[Worldbuilding] Der Tiffany Effekt – Was tun, wenn die Realität unglaubwürdig ist?

Den Tiffany Effekt – manchmal auch das Tiffany Problem – habe ich erst vor Kurzem in meinen Wortschatz aufgenommen, auch wenn mir das Konzept schon länger bekannt war. Heute erkläre ich dir, worum es sich dabei handelt und wie er sich auf dein Schreiben und dein Worldbuilding auswirken kann.

Was genau ist der Tiffany Effekt?

Stell dir vor du liest einen historischen Roman und darin käme eine Figur namens Tiffany vor. Du magst bei diesem Namen ins Stutzen kommen, denn die meisten Menschen sehen Tiffany als einen sehr modernen Namen, weil die nächste Assoziation oft der Film Breakfast at Tiffany’s aus dem Jahr 1961 ist. Tatsächlich aber war der Name Tiffany ein sehr beliebter Mädchenname im Mittelalter, der eine einfache Abwandlung des Namens Theophania war.

Piercings sind keine moderne Erfindung.

Das Problem ist also, dass der durchschnittliche Leser vermeintlich ‚weiß‘, wie es im Mittelater oder der Vergangenheit zuging – ob aus Film, Büchern oder einfachen persönlichen Annahmen. Aber diese Annahmen stimmen eben nicht immer, können aber zu Verwirrung führen, wenn man ihnen nicht gerecht wird.

Ein Beispiel für den Tiffany Effekt

Piercings, besonders Nippel-Piercings, sind etwas Modernes, richtig? Naja, das stimmt nicht wirklich. Mitte des 14ten Jahrhunderts sollen tiefe Dekolletés, die sogar die Brustwarzen zeigten, in Mode gewesen sein. Angeblich soll daraufhin Elisabeth von Bayern (∼1370–1435), paradoxerweise Königin von Frankreich, daraufhin ihre Nippel durchstochen und mit Gold und Diamanten geschmückt haben.

„Queen Isabella […] introduced the ‚garments of the grand neckline‘, where the dress was open to the navel. This fashion eventually led to the application of rouge to freely display the nipples, those ‚little apples of paradise‘ to placing diamond-studded rings or small caps on them, even piercing them and passing gold chains through them decorated with diamonds, possibly to demonstrate the youthful resiliance of the bosom.“

– Hans Peter Duerr in seinem Buch Traumzeit (leider konnte ich das Deutsche Zitat nicht finden)

Und auch im viktorianischen Zeitalter waren Nippel-Piercings in Mode, weil man glaubte, dass sie zu runderen und ausgebildeteren Brüsten führten. Außerdem sollten sie das Stillen erleichtern.

Noch ein Beispiel

Film, Fernsehen und Buch sind sich in einem einig: Korsette haben dafür gesorgt, dass Frauen nicht mehr richtig atmen und arbeiten konnten. Sie verschieben Organe und erschweren das Atmen und das Essen. Naja, das stimmt nicht wirklich – nämlich nur bei schlecht angepassten Korsetten oder welchen die tatsächlich dafür entworfen sind, um die Taille zu reduzieren.

Eine ausführlichere und extrem gute Beschreibung, wie der schlechte Ruf des Korsetts entstanden ist.

Das Korsett der „arbeitenden Frau“ hat die Bewegung des Rumpfes eingeschränkt, ja, aber das war es auch schon. Sie konnten arbeiten, essen, reiten und tanzen und auch alles andere, was wir heutzutage ohne Korsett können. Das Korsett hatte 3 (Haupt-)Aufgaben:

  1. Vor der Erfindung des BHs, diente es der Unterstützung der Brust.
  2. Stabilisierung des Rumpfes.
  3. Schuf die Silhouette der Mode und half bei der Gewichtsverteilung der Röcke und/oder Bestandteile des Kleides.

Auch das Korsett ist also ein Opfer vom dem Tiffany Effekt. Und noch so ein Fun Fact nebenbei: Auch Männer haben Korsette getragen. Diese dienten häufig dazu, den Bierbauch zurückzubinden. Man könnte also fast argumentieren, dass die Korsette der Männer enger gesessen haben müssen als die der Frauen.

Aber jetzt stell dir mal einen historischen Roman vor, in dem sich Frauen nicht über das Tragen eines Korsetts beklagen. Oder eines, in dem sie ihre Brüste als „Fashion-Statement“ zeigen und sie sogar gepierct haben. Das fühlt sich irgendwie falsch an oder? Und hier kommen wir zu der eigentlichen Frage dieses Artikels:

Was tun, wenn die Realität unglaubwürdig ist?

Als Autor:in bleiben dir im Grunde nur zwei Optionen: Entweder kannst du den Erwartungen des Lesers entsprechen oder du schreibst „realistisch“ (= auf realen Ereignissen basierend). Beides hat seine Vor- und Nachteile und die Entscheidung liegt letztendlich allein bei dir.

Den Erwartungen deiner Leser entsprechen

Wenn man es denn quantifizieren kann, ist es einfacher (weil es dir viel Recherche-Arbeit erspart), den Erwartungen deiner Leser zu entsprechen. Sie werden nicht aus der Geschichte gerissen, können sich ganz auf den Plot einlassen und ihre Weltanschauung wird auch im Kleinen nicht in Frage gestellt.
Und das, möchte ich deutlich betonen, ist erstmal nichts Schlechtes. Solange du dich in der Fiktion bewegst, liegt die letzte Entscheidung, was in deiner Welt wahr oder falsch ist, bei dir. Bei historischen Romanen oder Biographien ist es natürlich etwas anderes.

Auf der anderen Seite würde dein Verschweigen bestimmter Realitäten dazu führen, dass sich Meinungen in den Köpfen der Leser festsetzen. Das macht es Autoren, die nach dir kommen, schwerer, die Wahrheit glaubwürdig zu verkaufen.

Realistisch schreiben

Anders herum eröffnest du deinen Lesern, indem du „realistisch“ schreibst, einen frischen und neuen Eindruck von einer Welt, bei der sie vielleicht dachten, dass sie sie gut kennen. Treue zum Realismus, vor allem wenn es um den Tiffany Effekt geht, kann deine Leser dazu bringen, selbst Nachforschungen anzustellen.

Aber auch hier kann es von Seiten der Leser zum Aufschrei kommen: Wenn du die „Realität“ nicht richtig einführst und vorbereitest, dann werden sich die Leser gegen die neuen Informationen wehren und sie als Unsinn abtun. Das Schwierige ist also, den Leser nicht auf dem Weg zu verlieren.

Die Fantasy und das „realistische“ Worldbuilding

Zugegebenermaßen hat man in der Fantasy oft größere Freiräume, als in der historischen Fiktion, denn allein der Stempel Fantasy ist genug, dass sich die Leser auf „absurdere“ Konzepte einlassen. Dennoch plädiere ich immer dafür, dass das Worldbuilding der Fantasy in der Realität gewurzelt sein soll. Deshalb übernehme ich für mein eigenes Worldbuilding solche „absurden“ Realitäten mit Freuden. Denn im schlimmsten Fall halten meine Leser die „Ideen“ einfach nur für exzentrisch und im besten Fall führen sie dazu, dass sie beginnen die Themen zu recherchieren und so etwas Neues zu lernen.
Das „Risiko“ ist also besonders in der Fantasy minimal.

Die „absurde“ Realität schreiben

Wie kannst du also diese „absurden“ Realitäten verarbeiten, ohne deine Leser zu sehr aus der Geschichte zu reißen? Das große Problem ist, dass die Dinge, die von dem Tiffany Effekt betroffen sind, selten mit der Thematik des Buches übereinstimmen. Ein historischer politischer Thriller wird sich vielleicht am Rande mit der damaligen Mode beschäftigen. Aber gerade dann kann eine beiläufige Bemerkung, dass Frauen ihre Brüste und damit auch ihre Nippel-Piercings zeigten, sehr ablenkend sein. Trotzdem sollte es doch erwähnt werden, wenn es zur damaligen Mode gehörte, oder?

1. Was muss erwähnt werden?

Wie auch bei allem anderen in deinem Buch, solltest du dir Gedanken darüber machen, welche Informationen in dein Buch wandern müssen. Muss – um bei meinen Beispielen von oben zu bleiben – über Korsette geredet werden? Muss über die aktuelle Mode geredet werden? Wäge ab, wovon dein Leser wissen muss und was du einfach weglassen kannst. Denn die Statistik lehrt uns:

Keine Informationen sind besser als falsche Informationen.

Wenn es für deine Geschichte also nicht essentiell ist und den Leser ansonsten in der Leseerfahrung stören könnte, dann lass es einfach weg. Du bist nicht verpflichtet, deinen Lesern etwas beizubringen oder ihr (Halb)Wissen zu korrigieren.

2. Wie solltest du darüber schreiben?

Wenn die „absurde Realität“ nun aber in deinem Buch vorkommen soll – sei es aus plottechnischen Gründen oder einfach, weil du es möchtest – bleibt die Frage,  wie du darüber schreiben kannst, ohne deine Leser zu sehr aus der Leseerfahrung zu reißen.

Und hier muss ich auch sehr unhilfreich zugeben, dass es an dieser Stelle kein Allheilmittel gibt. Wie du über die Dinge schreibst, die vom Tiffany Effekt betroffen sind, ist abhängig von deinem Stil, Genre und dem Stellenwert des Themas in deinem Buch. Vielleicht nur ein kleiner Hinweis, der allgemeingültig ist: Gerade wenn fremde Konzepte, egal ob Tiffany Effekt oder nicht, eingeführt werden, ist es sinnvoll eine Figur zu haben, die dieses Konzept ebenfalls noch nicht kennt, damit es dem Leser auf möglichst natürliche Weise erklärt werden kann.

3. Wie viel Begründung oder Erklärung ist nötig?

Auch hier wieder der höchst unhilfreiche Hinweis: Es ist abhängig von deinem Schreibstil, dem Genre und dem Stellenwert des Themas in deinem Buch. Trotzdem die Grundregel: Je komplexer das Thema oder je wichtiger es für deinen Plot ist, desto mehr solltest du ins Detail gehen. Schließe dich auf jeden Fall mit deinen Testlesern kurz und hole dir zweite, dritte und vierte Meinungen ein.

In meiner Erfahrung genügt für den frischen Schreiberling oft schon der Hinweis, dass der Tiffany Effekt existiert, um eine gewisse Grund-Aufmerksamkeit zu schaffen. Eine gute Recherche und ihre Darstellung im Buch wird dabei helfen, dass auch die absurderen „Realitäten“ immer mehr in das allgemeine Wissen vordringen und bald hoffentlich gar nicht mehr so absurd sind.

 


War dir der Tiffany Effekt schon vor diesem Artikel ein Begriff? Hast du irgendwelche Beispiele für den Tiffany Effekt?

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4 Replies to “[Worldbuilding] Der Tiffany Effekt – Was tun, wenn die Realität unglaubwürdig ist?”

  1. Jürgen Albers says:

    Hallo Sina,
    danke für diesen Artikel. Tatsächlich ist mir das Problem häufig vorgekommen und bereitet mir auch bei den aktuellen Schreibarbeiten zum nächsten Roman ziemliche Kopfschmerzen. Ich versuche eigentlich immer, die historische Wahrheit so darzustellen, wie es eben nachweisbar war. ABER… ich habe dafür auch schon derbe Kritik einstecken müssen. Weil viele Menschen (i.d.R. die überdeutlich Mehrheit) deutlich schlechter über die historischen Zusammenhänge Bescheid wissen, wie die/der Autor*in, der sich Tage in die Recherche gekniet hat (bis hierhin unproblematisch), die sich aber von ihrem Weltbild nicht abbringen lassen möchten. Und hier wird es dann problematisch, wenn Leser*innen selbst für Sachdiskussionen unzugänglich werden, weil ihnen ihr Weltbild wichtiger ist als die Wahrheit. Und da stehe ich dann da und ahne bereits beim Schreiben, was kommt und sehe mich vor der Entscheidung, entweder historischen Kokelores zu schreiben, um den Lesern nicht ihre Weltsicht zu stören oder mich auf nervige Diskussionen (und schlimmer: diskussionslose Schlecht-Bewertungen!) einzustellen. Und da kommen wir jetzt zum Hasen im Pfeffer: Es gibt nämlich leider Menschen, die ohne Diskussion und ohne Kontaktaufnahme einfach etwas posten, z.B. bei Amazon, wie „Völlig unglaubwürdiger Roman voller historischer Fehler“ Nett. Nicht. (Und nein, ich habe das noch nicht in meinen Bewertungen gehabt (Göttin sei Dank), aber Kolleginnen. Es ist, wie es ist. Sorry für den langen Kommentar.

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    1. Sina Bennhardt says:

      Bitte entschuldige dich nicht für lange Kommentare! Ich finde diesen Einblick in deine Erfahrungen tatsächlich sehr wertvoll und erhellend. Weil ich selbst noch unveröffentlicht bin, geben sie mir einen neuen Blickwinkel.

      Ich kann bei deinen Erfahrungen (auch wenn ein paar von ihnen aus zweiter Hand waren) absolut verstehen, warum dir das „realistische“ Schreiben Kopfschmerzen bereitet. Und leider sehe ich dafür keine einfache Lösung. Menschen sehen oft nicht ein, dass ihre Meinungen falsch sind, selbst wenn es ihnen objektiv bewiesen wird. Wir können als Autoren nur versuchen, die Wahrheit zu schreiben und vielleicht verändert sich irgendwann das „allgemeine Wissen“ genug, dass man diese Diskussionen nicht mehr führen muss…

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  2. Guacamole says:

    Danke für den tollen Artikel! In Zukunft werde ich auf die Aussage „Früher war alles besser“ mit „Ja, früher haben Frauen auch noch offen ihre gepiercten Brustwarzen zeigen können“ antworten. Ich freue mich schon auf viele verwirrte Gesichter.

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