[Worldbuilding] Götter selber bauen (Teil 3) – Die Aufgaben der Götter

Nachdem du jetzt einen groben Überblick hast, was für Arten von Göttern es geben kann (menschenspezifisch oder naturbezogen), kannst du dich jetzt an die Aufgaben der Götter setzen. Davor ist es sinnvoll zumindest eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie viele (Haupt)Götter du in deiner Religion haben möchtest, damit du die Zuständigkeitsbereiche passend zuteilen kannst. Jetzt aber zu den Aufgaben.

(Und eine kleine Warnung vorweg: Dieser Artikel ist ziemlich lang geworden, aber alles war thematisch so eng verstrickt, dass ich ihn nicht auf zwei aufteilen wollte. Ich hoffe, er ist dennoch interessant.)

An realen Beispielen orientieren

Wenn sich die Kultur in deiner Geschichte sowieso an einem realen Beispiel orientiert, dann spricht auch nichts dagegen, auch bei der Religion eine ähnliche Inspiration zuzulassen. Aber hier kommen wir zu einer wichtigen Unterscheidung, die für jeden Aspekt deines Worldbuildings gilt:

Inspirieren, nicht kopieren.

Die Grenze zwischen Inspiration zu Kopie kann dünner sein als man annimmt, deswegen musst du hier aufpassen. Wenn sich deine Religion z.B. nur von dem griechischen Götterpantheon unterscheidet, weil du die Namen geändert hast, kannst du auch einfach die echten Namen nehmen. Das macht es deinen Lesern einfacher und dir auch.
Lass dich anstatt von dem Gesamtbild oder von einzelnen Aspekten der Religion inspirieren. Vielleicht gefällt dir der Gedanke von Hermes und seinen Zuständigkeitsbereichen des Verkehrs, des Handels, der Kaufleute, der Diebe, der Redekunst, der Gymnastik und der Magie. Wie würde die sich deine Religion anders anfühlen, wenn nicht Zeus sondern das Äquivalent zu Hermes an der Spitze säß? Welche anderen Änderungen würden sich anbieten? Welche Götter würden verschmelzen? Und welche Götter würden dazukommen? Deine Möglichkeiten sind endlos und je mehr du an deine Geschichte anpasst, desto einzigartiger fühlt sich deine Religion an, auch wenn sie noch an ihre Inspiration erinnert.

Der erste Gott

Der erste Gott, den du erstellst – und der idealerweise auch ander Spitze deines Pantheons sitzen sollte – sollte die wichtigsten Werte deiner Kultur repräsentieren. Das kann durch seine Aufgaben aber auch (zusätzlich) durch seine Persönlichkeit passieren. Ein Gott des Rechts an der Spitze, der als jähzornig und wankelmütig gilt, kann viel aussagen. Wie genau du hier vorgehst, ist sehr individuell. Aber dennoch möchte ich dir ein paar Tipps auf den Weg geben:

  1. große Konzepte
    Halte dich thematisch an weit gefasste Konzepte, wie Wetter, Recht oder Fruchtbarkeit, die deinem Gott die Möglichkeit geben, sich in viele Richtungen zu entwickeln. Je größer deine Kultur, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Anhänger deiner Religion verschiedene Aspekte deiner Götter anbeten werden. Es bietet sich also an, dass vor allem dein Hauptgott einen sehr „allgemeinen“ Zuständigkeitsbereich hat der in vielen Lebenssituationen Anklang und somit Anbeter findet.
  2. oft Familienoberhaupt
    Der Hauptgott ist meistens auch ein Familienoberhaupt, was seinen Standpunkt an der Spitze der Götter festigt. Ob es Vater, Mutter oder Großmutter ist, ist wieder von deinen Entscheidungen und von der Kultur abhängig. Auch wenn Vater und Mutter der „Standard“ zu sein scheinen, finde ich es durchaus interessant zu sehen, was ein älterer Gott an der Spitze für Auswirkungen haben würde. Oder ein Gott, der noch in den Kinderschuhen ist.
  3. mächtig!
    Besonders wichtig ist allerdings, dass dein Hauptgott mächtig ist. Das kann sich auf verschiedenste Weise äußern. Durch einen schnellen Verstand, Magie oder körperliche Kraft. Dein Hauptgott muss sich gegen die anderen behaupten können! Es ist auch nicht schlecht sich zu überlegen, vor welchen Aspekten deines Hauptgottes die Menschen Angst haben könnten und diese auch hervorzuheben. Ein Fruchtbarkeitsgott an der Spitze, der mit einem Fingerschnippen alle Felder verdorren lassen kann, ist durchaus angsteinflößend.

Die anderen Götter

Der nächste Gott, den du erstellst, muss nicht unbedingt in der Hierarchie der Götter der zweit“stärkste“ sein – wenn es in deiner Religion denn überhaupt eine solche Hierarchie gibt. Wenn es an die nächsten Götter geht, dann hast du mehrere Möglichkeiten:

Das Gegenteil

Ist der erste Gott jähzornig? Dann wird der zweite Gott gütig. Ist der erste Gott menschenspezifisch, dann wird der zweite Gott naturbezogen. Natürlich müssen sie nicht in jedem Aspekt das Gegenteil sein, aber die Schwächen des ersten Gottes sollten abgefangen werden. Konzentriere dich auf Aspekte, die den ersten Gott ergänzen. So stellst du gleichzeitig sicher, dass deine Götter einen großen Bereich an Themen und Zuständigkeitsbereichen abdecken.

Der Rivale

Mit einem mächtigen Gott an der Spitze sind Neider oft nicht weit. Der Rivale kann viele Formen annehmen, vom ehrenhaften Wettstreiter, zum hinterlistigen Manipulator bis zum offenen Herausforderer ist nichts tabu. Der Rivale kann auch den Ton ansetzen, wie die Anhänger der Religion Menschen sehen, die sie herausfordern.
Vergiss nicht, dem Rivalen einen Grund zu geben, warum er den Hauptgott herausfordert. Ist er einfach nur neidisch? Ist der „Thron“ eigentlich sein Anrecht? Wiedersprechen sich die moralischen Ansichten? Auch hier sind die Gründe unendlich.

Der Unterstützer

Der Hauptgott braucht, auch wenn er mächtig ist, Götter, die ihn unterstützen und seine Stellung unter den Göttern nicht in Frage stellen. Der Unterstützer zeichnet sich nicht unbedingt durch einen bestimmten Zuständigkeitsbereich oder bestimmte Aufgaben aus, sondern durch seine Persönlichkeit. Er hilft bei jeder Entscheidung ohne zu zögern. Aber auch der Unterstützer kann interessante Varianten haben. Vielleicht unterstützt er nur, weil er Angst vor dem Hauptgott hat. Oder er unterstützt einfach den Gott an der Spitze, egal welcher es ist. Auch bei einem Machtwechsel würde dieser Unterstützer weiter an der Hierarchie festhalten und den neuen Obersten genauso loyal unterstützen, wie den Gott davor.

Der Einzelgänger

Bei dem Einzelgänger ist der Name Programm. Auch wenn du die Götter einer polytheistischen Religion zusammen erstellst, heißt das nicht, dass sie sich gegenseitig mögen müssen. Oder vielleicht mag der Einzelgänger auch einfach alleine sein und sich nicht mit den Problemen der anderen Götter herumplagen müssen. Oder er ist mit seinem Aufgabenbereich so beschäftigt, dass er nicht bei den anderen Göttern sein kann. Diese Rolle wird meist von dem Sonnengott eingenommen, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, die Sonne über den Himmel zu bewegen. Du siehst also, auch der Einzelgänger muss nicht eindimensional sein.

Die Mischung

Genau wie es bei der Moralität deiner Götter nicht immer schwarz und weiß sein muss, müssen auch die Götter nicht genau in eine Box passen. Es wird deutlich interessanter, wenn du zu einer Mischung greifst. Wie wäre es mit einem Unterstützer, der sich aber eigentlich aus der „göttlichen Politik“ fernhält und somit auch ein Einzelgänger ist? Oder, sehr nahe liegend, ein Rivale, der gleichzeitig das genaue Gegenteil deines Gottes ist. Spiele mit unterschiedlichen Färbungen und du wirst auf spannende Dynamiken stoßen.

Außerdem müssen die genannten Götter-Arten nicht immer den „Haupt“gott als Bezugsperson haben, auch wenn ich es so formuliert habe. Der Rivale des einen Gottes kann gleichzeitig der Unterstützer des anderen sein. Je mehr Zeit du investierst, desto komplexer kann das Netz der Beziehungen unter den Göttern werden. Achte dennoch darauf, dass es für den Leser verständlich und nachvollziehbar ist. Und das am Besten ohne sich eine Mind Map malen zu müssen.

Die Zuständigkeitsbereiche und Aufgaben der Götter

Jetzt habe ich schon so viel erklärt, aber trotzdem die Wahl der Aufgaben der Götter vernachlässigt. Das liegt vor allem daran, dass die Wahl der Aufgaben mehr Kunst als Wissenschft ist. Mein erster Tipp ist also: Such dir verschiedene polytheistische Religionen heraus und lese dir die Aufgaben der Götter durch. So entwickelst du ein Gefühl dafür, welche Arten von Zuständigkeitsbereichen gut zusammenpassen oder auch einfach oft zusammen auftreten. Letztendlich bist du in der Wahl der Aufgaben deiner Götter nur durch deine Kreativität begrenzt.

Mein Prozess:

Wenn ich einen neuen Gott erschaffen möchte, dann wähle ich mir zuerst ein Hauptkonzept, das dieser Gott verkörpern soll. In diesem Beispiel nehme ich „Schutz“. Dann versuche ich es zu spezifizieren. Was für eine Art von Schutz meine ich? Wer schützt? Wer wird geschützt? In diesem Fall finde ich die Idee einer Mutter interessant, denn sie kann gleichzeitig ein „Schutzobjekt“ und eine Rolle im Pantheon sein. Ich habe es also mit einer Mutter-Göttin zu tun, die zum einen Mütter schützt, aber in ihrer Rolle als Mutter diesen Schutz natürlich auch auf Kinder und Familie ausweitet. Ich spezifiziere weiter. Welche spezifischen Aspekte der Mutterschaft werden geschützt? Geburt, könnte ein Aspekt sein, aber auch der Zusammenhalt der Familie. Aus der Mutter-Göttin wird also eine Familiengöttin mit dem Fokus auf den Müttern und Kindern.
Um dieser Göttin noch mehr Facetten zu geben, wähle ich noch einen verwandten Zuständigkeitsbereich. In diesem Fall bietet sich Liebe an. Das kann zum einen romantische Liebe, aber auch die Liebe zwischen Verwandten sein. Letzteres finde ich persönlich stimmiger, aber ich möchte nicht ausschließen, dass Anhänger der Religion den Begriff der Liebe auch anders interpretieren.

Zuletzt gebe ich meinen Göttern immer eine negative Seite, die sich meistens aus der extremen Variante eines ihrer Aspekte ergeben. Was passiert also, wenn man es mit dem Schutz zu weit treibt? Die Göttin könnte versuchen vor Dingen zu schützen, die noch gar keine Bedrohung darstellen. Sie könnte in ihrem Versuch zu schützen, brutal, kalt und entschlossen werden. Als ihren negativen Zuständigkeitsbereich würde ich Krieg wählen. Dann bleibt mir nur noch, einen passenden Namen zu wählen:

Die fertige Beispiel-Göttin

Meine Göttin heißt Estari. Sie sie ist die Matriarchin des Götterpantheons und steht für den Schutz der Familie, insbesondere Mütter und Kinder. Sie sorgt dafür, dass der Zusammenhalt bestehen bleibt und die Liebe zwischen Freunden und Verwandten ist ihr heilig, auch wenn sie in kleineren Teilen der Religion auch allgemein als Göttin der Liebe verehrt wird. Gleichzeitig weitet sich der Gedanke des Schutzes auf das ganze Volk aus und um sie zu beschützen, kann und wird Estari zu den Waffen greifen und ihre Feinde zerschmettern.

Ein Anstoß

Ein spannender Gedanke ist außerdem, welche Zuständigkeitsbereiche von deinen Göttern nicht abgedeckt werden. Denn genauso wie ihre Werte, können auch die „Löcher“ in ihren Aufgaben viel über die Götter, die Religion und die Kultur aussagen. Was bedeutet es, wenn deine Religion keinen Gott für Schönheit hat? Oder Liebe? Oder Krieg? Hier ist anzumerken, dass es meistens die Götter mit menschenspezifischen Zuständigkeitsbereichen sind, die komplett fehlen. Sollte ein Naturgott fehlen, wird er meist durch Naturgeister ersetzt, die zwar keine Götter sind, aber dennoch eine gewisse Macht haben.

Am Beispiel: Enda und Hefst

Für Enda und Hefst habe ich mir keine Religion zum Vorbild genommen – falls doch, dann unbewusst. Stattdessen hat mich das Konzept von Anfang und Ende fasziniert. Und so habe ich, auch um direkt alle Tipps und Anweisungen zu brechen, die ich euch in den letzten Artikeln vorgestellt habe, sie weder wirklich menschenspezifisch noch explizit naturbezogen gemacht. Stattdessen repräsentieren sie beide gemeinsam als Zwillingsgöttinnen jeweils einen Teil des Kreislaufs des Lebens und aller anderen Dinge.

Enda, als die Göttin des Endes, steht paradoxerweise am Anfang, denn bevor etwas beginnen kann, muss etwas anderes enden. Und ihr folgt Hefst, die Göttin des Anfangs, die eine neue Zeit einläutet. In der Religion selbst treten sie im Grunde nie getrennt auf und werden deswegen oft als eine Einheit mit zwei Aspekten betrachtet.
Dabei steht auch nicht die eine über der Anderen. Weder das Ende noch der Anfang sind negativ oder positiv belastet. Der Fokus der Kultur liegt auf dem Wandel, der mit dem Leben kommt.

Spezifische Aufgaben im Sinne von Fruchtbarkeit, Recht oder Ordnung haben sie nicht. Stattdessen verkörpern sie die Mentalität der Veränderung.

 


Das nächste Mal zeige ich dir, wie du zu aussagekräftiger und guter Symbolik kommst und auch welche Symbole ich den Zwillingsgöttinnen zugeteilt habe.

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2 Replies to “[Worldbuilding] Götter selber bauen (Teil 3) – Die Aufgaben der Götter”

  1. Hannah says:

    Ich bin begeistert von dieser Reihe!
    Es iist genau das, was ich gesucht habe. Ich habe mir zwar schon sehr viele Artikel zu Religionen durchgelesen, aber die fand ich immer etwas unübersichtlich und zu viel auf einmal.
    Die Aufteilung zwischen Natur- und „Menschen“-Götter finde ich sehr hilfreich, vorallem da mir diese Abgernzung bisher nicht wirklich deutlich war. Vielen Dank!
    Ich bin schon sehr gespannt auf die folgenden Teile und werde auch gleich mal durch deine anderen Einträge stöbern.
    Einen schönen Tag noch!

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    1. Sina Bennhardt says:

      🙂 Das freut mich wirklich sehr, dass dir diese Reihe hilft!

      Worldbuidling ist selbst auf meinem Blog eher ein „Nischenthema“ und diese Artikel werden weniger gelesen und noch seltener kommentiert, da ist ein Feedback wie deines für mich auch eine Freude!

      Antworten

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