Der plötzliche allwissende Erzähler oder wie du deine eigene Geschichte sabotierst

Der plötzliche allwissende Erzähler

Es gibt eine Konvention beim Geschichtenerzählen, die ich einfach nicht verstehe , warum sie existiert. Deswegen wollte ich ein wenig darüber schreiben. Ich nenne sie der „plötzliche allwissende Erzähler“.

[Achtung: Dieser Text enthält Spoiler für Der Friedhof der Kuscheltiere von Stephen King und Der Weg der Könige von Brandon Sanderson.]

Was ist „Der plötzliche allwissende Erzähler“?

Der plötzliche allwissende Erzähler ist ein Bruch im normalen Erzählstil des Autors, der dem Leser einen wichtigen Plotpunkt oder eine wichtige Entwicklung vorwegnimmt. Zugegebenermaßen hört sich das im ersten Moment ein wenig abstrakt an. Deswegen werde ich das Konzept an ein paar Beispielen erklären.

Die beiden Passagen sind zwecks Vereinfachung keine echten Zitate, sondern nur inhaltliche Wiedergaben.

„Doch Louis wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sein Sohn in zehn Wochen ebenfalls tot sein würde.“ – Friedhof der Kuscheltiere (Stephen King)

„Sie feierten gemeinsam, denn sie ahnten nicht, dass in knapp einer Stunde der Friedensvertrag durch die Ermordung des Königs gebrochen werden würde.“ – Der Weg der Könige (Brandon Sanderson)

In beiden Fällen wird ein wichtiger Plotpunkt vorweggenommen. Und das durch den plötzlichen Einschub eines allwissenden Erzählers, der in dieser Form in der Geschichte noch nicht aufgetreten ist. Die große Frage ist:

Was erreicht diese Schreibtechnik?

Der Autor hält die Geschichte in seiner Hand und damit auch die Möglichkeit Plotpunkte vorwegzunehmen.

Ein plötzlicher Ausblick in die Zukunft soll die Spannung erhöhen, denn meist enthüllt diese „Prophezeiung“ des Erzählers einen schockierenden Plotpunkt. Und weil man diesen Plotpunkt als Leser kennt, fiebert man ihm entgegen. Oder, in meinem Fall, die Geschichte verliert auf einmal an Charme, weil die Ungewissheit verloren geht. Die Zukunft ist fest und bis dieser Punkt der Geschichte überschritten ist, ist es so gut wie unmöglich, die Spannung zurückzuholen.

Das Ganze kann nur dadurch schlimmer gemacht werden, dass der plötzliche allwissende Erzähler auch noch den ursprünglichen (meistens personalen) Erzähler ersetzt. Damit wird neben dem Spannungsbogen auch noch die Immersion des Lesers gebrochen. Ich glaube, es ist recht deutlich, dass ich diesen plötzlichen Wechsel nicht leiden kann.

Wie kannst du es besser machen?

Bevor ich zu meinen Tipps gehe, möchte ich vorher noch eine Sache betonen. Die Ausblicke in die Zukunft durch einen allwissenden Erzähler sind ein Stilmittel. Es gibt Leute, denen die Ausblicke gefallen und Leute, denen sie nicht gefallen. Wenn du dieses Stilmittel magst, dann benutze es. Aber sei vorsichtig damit und gehe sparsam damit um, denn ansonsten verliert es wie jedes andere zu oft benutzte Stilmittel an Wirkung.

Wenn du den plötzlichen allwissenden Erzähler nicht benutzen, aber dennoch einen ähnlichen Effekt erreichen möchtest, dann habe ich hier ein paar Ideen.

1. Ein Ausblick in die Zukunft aus der Sicht einer Figur.

Anstatt, dass der Erzähler diese Prophezeiung tätigt, lass es eine deiner Figuren tun. Damit umgehst du nämlich den plötzlichen Wechsel im Erzählstil. Allerdings hat diese Methode hat einen offensichtlichen Nachteil. Eine Prophezeiung aus dem Mund einer Figur wirft einige Fragen über die Möglichkeiten von Hellsicht in deiner Geschichte auf und funktioniert für gewöhnlich nur bei Mystery-, Horror- oder Fantasy-Geschichten.
Das Gute: Weil die Prophezeiung von einer Figur kommt, kann sich der Leser überlegen, ob er ihr Glauben schenkt, oder sie für Unsinn erklärt. Hier kann dir auch die Reaktion deiner anderen Figuren helfen, den Leser in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen.

2. Unterschiedliche Perspektiven.

Wenn du deine Geschichte bereits aus unterschiedlichen Perspektiven erzählst, bekommst du die wunderbare Gelegenheit, diese Entscheidung zu deinem Vorteil zu nutzen. Anstatt eine „Prophezeiung“ zu formulieren, wechsle an bestimmten Stellen von deiner Geschichte zu einer anderen Perspektive. (Besonders hilfreich ist die Sicht des Antagonisten.) Zeige dem Leser, dass z.B. der Plan des Protagonisten bereits durchschaut wurde und nun Schlimmes auf ihn zukommt. Dabei nimmst du das Ende der Situation nicht voraus und lässt den Leser bangen, ob es der Protagonist heile aus der Situation herausschafft.

3. Umstrukturierung deiner Geschichte.

Wenn du darauf zurückgreifen musst, einen spannenden Plotpunkt vorwegzunehmen, damit deine Geschichte spannend bleibt, zeigt das eines: Du hast deinen Spannungsbogen nicht richtig aufgebaut. Das heißt, wenn du dieses Problem von Grund auf beheben möchtest, musst du die komplette Struktur deiner Geschichte neu überdenken.
Außerdem solltest du dir Gedanken machen, wie du den Leser dauerhaft an deine Geschichte bindest. Wie du das machen kannst, kanst du in meinem Artikel „5 Tipps, um beim Schreiben Spannung zu erzeugen“ nachlesen.

Die Umstrukturierung deiner Geschichte sollte dein letzter Ausweg sein. Denn nichts ist ärgerlicher, als schon ein paar tausend Wörter zu Papier gebracht zu haben und sie dann nicht benutzen zu können.

Zum Abschluss

Abgesehen vom plötzlichen allwissenden Erzähler gibt es noch tausende weitere Klischees beim Schreiben. Das kann gut oder schlecht für dich sein, aber es gilt vor allem Eines: Kenne die Klischees deines Genres und lerne mit ihnen umzugehen. Finde heraus, wie sie auf deine Leser wirken und wiege dieses Wissen gegen das Gefühl auf, das du hervorrufen willst. Du kannst mit deinem Schreibstil niemals alle glücklich machen. Egal wie gut deine Geschichte ist, es wird sich immer jemand finden, der etwas an ihr auszusetzen haben wird.

 


Was hältst du von dem plötzlichen allwissenden Erzähler? Magst du ihn oder nicht?

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2 Gedanken zu „Der plötzliche allwissende Erzähler oder wie du deine eigene Geschichte sabotierst

  1. Liebe Sina, ich werde jetzt auch mal einen kleinen Kommentar schreiben. Ich muß dir ehrlich sagen, das ist für mich als Techniker und Pragmatiker zwar lesbar, aber ich verstehe nur einen Teil in Nuancen. Wo nimmst du eigentlich das ganze Wissen her? Mir scheint, das sind Ausführungen und Tips und Ratschläge einer Professorin für Literatur an einer Uni. Wie weit ist eigentlich dein Buch und hast du denn darin selbst alle diese guten Empfehlungen und Ratschläge beherzigt?
    Münze dein enormes Wissen in Heller und Cent um!
    Ich war heut in Köln zu einer Castingshow bei Pro 7. Es geht um Sport: Laufen und Hindernisse überwinden. Wahrscheinlich werde ich zu entsprechenden
    Filmaufnahmen eingeladen, den Eindruck hatte ich jedenfalls nach dem sportlichen Teil und dem Interview.
    Liebe Grüße
    Opa Klemens

    1. Lieber Opa, ich hoffe doch, dass ich meine eigenen Tipps und Tricks beherzige, obwohl es manchmal schwierig sein kann, sie auf die eigenen Geschichten anzuwenden. Von einer Literaturprofessorin bin ich allerdings noch weit entfernt. Alles, was ich so schreibe, habe ich mir aus verschiedensten Büchern angelesen oder logisch zusammengereimt. 🙂
      LG Sina

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