Rezension – Du musst nicht von allen gemocht werden

Du musst nicht von allen gemocht werden

Das Buch Du musst nicht von allen gemocht werden – Von dem Mut sich nicht zu verbiegen von den Autoren Ichiro Kishimi und Fumitake Koga (übersetzt aus dem Japanischen von Renate Graßtat) ist im Dezember 2018 im Rowohlt Taschenbuch Verlag in Deutschland erschienen.

Ich habe mir das Buch also Hörbuch geholt, meine Zitate sind also ohne Seitenangaben.

Inhalt

Das Buch präsentiert eine Diskussion zwischen zwei Menschen: Einem Philosphen und einem Zweifler. Der Zweifler ist „ein junger Mann, der mit seinem Leben unzufrieden [ist]“ und die Thesen des Philosphen widerlegen möchte. Gleich zu Anfang werden diese Thesen aufgeführt:

Der Mensch [kann] sich ändern,
die Welt [ist] einfach und
jeder kann glücklich [sein].

Dann beginnen die beiden sich zu unterhalten, wobei der junge Mann die Fragen stellt und der Philospoh antwortet.

Die Figuren

Der junge Mann ist arrogant und spricht von oben herab. Sprüche wie „Sie werden vor mir [und meiner Argumentation] auf die Knie fallen!“ sind da noch moderate Aussagen. Der Philosoph hingegen ist stets ruhig und bemessen. Das beides wäre für sich genommen kein Problem, aber es ist sehr deutlich zu sehen, dass der Leser der junge Mann sein soll und die Autoren die „Lehrer“ also der Philosoph.

Seinen Lesern direkt von Anfang an so eine falsche und arrogante Selbstsicherheit zuzuschreiben, ist mir direkt gegen den Strich gegangen. Das war vor allem auch, weil ich einige Aussagen des jungen Mannes nicht teilen konnte.

Allerdings gestehe ich ein, dass die Direktheit des jungen Mannes seinen Ursprung in der Übersetzung aus dem Japanischen haben könnte. Ich kenne den normalen Umgangston im Japanischen nicht und so kann ich mir gut vorstellen, dass der junge Mann nur so unhöflich wirkt, weil ich aus dem Deutschen Anderes gewohnt bin.
Genauso wie man im Deutschen die Engländer meist als sehr höflich empfindet, kann es hier genau anders herum sein. Daher möchte ich allein deswegen das Buch nicht verurteilen.

Dennoch habe ich Du musst nicht von allen gemocht werden abgebrochen

Wie du unschwer an der Überschrift erkennen kannst, habe ich das Buch dennoch nicht beendet. Tatsächlich habe ich es mir kaum 35 Minuten anghört, bevor ich es ausgeschaltet habe. Was ist also passiert?

Der erste Teil heißt: „Der erste Abend – Das Trauma leugnen“ und ich beziehe mich im Folgenden auf die Kapitel „Warum sich Menschen ändern können“ und „Es gibt kein Trauma“.
Der junge Mann erzählt von einem Freund, der sein Zimmer aufgrund einer Angststörung nicht verlassen kann, aber diese aus offensichtlichen Gründen nicht haben möchte. Dennoch schafft er es nicht, sie einzudämmen und somit wäre die These des Philosophen, dass jeder Mensch sich ändern kann widerlegt.

Es gibt keine Traumata

Die beiden vermuten, dass das Verhalten des Freundes auf ein Trauma in seiner Kindheit zurückzuführen ist. Dann gibt der Philosoph diese Perlen der Weisheit von sich:

„Ihr Freund ist unsicher, also kann er nicht aus dem Haus gehen. Denken Sie sich das Ganze einmal umgekehrt. Er möchte nicht aus dem Haus gehen, deshalb entwickelte er einen Angstzustand. […] Stellen Sie es sich einmal so vor: Ihr Freund hatte schon vorher nicht das Ziel hinauszugehen und er hat dann einen Zustand der Sorge und Angst erzeugt, um dieses Ziel zu erreichen.“

Der junge Mann reagiert ungehalten (verständlicherweise), weil er es nicht für möglich hält, dass sein Freund selbst Schuld an seinen Angstzuständen ist und sein vergangenes Trauma nichts damit zu tun hat. Der Philospoh antwortet:

„Ich leugne es entschieden[, dass es so etwas wie ein Trauma gibt]. […] Zugegeben, die freudianische Auffassung des Traumas ist faszinierend. In Freuds Vorstellung sind die psychischen Verletzungen, die Traumata, die Ursache für das gegenwärtige Unglück eines Menschen. Wenn man das Leben als eine lange Geschichte betrachtet, gibt es darin eine einfach zu verstehende Kausalität und einen Sinn für dramatische Entwicklungen, die starke Eindrücke erzeugen. Das ist ungeheuer faszinierend.

[Gegen das Trauma-Argument spricht:] Keine Erfahrung ist für sich genommen eine Ursache für unseren Erfolg oder unser Versagen. Wir leiden nicht unter dem Schock unseres Erlebens, dem sogenannten Trauma, sondern wir machen aus ihm genau das, was unserem Zweck dient.
Wir werden nicht durch unsere Erfahrungen bestimmt, sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben, stellt diese Bestimmung erst her. […] Du bist derjenige, der entscheidet, wie du lebst.“

„Du bist derjenige, der entscheidest, wie du lebst“

Genau diese Darstellung von Traumata finde ich ungeheuer gefährlich, denn es schiebt die Schuld des Traumas zurück auf den Betroffenen. Außerdem suggeriert sie, dass der Betroffene sich das Erlebte einfach nicht zu Herzen nehmen sollte und schon wäre das „Trauma“ gelöst.

„[…] selbst wenn wir annehmen, dass Ihr Freund tatsächlich denkt, Ich passe nicht in die Gesellschaft weil ich von meinen Eltern missbraucht wurde, so ist das immer noch deshalb der Fall, weil es sein Ziel ist, so zu denken.

An dieser Stelle habe ich das Hörbuch dann aufgehört.

Jemandem zu unterstellen – und sei es eine fiktionale Figur – dass er/sie traumatisiert sein will, ist eine emotional kalte und grausame Einstellung, die vor allem der betroffenen Person nur schadet. Denn genau diese Einstellung, verbreitet die Annahme, dass psychische Erkrankungen (sei es nun durch Trauma oder nicht) von den Betroffenen gewollt sind und eigentlich keine „richtigen“ Erkrankungen.

Solltest du Du musst nicht von allen gemocht werden lesen?

Zugegebenermaßen habe ich Du musst nicht von allen gemocht werden nicht besonders weit durchgelesen, bevor ich es weggelegt habe, dennoch bin ich mir in meiner Emfehlung sicher:

Ich würde das Buch durch die Bank weg nicht empfehlen. Die Ideen am Anfang sind, gerade für Neulinge auf diesem Gebiet, gefährlich und für Menschen, die sich damit auskennen oder betroffen sind, beleidigend.
Ich kann dir zwar nicht sagen, was nach den ersten 30 Minuten in dem Hörbuch passiert, aber allein dieser Anfang hat mir Du musst nicht von allen gemocht werden herzlichst versaut.

 


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