. Das kann z.B. die Form von zwei Sprachwissenschaftlern annehmen, die sich einfache Grundsätze erzählen. Hier ist es die Situation und nicht unbedingt der Schreibstil, der bewirkt, dass der Leser aus der Szene gerissen wird.
    Die einfachste Lösung: Eine Figur in die Szene einfügen, die nicht weiß wovon geredet wird und der diese Grundsätze erklärt werden müssen.
  3. Den Erzähler (falls möglich) nutzen
    Solange es der Erzähler zulässt, kannst du ihn nutzen, um Lücken im Wissen aufzufüllen. Die Lösung ist vielleicht nicht ganz elegant, aber auf jeden Fall effektiv.

Ein Beispiel des erklärenden Erzählers

Hier ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Manuskript, in dem der personale Erzähler eine erklärende Funktion übernimmt.

Isabella zog die Kerze näher an sich heran und. Nach kurzer Überlegung griff sie zu einem dunkelblauen Siegelwachs. Es war etwas dunkler als die offizielle Wappenfarbe der Wittgensteins, wahrscheinlich waren bei der Herstellung zu viele Pigmente genutzt worden, doch es eignete sich tadellos für den Zweck, den es erfüllen sollte.
Auf den ersten Blick sah es nämlich schwarz aus. Und mit schwarzen Siegelwachs wurden nur die schlimmsten Nachrichten überbracht.

Du siehst also, um deine Recherche zu verarbeiten hast du viele Möglichkeiten, die auch miteinander kombinierbar sind. Wenn du allerdings Sorge hast, dass man dir deine Recherche nicht glaubt, solltest du mal einen Blick auf den Tiffany-Effekt werfen.

 


Hast du eine Methode, wie du deine Recherche natürlich in dein Geschriebenes einfließen lässt? Oder arbeitest du nach Gefühl?

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