Der gute Testleser [Teil 1/3] – Deine Erwartungen an Autor und Manuskript

Als Schreiberling passiert es hin und wieder, dass du auch für andere Geschichten testlesen sollst. Das ist auch logisch. Du kennst dich besser mit der Struktur von Geschichten aus als der Durchschnittsmensch und da solltest du auch automatisch ein besserer Testleser sein, richtig? Das stimmt leider nicht immer, denn auch wenn deine Voraussetzungen gut sind, musst du dein Wissen immer noch richtig kommunizieren können.

Erwartungen an den Autor

Bevor du auch nur anfängst, ein Manuskript in die Hände zu nehmen, solltest du dich mit dem Autor unterhalten. Im Idealfall wird er etwas für dich vorbereitet haben, vielleicht einen Fragebogen (hier findest du ein Beispiel dafür) oder einfach einen Merkzettel. Darin sollte stehen, was sich der Autor von dir als Testleser erhofft. Und wenn du keine Anweisung von dem Autoren bekommst, dann liegt es an dir, sie zu erfragen.

1. Wo soll dein Fokus liegen?

Auf dem Inhalt, auf den Figurenbeziehungen, auf dem Spannungsbogen, auf Rechtschreibung und Grammatik oder soll dein Testlesen ein Rundumschlag sein? Das solltest du von Anfang an wissen, denn nichts ist für den Autoren frustrierender als ungewünschte Tipps. Gleichzeitig würde dich nichts mehr Zeit und Nerven kosten, als dich stundenlang mit dem Spannungsbogen zu beschäftigen, wenn nur ein Blick auf die Grammatik gewünscht war.

Eine wirkliche Bezahlung beim Testlesen ist unüblich.

Gleichzeitig solltest du an dieser Stelle auch schon herausfinden, in welcher Form deine Verbesserungsvorschläge gewünscht sind. Reichen einfache Kommentare am Rand des Manuskripts oder wäre es von Vorteil, wenn du nach jedem Kapitel eine kleine Zusammenfassung von deinem Eindruck schreibst? Sollst du dich immer wieder mit deinen Updates beim Autoren melden oder soll alles in einem Rutsch abgeliefert werden? Die Möglichkeiten sind schier endlos und deswegen solltest du wissen, was von dir erwartet wird.

2. Bezahlung

Eine Bezahlung für Testleser (außer es sind Berufs-Lektoren und Korrektoren) ist in meiner Erfahrung sehr unüblich. Stattdessen wird die aufgewandte Zeit meist vergütet, indem der Autor anbietet auch ein Manuskript des Gegenübers testzulesen. Auch eine Dankes-Erwähnung im Buch selbst ist nicht vorgeschrieben, auch wenn es zum Guten Ton gehört, seine Testleser am Ende des Buches zu erwähnen und ihnen zu danken.

Deswegen gilt besonders bei der „Bezahlung“: Kommuniziere deutlich, was du von dem Autoren erwartest! Denn wenn der Autor nicht weiß, was du möchtest, dann kann er dir deine Wünsche auch nicht erfüllen.

Erwartungen an das Manuskript

Bevor du überhaupt ein Manuskript annimmst solltest du dir einiger Dinge bewusst werden. Zuerst solltest du, falls es dir der Autor nicht sowieso schon gesagt hat, die Eckdaten in Erfahrung bringen. Was ist das Genre, der Umfang und wann ist die Deadline?

1. Genre

Bei dem Genre gibt es für dich als Testleser zwei Möglichkeiten: Entweder bist du Genre-Spezialist – das heißt, dass du dich in dem Genre sehr gut auskennst, weil du es entweder selbst schreibst, oder mit Vorliebe liest – oder du bist Genre-Neuling. Beide Sorten von Testlesern sind für den Autoren auf verschiedene Arten Hilfreich.

Genre kann dir verraten, was auf dich zukommt. Sowohl beim Inhalt als auch beim Umfang des Manuskriptes.

Als Genre-Spezialist kennst du dich mit den Klischees und Tropes aus und kannst sie schnell erkennen. Als Genre-Neuling kannst du überprüfen, ob irgendetwas Unverständliches in das Manuskript gerutscht ist und die Geschichte somit für Einsteiger in das Genre unfreundlich ist.
Beides sind wichtige Aspekte des Testlesens und du solltest ein Manuskript wegen des Genres alleine nicht ablehnen. Dennoch solltest du an dieser Stelle in dich gehen. Jeder Leser, den ich kenne, hat ein Genre, das ihm nicht gefällt. Wenn du also das Gefühl hättest, dass deine Vorurteile gegenüber dem Genre, deine Analyse- und Kritikfertigkeiten beeinträchtigen würden, dann solltest du den Autor darüber informieren.

2. Umfang

Der Umfang des Manuskriptes wird oft schon durch das Genre bestimmt. Fantasy-Geschichten zum Beispiel sind notorisch lang. Das sollte dir bewusst sein, bevor du einem Testlesen zustimmst. Wichtig an dieser Stelle sind für dich zwei Dinge:

  1. Sollst du die ganze Geschichte oder nur einen Teil testlesen?
    Die ganze Geschichte testzulesen dauert natürlich länger, gibt dir aber mehr Kontext und somit die Möglichkeit, die Gesamt-Geschichte fairer und detaillierter zu bewerten. Nur einen Teil der Geschichte zu bewerten gibt dir dir Möglichkeit, dich auf einzelne Sätze zu hyperfokussieren und somit mehr Tipps zu Form und Schreibstimme zu geben.
  2. Bekommst du die Geschichte am Stück oder in Etappen?
    Wenn du die ganze Geschichte bekommst, kannst du dir deine Arbeit selbst einteilen. Das ist besonders für Testleser gut, die schnell arbeiten. Aber die Gefahr besteht, dass die Geschichte irgendwann am liegen bleibt und du sie einfach nur vor dir aufschiebst, weil du das Gefühl hast nicht voranzukommen. Die Geschichte in Etappen zu erhalten, ist meistens für den Autoren hilfreicher, weil er somit die Kritik eines vorherigen Teiles schon einarbeiten kann, während ein späterer Teil noch gelesen wird. Aber es hält Testleser zurück, die schnell arbeiten.

Ich kann dir keine Tipps geben, welche Methoden besser sind, denn hier geht es vor allem um persönliche Vorlieben. Probiere es aus und auch hier gilt: Rede mit dem Autoren. Wenn er dir das Manuskript in Etappen schickt und du aber schon fertig bist, frag doch einfach, ob du schon den nächsten Teil bekommen kannst.

3. Deadline

In meiner Erfahrung ist das Testlesen ein wahnsinniger Zeitaufwand. Und das möchte ich deutlichst betonen. Zugegebenermaßen bin ich sehr penibel beim Lesen und kommentiere viel, aber unter einer halben Stunde pro DIN-A4 Seite komme ich nicht weg. Ich habe auch schon über 3 Stunden an einer einzigen Seite gesessen. Da kannst du dir ausrechnen, wie lange ein Manuskript von 200+ Seiten dauern kann.

Sei dir bewusst, dass riesig viel Arbeit auf dich zukommt!!

Du solltest also darauf achten, dass die Deadline angemessen gesetzt ist. Ein ganzes Manuskript in zwei Wochen ist nicht machbar.

4. Inhalt

Sei dir bewusst, dass du kein fertig lektoriertes Buch vor dir hast. Es als solches zu behandeln wäre dem Autoren gegenüber unfair. Trotzdem: Du bist Testleser und kein unbezahlter Lektor. Es ist nicht deine Aufgabe, die Geschichte lesbar zu machen, sondern dem Autoren mit deiner Kritik eine neue oder andere Richtung für das Geschriebene aufzuzeigen.

Bevor du also Stunden um Stunden um Stunden in das Manuskript versenkst, melde dich frühzeitig mit Bedenken.

Zum Abschluss

Was ich eigentlich sagen möchte, ist Folgendes: Deine Fähigkeit, ein guter Testleser zu sein, hat nur marginal mit deinem Wissen über das Schreiben selbst zu tun. Ein unerfahrener Leser, der in ständigem Kontakt mit dem Autoren steht, ist deutlich hilfreicher als ein vermeindlich Erfahrener, der nicht auf die Fragen des Autoren eingeht.

Also: Kommuniziere mit dem Autoren. Es ist nicht schlimm, wenn du Fragen hast. Es ist auch nicht schlimm, wenn du es nicht schaffst, das ganze Manuskript testzulesen oder wenn du das Testlesen eines Manuskriptes ablehnst. Aber du solltest bei jedem Schritt sicher sein, dass der Autor weiß, auf welchem Stand du bist. Auch wenn du das Testlesen (egal aus welchem Grund) abbrechen musst, solltest du das mit dem Autoren kommuniziern. Denn ein guter Testleser macht vor allem das:

Deutlich und offen alle Bedenken und Kritiken mit dem Autoren teilen.

 


Nächste Woche zeige ich dir, wie du als Testleser gute Kritik schreiben kannst.

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