Hacks für die Figurenplanung – Wie man lebendige und authentische Figuren erschafft

Von Tanja Hanika

Viele Autoren planen ihre Figuren und deren Charaktereigenschaften ausführlich, bevor sie mit dem eigentlichen Schreiben beginnen. Denn: Von den Figuren ist nicht nur abhängig, was in der Geschichte passieren kann, viel mehr ist für viele Leser auch eine lebendige, authentische und oft auch sympathische Figur für den Lesespaß essentiell.

Im Folgenden verrate ich dir einige Tipps, wie du nicht nur für die Anforderungen der Handlung taugliche Figuren erstellst, sondern wie sie darüber hinaus auch lebendig wirken.

Authentizität durch Schwächen

Auch wenn der Protagonist meist als Held einer Geschichte auftritt, ist es keinesfalls sinnvoll, ihn oder sie makellos zu gestalten. Gerade die Schwächen sind es, die ihn/sie authentisch machen. Dabei müssen das nicht nur charakterliche Schwächen sein: Auch körperliche Schwächen machen eine Figur glaubhaft, interessant und lebendig.

Macken und seltsame Angewohnheiten können zwar ein Bild von der Figur zeichnen, aber diese geraten schnell lächerlich, werden nervig oder wirken klischeehaft. Eine passende Macke zu finden, ist schwer, zeichnet aber ein genaueres Bild von der Figur. Hier ist es sinnvoll, sich etwas passendes, bestenfalls auch Neuartiges einfallen zu lassen. Die meisten Leser sind rauchender und arbeitswütiger Kommissare absolut überdrüssig.

Äußerlichkeiten

Damit wären wir schon beim Äußeren einer Figur. Werden im Roman allzu perfekte Menschen beschrieben, wie die langbeinige und stupsnasige Blondine, dann weckt das längst nicht mehr das Interesse des Lesers. Die Figur läuft unter Schema F und es ist schwieriger, Nähe zwischen ihm und der Figur herzustellen.

In welchem Maß ist die Beschreibung der Äußerlichkeiten überhaupt nötig? Die Vorgehensweisen der Autoren unterscheiden sich hier erheblich. Während manch einer ein ganz exaktes Bild für den Leser zeichnet, lassen andere alles offen, was nicht relevant für die Geschichte und deren Verlauf ist. Beides kann gut umgesetzt fesselnd sein und man kann eine Figur auch über ihre Verhaltensweisen, ihre Sprache und über die Handlungen lebendig werden lassen, ohne dass ihr Äußeres von Belang sein muss. Von Vorteil ist es, sich aber im Vorfeld darüber Gedanken zu machen, wie man hier verfahren will und das einheitlich auf die Hauptfiguren und auf die Nebenfiguren umzusetzen. Am Ende wird sich der Leser aber trotz aller Beschreibung (ein Stück weit) ein eigenes Bild von der Figur machen, die auf mehr fußt als auf dreimaliger Nennung der Augenfarbe.

Übrigens: Jeder Leser, der selbst keine perfekte Stupsnase hat, wird sich einem Protagonisten mit ebenfalls krummer Nase näher fühlen.

Alltäglichkeiten

Um einer Figur Leben einzuhauchen, kann man ihren Alltag zwar anzudeuten, aber allzu Alltägliches wie Zähneputzen, ein Toilettengang oder Haare Kämmen braucht nur dargestellt zu werden, wenn es relevant für den Fortgang der Geschichte ist. Wer die Figur wirklich ist, zeigt sich in kritischen Situationen, in denen es darauf ankommt, wie er/sie reagiert und handelt oder sich entscheidet.

Nomen est Omen

Manchmal ist es schwierig, frühzeitig einen passenden Namen zu finden. Diesen aber vor dem Schreiben festzulegen, hilft, die Persönlichkeit der Figur besser kennenzulernen. Eine Erika ist jemand anderes als eine Chantal und auch Finn und Kurt sind kaum dieselben.

Auch wenn man nicht alte und modernere Namen vergleicht, schwingt immer sowohl ein persönlicher erfahrungsbasierter als auch eine allgemein verbreitete Vorstellung mit, wer hinter einem Namen steckt. Ohne den ihr zugehörigen Namen, bleibt die Figur beim Schreiben blass und es erfordert viel Arbeit bei der Korrektur, das zu ändern. Daher lohnt es sich, im Vorfeld auf Namenssuche zu gehen.

Wenn eine bestimmte Figur dem Protagonisten darüber hinaus einen Spitznamen gibt, kann das eine nette Nuance darstellen.

Motivation/Ziel

Authentisch bleibt eine Figur, wenn sie stets aufgrund eines Ziels handelt, das sie verfolgt. Diese Motivation muss konsequent durchgezogen werden (Ausnahme siehe unter „Brüche“). Es sind Motivation und Ziel, die beide die Geschichte in Gang halten und weswegen sich der Protagonist all den Hürden und dem Antagonisten stellt. Ist die Motivation stark genug, kann kein Konflikt die Figur aufhalten, für ihr Ziel zu kämpfen.

Für jede Figur ein eigenes Ziele oder zumindest Teilziel festzulegen, macht sie ebenfalls lebendig und verleiht auch dem, Plot eine besondere Tiefe.

Brüche

Zeige die Eigenschaften, Eigenarten und die Persönlichkeit einer Figur und brich in einer Szene damit. Dieser Bruch muss von Bedeutung sein. Für den Leser, der die Figur zuvor anders kennengelernt hat, ist es spannend, solche Szenen zu lesen. Auch echte Menschen verhalten sich nicht immer gleich. So hauchst du deinen Figuren Leben ein. Aber es sollte zumindest im späteren Verlauf nachvollziehbar werden, warum der Verhaltens-/Charakterbruch stattfinden musste.

Leid

Wir Autoren machen es unseren liebgewonnenen Figuren gerne schwer. Aber wir sollten ihnen nicht nur viele kleine Stolpersteine in den Weg legen, sondern richtige Hürden und Probleme vorsetzen, an denen sie wachsen oder zerbrechen können. Die das Erreichen des Ziels zumindest zeitweise unmöglich erscheinen lassen.

Das gilt nicht nur für das Romangeschehen selbst. Wenn der Protagonist eine bewegte Vorgeschichte hat, der ihn zu dem gemacht hat, der er ist, dann wirkt er als Mensch authentischer.

Entscheidungen und Versuchungen auf dem Weg zum Ziel

Stelle deine Figuren vor die Wahl. Immer wieder. Dadurch bleibt nicht nur der Leser gespannt, wie sie sich entscheiden, sondern es wird auch deutlich, wer deine Figuren sind. Gerade, wenn sich eine Figur entscheiden muss, ob sie einer Versuchung nachgibt oder nicht, ob sie aufgibt oder kämpft, zeigt sich ihr Charakter.

Klischeefallen vermeiden

Was anhand der zuvor beschriebenen Aspekte bereist deutlich geworden ist: Bei der Figurenkonzeption gilt es, Klischees zu vermeiden. Kaum etwas langweilt oder verärgert einen Leser mehr, als flache Figuren, die ein Abziehbild von anderen Figuren sind, von denen er schon in unzähligen anderen Romanen gelesen hat. Jede Figur, die in ein bestimmtes Muster fällt, büßt Glaubwürdigkeit ein. Das betrifft nicht nur deren Äußeres, Macken oder Verhaltensweisen, sondern auch mit wem sie Beziehungen führen (love interest und Freunde-/Helferfiguren) und wie oder worin ihre Motivation liegt und was die Ziele sind.

Protagonist und Antagonist

Abgesehen davon, dass die beiden am genausten durchdacht und mit der ausführlichsten Vorgeschichte ausgestattet werden, wirken beide Figuren lebendiger, wenn sie einander ebenbürtig sind. Sie scheitern, sie wachsen über sich hinaus und sie treffen Entscheidungen, die sie zu ihrem jeweiligen Ziel führen sollen. All das ist nicht nur spannend, sondern es macht sie auch authentisch.

Warum ich nicht von Identifikationspotenzial spreche?

Oft hört man, dass der Held eine Identifikationsfigur für den Leser sein soll. Da ich aber Horrorautorin bin und das in diesem Genre etwas kritisch sein kann, weil der Protagonist in Extremsituationen ist und Dinge tut oder ihm Schreckliches widerfährt, was glücklicherweise weit von unserem Alltag weg liegt, will ich es lieber anders – vielleicht neutraler – formulieren: Lass deine Figuren für den Leser nachvollziehbar handeln. Er soll sich in ihn hineinversetzen können, sich mit ihm/ihr verbunden fühlen und auf jeden Fall verstehen, weswegen er/sie auf die im Roman beschriebene Weise handelt. Der Leser muss nicht die Handlungen der Figuren in Ordnung finden, aber verstehen, welche Motivation dahinter steht bzw. was sie ausgelöst hat.

Wenn du gezeigt hast, wie deine Figur tickt, kann sie sich auch einmal untypisch verhalten und du verrätst dem Leser später, weswegen das der (nachvollziehbare) Fall war. Durch Nachvollziehbarkeit hat der Leser die Möglichkeit sich in die Figur hineinzuversetzen oder zu identifizieren, falls er möchte.

Um eine lebendige und authentische Romanfigur zu erschaffen, gibt es also viele Tricks und Kniffe. Wie bei jeder Schreibregel gilt: Alle Regeln dürfen auch (gekonnt) gebrochen werden, um ein eigenes Ergebnis zu erzielen. Eine komplizierte Psychologie bei den Figuren macht sie auf jeden Fall Interessant und der Leser beschäftigt sich mehr mit ihr, wodurch Nähe entsteht. Und diese Nähe wiederum zieht ihn mehr in den Sog der Geschichte hinein.

 


Foto: D. Pfingstmann

Über die Autorin

Tanja Hanika ist Autorin von Horror- und Schauerromanen und Verfasserin vom »Arbeitsbuch für Schriftsteller«. Geboren wurde sie 1988 in Speyer, studierte in Trier Germanistik und zog anschließend in die schaurig-schöne Eifel, wo sie mit Mann, Sohn und Katze lebt. Seit sie mit acht Jahren eine »Dracula«-Ausgabe für Kinder in die Hände bekam, schreibt und liebt sie Gruselgeschichten.

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3 Gedanken zu „Hacks für die Figurenplanung – Wie man lebendige und authentische Figuren erschafft

  1. Sehr gut geschriebener Beitrag! 🙂

    Vor allem der letzte Punkt ist bei mir ein Problem. Ich schreibe an einer Fantasy – Reihe, in der meine Protagonistin oftmals sprunghaft oder widersprüchlich handelt. In gewisser Weise gehört das zu ihrem Wesen und sie löst damit bestimmte Ereignisse aus. Problem ist nur, dass ihre Motivation dahinter, warum sie etwas macht, nicht nachvollziehbar genug ist.
    Jedenfalls empfinde ich das so. Ich versuche schon, ihr Gedankenchaos aufs Papier zu bringen, um ihre Motivation deutlich zu machen und trotzdem bin ich unsicher, ob es auch so rüber kommt und verständlich ist, wie es soll. Schwierige Kiste. ^^
    Was kann man in einem solchen Fall tun? Muss immer zu 100 % nachvollziehbar sein, warum ein Charakter das tut, was er tut ?

    Liebe Grüße, Annie

    1. Hey Annie,

      hier antwortet Sina, ich habe zwar nicht den Artikel geschrieben, aber vielleicht kann ich dir trotzdem helfen. 😉
      Muss eine Figur immer 100% nachvollziehbar sein? Ja und nein.

      In meiner Erfahrung ist es so: Für Entscheidungen, die den Plot nicht in allzu großem Maße beeinflussen, muss man nicht jede Entscheidung nachvollziehen können. Einige „unnachvollziehbare“ Entscheidungen können den Charakter deiner Figur unterstreichen und zeigen, dass sie wirklich impulsiv und spontan ist. Denn die Sache ist, solange ihre Entscheidungen den Plot nicht groß verändern, wird sich der Leser (wahrscheinlich) nicht allzu sehr daran stoßen. Dennoch solltest du es damit nicht übertreiben.
      Anders wird es, wenn sich die Entscheidungen stark auf den Plot auswirken, denn da kann es für den Leser schnell frustrierend werden, wenn sich deine Figuren widersprüchlich verhalten. Allerdings hast du auch hier Spielraum. Was der Grund für ihr Handeln ist, ist nämlich ganz dir überlassen! Wenn deine Figur spontan und impulsiv ist, reicht vielleicht eine kleine Provokation, um sie etwas Unbedachtes tun zu lassen.

      Noch ein Gedankenanstoß: Es muss nicht immer sofort geklärt werden, was die Motivation deiner Figuren ist. Vielleicht findet der Leser erst 100 Seiten später heraus, warum deine Figuren handeln wie sie handeln und das kann auch in Ordnung sein.

      Kurz gesagt also: Bei großen Entscheidungen und auch bei den meisten kleinen sollten deine Figuren nachvollziehbar handeln. Kleine Unstimmigkeiten, die sich nicht auf den Plot auswirken, können deinen Figuren mehr Leben einhauchen, aber da musst du bei der Dosierung vorsichtig sein.

      Ich hoffe, das hat geholfen 🙂
      LG Sina

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