Perspektivwechsel leicht gemacht

Perspektivwechsel

Wenn du eine Geschichte aus der Sicht von mehreren Figuren schreibst, dann wirst du früher oder später dazu kommen: Einem Perspektivwechsel. Aber wo wechselst du am Besten die Perspektive? Gibt es Regeln zu beachten? Und wie leitest du einen Perspektivwechsel am besten ein?

Die Perspektive

Bevor du dazu kommst die Perspektive zu wechseln, musst du dich zuerst für eine entscheiden. Welche es gibt und welche Vor- bzw. Nachteile sie mit sich bringen, habe ich dir in diesem Artikel „Der Erzähler und die Erzählperspektiven“ zusammengefasst.

Dennoch möchte ich auch hier sagen: Die Wahl deines Erzählers wird sich stark auf deine Perspektivwechsel auswirken. Ein auktorialer Erzähler müsste (wenn nicht aus Stilgründen anders gewollt) niemals wechseln, wohingegen es bei personalen Erzählern manchmal sogar notwendig ist, um in dem Leser alle Informationen zu überbringen.

Denke also, bevor du du überhaupt einen Perspektivwechsel in Erwägung ziehst, gründlich darüber nach, welcher Erzähler sich für deine Geschichte am Besten eignet.

Welche Regeln gibt es beim Perspektivwechsel?

Wie auch bei allen anderen Schreibtipps, sind auch die Regeln für den Wechsel der Perspektive nicht in Stein gemeißelt. Es handelt sich dabei eher um Richtlinien, die gerne beiseite gelegt werden können, um den Stil deiner Geschichte beizubehalten. Dennoch solltest du dir im Klaren darüber sein, dass jede dieser Richtlinien einen Grund hat und deswegen jede Nicht-Beachtung genau überlegen.

1. Bleibe bei derselben Erzählperspektive.

Damit meine ich nicht unbedingt, dass du bei derselben Figur bleiben solltest, sondern dass die Erzählform gleich bleibt. Wenn du also mit einem personalen Er-/Sie-Erzähler angefangen hast, solltest du auch nach einem Wechsel bei einem weiteren personalen Er-/Sie-Erzähler landen.

Der Grund ist einfach: So müssen sich deine Leser nicht auf einen anderen Erzähler einstellen und der Übergang wirkt flüssiger, ganz ohne dass du irgendetwas dafür tun müsstest.

Ein gutes Beispiel, dass ein Buch dennoch funktioniert, wenn es zwei unterschiedliche Erzählformen gibt, ist die Bartimäus-Reihe von Jonathan Stroud. (Sehr gute Bücher übrigens.) Dort erzählt der Dämon Bartimäus aus der Ich-Perpektive und sein Meister Nathaniel aus der personalen Er-Perspektive. Anfangs bin ich über die Wechsel gestolpert, aber nach einer Weile habe ich mich daran gewöhnt.
Und die unterschiedlichen Erzähler erreichen genau, was sie sollen: Ich habe mich Bartimäus stets näher gefühlt als Nathaniel.

2. Limitiere die Zahl der Perspektivträger.

Damit sich dein Leser deine Figuren merken kann und die Zeit hat, eine emotionale Bindung aufzubauen, sollte er möglichst viel Zeit mit ihnen und vor allem den Perspektivträgern verbringen. Da ist es nur logisch, dass du mit so wenig Perspektivträgern wie möglich arbeiten solltest. Denn jede Seite, die du mit einer anderen Figur verbringst, nimmt dem Leser die Möglichkeit, sich mit deinen Hauptfiguren auseinanderzusetzen.

Also: So wenige Perspektivträger wie möglich, aber gleichzeitig so viele wie nötig um deine Geschichte ideal zu erzählen.

Meine persönliche Faustregel dabei ist: eine Hauptperspektive und 1-3 unterstützende Perspektiven. Wie viele es tatsächlich werden hängt vond er Komplexität und Länge der Geschichte ab. Ob sich eine Perspektive lohnt, lässt sich Recht einfach herausfinden. Stelle dir einfach folgende Fragen:

  1. Wie viel Zeit würde der Leser mit dieser Figur verbringen?
  2. Ist diese Figur immer (oder meistens) in Begleitung eines anderen Perspektivträgers? Könnte ich die Szenen in Frage auch aus der Perspektive dieser anderen Figur erzählen?
  3. Ist die Figur einziger Zeuge von wichtigen Plotpunkten? Oder können diese Informationen auch anders zum Leser gelangen?
  4. Welche einzigartigen Blickwinkel auf den Plot gibt mir die Sicht dieser Figur?
  5. Warum möchte ich aus der Sicht dieser Figur erzählen?

Aus deinen Antworten zu diesen Fragen, lässt sich meistens schnell ermitteln, ob du tatsächlich diese neue Perspektive brauchst oder nicht.

3. Wechsle die Perspektive nur, wenn es dem Leser neue Informationen gibt.

Für die meiste Zeit deines Buches solltest du bei deinem Protagonisten und seiner Perspektive bleiben. Betrachte seinen Blickwinkel als deinen Ausgangspunkt und wenn du zu einer anderen Figur wechselst, dann solltest du einen triftigen Grund haben, z.B.

  1. Dein Protagonist ist nicht anwesend bzw. dein Protagonist schläft oder ist ohnmächtig.
  2. Die andere Figur hat Informationen/Geheimnisse, die der Protagonist nicht wissen kann oder darf, aber der Leser wissen sollte.
  3. Du möchtest dem Leser vorenthalten, was der Protagonist plant.
  4. Du möchtest dieselbe Situation aus zwei Perspektiven schildern, um Unterschiede zwischen Figuren zu verdeutlichen.
  5. etc.

Dabei solltest du eine Sache beachten: Führe deine Perspektivwechsel an Punkten in der Geschichte durch, an denen sich dein Leser freuen würde, zu der Figur zurückzukehren. Verlasse niemals eine Figur, wenn alle Fragen und Konflikte geklärt sind. Das heißt nicht, dass du jeden Perspektivwechsel mit einem Cliffhanger einführen musst, aber sei immer darauf bedacht, dass es einen Grund geben sollte, zu der anderen Perspektive zurückzukehren.

Wie führst du einen Perspektivwechsel durch?

Es bietet sich meistens an, bei dem Wechsel zu einem neuen Kapitel ebenfalls die Perspektive zu wechseln. Da Kapitel sowieso Informationseinheiten sind, wirkt ein Wechsel an so einer Stelle sehr natürlich und wird den Leser auch nicht verwirren. Manche Autoren gehen sogar so weit, dass sie jedes Kapitel nach der Figur benennen, aus deren Perspektive erzählt wird.

Das macht es dem Leser natürlich leichter sich zurecht zu finden, aber es nimmt auch die Möglichkeit, den Kapiteln eigene Namen zu geben. Und Kapitelnamen sind mir persönlich lieber, als nur die Perspektive zu erfahren. Aber hier muss jeder selbst entscheiden, welche Variante er lieber mag.

Wenn du innerhalb eines Kapitels die Perspektive wechselst, dann solltest du *mindestens* einen neuen Absatz beginnen. Besser noch: Sternchen oder andere Verzierungen in den Text einfügen, die deutlich machen, dass an dieser Stelle eine Veränderung stattfindet.
Dabei ist wichtig, dass du in der neuen Perspektive schnell den Namen des Perspektivträgers oder ein anderes eindeutiges Erkennungsmerkmal erwähnst, damit sich dein Leser schnell zurechtfindet.

Zum Abschluss

Wie auch bei jeder anderen Entscheidung für dein Buch, solltest du auch über Perspektivwechsel gründlich nachdenken. Und auch hier lernst du am Besten durch ausprobieren. Versuch dich doch an einer Kurzgeschichte und schreibe sie aus verschiedenen Perspektiven, um die Unterschiede festzustellen.

An welchen Stellen, aus welcher Perspektive ist die Geschichte am interessantesten? Könntest du aus diesen kurzen Perspektivausschnitten die komplette Geschichte neu zusammenstellen?

 


Wie gehst du mit Perspektivwechseln um? Habe ich irgendetwas vergessen?

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