Rezension – Nachtfrost

Nachtfrost

Ich drufte Nachtfrost schon Testlesen, als es noch nicht einmal in der Überarbeitungsphase war. Deswegen freue ich mich jetzt besonders, dass meine Freundin Jessica Bradley es im September 2019 selbst veröffentlicht hat. Das Rezensionsexemplar hat sie mir zu der Veröffentlichung geschenkt und ich streue reichlich Asche auf mein Haupt, dass ich erst jetzt zu der Rezension gekommen bin.

Inhalt

Nachtfrost ist eine tragische Märchenadaption – welches Märchen möchte ich nicht verraten, denn das würde das Ende verraten – das in unsere moderne Welt übertragen wurde.

Die dreizehnjährige Laura flieht vor ihrem gewalttätigen und alkoholsüchtigen Vater. Sie möchte zu ihrer Oma nach Italien, aber das ist als Kind gar nicht so einfach. Immer wieder stellen sich ihr Hindernisse in den Weg und sie lernt auf schmerzhafte Art und Weise, dass man Fremden nicht immer vertaruen darf.

Die Figuren

Obwohl Nachtfrost eine Kurzgeschichte ist (117 Seiten), kommen erstaunlich viele Figuren vor. Aber ich möchte mich auf die Hauptfiguren beschränken. Laura möchte man die ganze Geschichte am liebsten in den Arm nehmen. Sie verbindet die klare Naivität eines Kindes mit einer unglaublichen Entschlossenheit, ihr Ziel zu erreichen. Sie ist mal patzig, mal vertrauend, aber immer offen und ehrlich, ohne ihre Gefühle zu verstecken.
Ich habe sie sehr lieb gewonnen.
Dann ist da noch ihr Vater, der einfach den kompletten Kontrast zu ihr liefert. Er ist ekelig, abstoßend und manipulierend in jeder seiner Aktionen. Und mehr möchte ich zu ihm nicht sagen, denn gerade weil das Buch so kurz ist, kommt man auch schon bei der Charakterisierung von Figuren schnell zu Spoilern.

Insgesamt muss ich sagen, dass jede Figur (auch die Namenlosen) unglaublich bildhaft beschrieben wurden. Jede Figur ist ein Schauspiel für die Sinne und absolut einzigartig. Hier nur zwei Beispiele:

„[Die Putzfrau] hatte sich in einen hässlichen Kittel gezwängt, dessen Knöpfe gefährlich spannten. Man konnte nicht erkennen, wo ihre mächtigen Brüste aufhörten und der massige Bauch begann.“

– Seite 33

„Neben ihr saß ein junger Kerl. Seine schlaksige Gestalt wirkte unbeholfen. Ein riesiger Bommel an seiner Strickmütze baumelte hin und her. Er […] hielt einen schmutzigen Teddybären fest an die Brust gedrückt.“

– Seite 54

Leider muss ich sagen, dass hier auch eine Schwäche des Buches liegt. Gerade weil es so kurz ist und die meisten Figuren nicht über diese Beschreibung hinwegkommen, kann ihnen ein wenig an Tiefe fehlen. Und an den unglücklichsten Stellen verhalten sie sich, aufgrund ihrer fehlenden Charakterisierung, eher wie Karrikaturen von Menschen.
Aber das passiert zum Glück nur selten.

Sprache

Jessica verwendet eine unglaublich bildhafte Sprache, nicht nur bei dem Beschreiben der Figuren, sondern auch bei den Beschreibungen der Umgebung. Man kann sich zu jedem Zeitpunkt die Orte, zu denen Laura gelangt, wahnsinnig gut vorstellen.

Normalerweise bin ich kein Mensch für Beschreibungen, aber bei Nachtfrost waren sie so präzise und wortgewandt eingesetzt, dass ich ein bisschen verliebt bin.

„Alles wirkte wie ein dichter Dschungel aus grauen Plattenbauten, die Individualität und Hoffnungen wie Treibsand verschluckten. Ein Spiegel der Gesellschaft, den [Laura] am liebsten verhüllen würde. Ein Labyrinth, aus dem man sleten wieder hinausfand, wenn man einmal eingetreten war. Doch Laura kannte den Weg.“

– Seite 21

Fazit

Nachtfrost, wenn auch nicht ohne kleinere Kritikpunkte, ist ein wahnsinnig faszinierendes Debut von Jessica Bradley, das zwar schön, aber wegen seiner Thematik dennoch schwer zu lesen war. Es ist ein Buch, das auf jeden Fall Lust auf mehr macht, und ich freue mich schon darauf, dass für nächstes Jahr eine neue Geschichte geplant ist.

Wem würde ich dieses Buch empfehlen?
Aufgrund der Thematik des Buches, möchte ich aus der Triggerwarnung zitieren: „Der Kurzroman Nachtfrost enthält eine Vielzahl sog. Trigger. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Deshalb ein genereller Hinweis: Menschen, die sich z.Z. in einer instabilen emotionalen Verfassung befinden, rate ich ab, Nachtfrost zu lesen. Es besteht die Gefahr von sog. Flashbacks, Dissoziationen und ähnlichen Reaktionen. Ich danke für Ihr Verständnis.“
Wer nach dieser Warnung bereit ist, das Buch in die Hand zu nehmen, dem kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen. Besonders, wenn du eine Vorliebe für Märchen(adaptionen) hast, ist Nachtfrost für dich geschrieben.

 


Hast du Nachtfrost schon gelesen? Wie fandest du es?

Es wurde übrigens schon rezensiert von Cathy alias Mademoiselle Facettenreich und Stephanie alias Kleiner Komet.

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1 Gedanke zu „Rezension – Nachtfrost

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