Alltägliches beschreiben – Gestik, Mimik und Bewegung

Gestik, Mimik und Bewegung

Als ungeübter Schreiberling habe ich immer gedacht, dass das Schwierigste am Schreiben sein wird, die menschliche Erfahrung von Liebe, Trauer, Wut und allem dazwischen ehrlich wiederzugeben. Aber ich hätte nicht falscher liegen können. Tatsächlich kommt mir das „ehrliche“ Schreiben sehr leicht von der Feder. Aber vermeintlich einfache Dinge, wie alltägliche Gestik und Mimik,  sind mein Todesstoß.
Darum soll es heute gehen. Die Schwierigkeiten des Alltäglichen.

Was meine ich mit Alltäglichem?

Das „Alltägliche“ sind alle Dinge, an die wir keinen zweiten Gedanken verschwenden:

  1. Gestik
    = Gesamtheit der Gesten [als Ausdruck einer charakteristischen inneren Haltung]; Die Gestik kann charakterdefinierend sein und sollte somit ein wichtiger Bestandteil der Charakterisierung deiner Figuren sein.
  2. Mimik
    = Mienenspiel, Wechsel im Ausdruck des Gesichts und in den Gebärden als Nachahmung fremden oder als Ausdruck eigenen Erlebens; Genau wie die Gestik kann auch die Miene viel über deine Figuren verraten. Doch die Mimik zeigt anders als die Gestik einen tieferen Einblick in die Gefühlswelt deiner Figuren, die sie vielleicht sogar verstecken wollen. Sie ist somit oft „ehrlicher“.
  3. Bewegung
    = das [Sich]bewegen von jemandem durch Veränderung der Lage, Stellung, Haltung; Bewegung in diesem Kontext ist rein räumlich zu verstehen und umfasst alles von der Bewegung des Körpers durch z.B. die Atmung, die Reaktion auf einen unerwarteten Reiz oder auch das Aufstehen von einem Stuhl oder das Bewegen durch den Raum.

Ausschlaggebend bei diesen drei Kategorien ist, dass sie alle drei sehr visuell und somit im schriftlichen Medium schwierig darzustellen sind. Natürlich kannst du jede Gestik, Mimik oder Bewegung im Detail beschreiben, aber das wird auf Dauer für den Leser anstrengend, unhandlich und wiederholungsanfällig.

Was solltest du beschreiben?

Wie bei jedem anderen Schreibtipp gilt auch hier: Ich kann dir nur die Vorteile und Nachteile bestimmter Strategien an die Hand geben. Welchen Weg du wählst, ist ganz allein deine Entscheidung. Trotzdem werden meine Vorschläge wahrscheinlich durch meine persönlichen Vorlieben geprägt sein.
Nun zurück zu der Frage: Was musst du eigentlich beschreiben, wenn es zu Gestik, Mimik und Bewegung kommt?

1. (ausgewählte) Reaktionen, die die Stimmung der Szene unterstreichen

Hier geht es vor allem darum, dir Gestik, Mimik oder Bewegung auszusuchen, die charakterisierend für die Szene sind. Wenn etwas Überraschendes passiert, ist es nicht nötig jeder Figur eine eigene Reaktion zu geben á la „A runzelte die Stirn. B hob die Augenbrauen und C riss die Augen weit auf.“
Es reicht meistens, wenn du die Reaktion des Perspektivträgers beschreibst und dann zeigst, dass die anderen Figuren der Szene ähnlich reagiert haben.

Wie würdest du diese Bewegung beschreiben? Was davon wäre für den Leser wichtig zu verstehen?

Zu dieser Kategorie würde ich aber auch allgemeine Beschreibungen von Gestik, Mimik und Bewegung zählen, die die Stimmung der Szene überhaupt erst aufbauen. Sind die Figuren entspannt? Bewegen sie sich frei durch den Raum oder sind sie statisch? All das hilft, dem Leser ein Verständnis für die Szene zu geben.

2. Reaktionen, die einen Einblick in das Innenleben der Figuren offenbaren

Diese Reaktionen können mit oder entgegen der allgemeinen Stimmung der Szene sein. Das ist es auch, was sie interessant macht. Bleiben wir bei dem ursprünglichen Beispiel: Alle Figuren in der Szene sind überrascht, nur einer von ihnen nicht. Vielleicht versucht die Figur stattdessen ein Lächeln zu unterdrücken oder sie reagiert so extrem, dass es geschauspielert sein muss. Solche „Unstimmigkeiten“ zwischen den Figuren bringen den Leser dazu selbst nachzudenken und eigene Theorien anzustellen, warum die Reaktion so anders ausgefallen ist.

3. Informationen zum Verständnis der Szene

Zuletzt bleiben noch Informationen, die wichtig zum Verständnis der Szene sind. Vielleicht wird die Szene in einen Kampf ausarten. Dann ist es für den Leser wichtig zu wissen, wo die Figuren stehen, ob sie den Kampf erwarten, ob sie vorbereitet sind und ob sie sich vielleicht sogar schon in die Nähe einer Waffe, die herumliegt, bewegt haben. Ohne diese Informationen würde der Leser die Orientierung verlieren.

Aber so extrem muss es gar nicht werden. Es reicht schon, wenn deine Figuren mit einer neuen Information konfrontiert werden, von der sie wissen, dass sie nicht stimmen kann. Wenn du das aber nicht kommunizierst, dann wird sich der Leser wundern, warum sie diese falsche Information einfach so hinnehmen.

Gestik, Mimik und Bewegung beschreiben

Die oben genannten Grundregeln sind zwar schön und gut, aber es kann schwierig sein sie umzusetzen. Deswegen hier ein paar grundsätzliche Tipps, wenn es an die Beschreibung von Gestik, Mimik und Bewegung geht.

  1. beachte das Tempo der Szene
    Wenn du dich in einer Kampfszene befindest, dann ist es nicht wichtig mit welcher Hand in welchem Winkel zugeschlagen wurde. Beschreibe die Aktion und die Auswirkung. In einer langsameren Szene kannst du dir mehr Beschreibung erlauben.
  2. der Leser muss nicht jedes Detail wissen
    Auch wenn viele Schreiberlinge es am liebsten hätten, dass die Vision ihrer Geschichte perfekt bei ihren Lesern ankommt, solltest du von dieser Vorstellung ablassen. Es ist nicht wichtig, dass sich dein Protagonist mit dem rechten Ellenbogen auf dem Tisch abstützte. (Außer es ist wichtig für das Verständnis der Szene.)
    Die meisten Leser fühlen sich wohler, wenn sie ein bisschen Luft haben, um die „Lücken“ zwischen den Zeilen selbst zu füllen. So wird das Lesen für jeden zu einer ganz individuellen Erfahrung.
  3. denke über deinen „Wortschatz“ für Gestik, Mimik und Bewegung nach
    Bisher hat jeder Autor, von dem ich gelesen habe, einen eigenen Wortschatz für Gestik und Mimik gehabt. Das ist im ersten Moment etwas Gutes, kann aber auch deinen Schreibstil zurückhalten. Bei mir zum Beispiel wird viel gelächelt, genickt und mit den Schultern gezuckt. Und je öfter ich diese Dinge wiederhole, desto eher werden sie dem Leser negativ auffallen. Deswegen: Erweitere deinen „Wortschatz“ für Reaktionen und lass deine Figuren abwechslungsreich und lebendig auf Reize reagieren.
    Dazu habe ich übrigens hier auch schon einen Artikel geschrieben: Ein (unvollständiger) Wortschatz für Emotionen.

Zum Abschluss

Wie du vielleicht merkst, können die Überlegungen zu Gestik, Mimik und Bewegung sehr zeitintensiv werden. Deswegen rate ich dir auch, diese Überlegungen erst anzustellen, wenn du dich in der Überarbeitungsphase befindest. Denn wenn du dich in deiner ersten Version befindest und bei jedem zweiten Satz innehältst, um dir zu überlgen, ob die Beschreibung von Gestik, Mimik oder Bewegung notwendig und passend ist, dann wirst du dein Schreibtempo stark drosseln.
Und wie wir alle wissen: „You can’t edit a blank page.“ [= „Du kannst eine leere Seite nicht überarbeiten.“]

 


Wie hältst du es mit Gestik, Mimik und Bewegung? Beschreibst du eher gründlich oder oberflächlich?

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