Wie schreibst du eine fesselnde Kampfszene?

Letzte Woche habe ich dir einen Einblick gegeben, wie du deine Kampfszene realistischer schreiben kannst [Die Kampfszene – Was ist realistisch?]. Dieses Mal geht es darum, wie du den Leser auf eine Kampfszene vorbereiten kannst und wie du die Spannung hochhältst.

Worum geht es bei einer Kampfszene?

Rein inhaltlich ist es ziemlich offensichtlich, was in einer Kampfszene passiert. Zwei oder mehr Menschen kämpfen. Doch das ist nicht alles. Es geht vor allem um die Entladung der Spannung, die du vorher aufgebaut hast. Das bedeutet: Der Kampf in der Szene ist gar nicht das Wichtigste, sondern eher Mittel zum Zweck. Vieles von der Qualität der Szene hängt von deiner Vorarbeit ab:

  1. Was steht für deine Figuren auf dem Spiel?
    Die Konsequenzen des Verlierens und Gewinnens sollten dir und vor allem deinem Leser klar sein. Wenn deine Leser nicht wissen, warum deine Figuren kämpfen, dann gibt es auch keine Spannung. Neben den Konsequenzen für den Plot solltest du aber auch die persönlichen Konsequenzen für die Kämpfenden im Blick behalten. Einen Kampf übersteht man nicht unbeschadet und Verletzungen können einen jahrelang begleiten. Am Ende dieses Artikels findest du ein paar Beispiele aus eigener Erfahrung.
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    Geht es auf Leben und Tod oder ist es „nur“ ein handfest gewordener Streit? Das Ziel der Kontrahenten kann die Dynamik stark verändern.
  2. Was ist das Ziel deiner Figuren?
    Das Ziel deiner Figuren muss sich nicht unbedingt mit den Konsequenzen des Kampfes überschneiden. Also stelle dir die Frage: Wie bringt dieser Kampf meine Figur ihrem Ziel näher? Und wenn der Kampf die Figur nicht weiterbringt: Wieso kämpft sie dann? Das sind alles Fragen, die sich auch dein Leser stellen wird, deswegen solltest du die Antworten im Vorfeld mindestens angedeutet haben.
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  3. Was ist das Ziel der Szene?
    Das Ziel der Szene und Figur sind wieder unterschiedlich. Möchtest du zeigen, dass deine Figur jähzornig ist? Dass sie sich wehren kann? Dass sie im Buch körperliche Fortschritte gemacht hat? Was es auch ist, mach dir bewusst, warum du als Erzähler diese Kampfszene brauchst und wie du sie nutzen kannst um eine Charakterentwicklung oder Ähnliches zu zeigen.
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  4. Wie viel Kampf ist nötig?
    Je mehr Spannung du aufgebaut hast und je größer die Konsequenzen des Verlierens sind, desto spektakulärer sollte der Kampf sein. Trotzdem sollte dir bewusst sein: Kämpfe sind grundsätzlich eher ein visuelles Medium und ein Buch nicht. Ein zu langer Kampf wird also schnell langweilig. Ich versuche immer, den tatsächlichen Kampf auf wenige Absätze zu beschränken.

Wie schreibst du einen Kampf?

Die erste Frage, die du dir stellen solltest, ob deine Figuren nur Beobachter oder Teilnehmer des Kampfes sind. Denn ausgehend von dieser Entscheidung wird sich deine Erzähltechnik drastisch verändern.

Der Beobachter

Diese Variante der Kampfszene eignet sich nicht so gut zur Entladung der Spannung, kann aber mit wechselnder Perspektive zu einem der Kämpfer, einen aufschlussreichen zweiten Blickwinkel auf das Geschehene liefern. Der Beobachter ist nicht direkt in den Kampf verwickelt, sollte allerdings eine emotionale Bindung zu mindestens einem der Teilnehmer haben, damit die Spannung bestehen bleibt.

Beobachter oder Teilnehmer? Das ist in einer Kampfszene eine wichtige Unterscheidung.

Mit dem Beobachter kannst du den Fokus auf die Atmosphäre, die Reaktionen der Umstehenden und die steigende Angst vor den Konsequenzen richten.

Der Teilnehmer

Wenn du aus der Sicht von einem der Kämpfer schreibst, dann möchtest du die Emotionen deiner Figur betonen. Deine Figur wird, vor allem wenn sie unerfahren ist, desorientiert und überfordert sein. Das kannst du durch abgehackte, unvollständige Sätze und plötzlich verschiebenden Fokus erreichen. Ein Fehler, den viele Autoren machen, ist, dass sie jeden Angriff und jede Abwehr genau beschreiben. Das ist unnötig. Niemand wird sich den Kampf genau so vorstellen, wie du ihn im Kopf hast. Erwähne wichtige Eckdaten, z.B. dass sich der Gegner hinter einem Tisch versteckt, aber ob mit der linken oder rechten Hand zugeschlagen wird ist relativ egal.

Ein weiteres Detail, das du nicht wissen kannst, wenn du noch nie gekämpft hast: Deine Figur wird visuell keine neuen Informationen aufnehmen können. Im Grunde hat jeder Kämpfer einen Tunnelblick. Das einzige, was in einer Kampfsituation zählt, ist, was gerade auf dich zukommt und dass du dich verteidigen musst. Deswegen schlägt man im Eifer des Gefechts auch unbeteiligte Personen oder Freunde.
Um diese Reizüberflutung darzustellen, kannst du dich anstatt auf das Visuelle auf die Schmerzen, Erschöpfung, Geräusche oder Gerüche konzentrieren. Das hilft außerdem dabei, den Kampf brutaler erscheinen zu lassen.

Kampfverletzungen aus eigener Erfahrung

Wenn du den Kampf aus der Sicht eines Teilnehmers beschreibst, dann wird es passieren, dass er sich verletzt. Verletzungen sind häufig das A und O, um die Gefahr eines Kampfes zu betonen. Doch gerade an dieser Stelle fehlt es den meisten Autoren an Erfahrung und es werden echt seltsame Reaktionen auf Verletzungen geschrieben. Natürlich werden nicht alle Menschen gleich auf Verletzungen reagieren, aber die instinktiven Reflexe des Körpers werden ähnlich bleiben.

Ich habe als nächstes meine Erfahrungen mit diversen Verletzungen und die Reaktionen des Körpers aufgeschrieben. Vielleicht können sie dir helfen, deinen Kampf etwas realistischer zu gestalten, denn sie werden in Büchern oft falsch dargestellt. Zu jeder Reaktion, die ich aufschreibe, gibt es Ausnahmen, denn es handelt sich um eigene Erfahrungen und Beobachtungen.

Fun Fact: Seit beim Boxen Handschuhe getragen werden, sind die Verletzungen im Ring schlimmer geworden. Früher waren die Knochen in der Hand der zerbrechlichste Teil. Wenn bei dir also ohne Handschuhe gekämpft wird, dann können schnell ein paar Hände brechen.

Ein Schlag auf die Nase treibt dir, auch wenn es nicht allzu sehr weh tut, die Tränen in die Augen. Dabei kann es passieren, dass du Nasenbluten bekommst, und du fühlst sofort, wenn das passiert. Das Blut läuft dir nicht sofort wie ein Wasserfall aus der Nase. Meistens hast du ein paar Sekunden Zeit, dir etwas zu besorgen, dass den Fluss des Blutes aufhält.

Eine aufgeplatzte Lippe verfolgt dich für mindestens eine Woche. Sie tut verdammt weh (heiß und stechend) und wird immer wieder von Neuem aufgehen. Jedes Mal wenn du isst und trinkst, wirst du vergessen, dass du eine aufgeplatzte Lippe hast, und dich jedes Mal wie ein Idiot fühlen, wenn du dich daran erinnerst.

Ein Schlag/Tritt gegen dein Ohr mag sich in der Theorie nicht wirklich schlimm anhören, aber wenn gut getroffen wird, passiert folgendes: Sämtliches Hören wird von einer Sekunde auf die andere ausgeschaltet und ersetzt durch ein hohes und durchdringendes Klingeln, das etwa eine Minute braucht um langsam in den Hintergrund zu rutschen. Zusätzlich wirst du für diese Zeit orientierungslos sein und es wird ein wahrer Kraftakt, das Gleichgewicht zu halten. Ohne Wand oder andere Stütze, wirst du dich hinsetzen müssen, oder umfallen. Nach der Minute bist du wieder voll einsetzbar und wirst auch (wenn du keine Gehirnerschütterung hast) am nächsten Tag nichts mehr davon spüren.

Ein Schlag in den Bauch oder Solar Plexus bringt dich dazu, dich sofort zusammenzukauern. Besonders wenn der Solar Plexus getroffen wird, entweicht dir aller Atem aus den Lungen. So ein Schlag war immer eine der unangenehmeren Erfahrungen beim Kampfsport. Fun Fact: Das meiste dieser Reaktion kann durch gut trainierte und im richtigen Moment angespannte Bauchmuskeln, abgewehrt werden. Das Anspannen passiert beim Ausatmen meist automatisch. Es wird also im Training schon geübt, heftig auszuatmen, sobald ein Schlag kommt.

Ich könnte noch sehr lange über andere Verletzungen reden, aber an dieser Stelle mache ich eine Pause. Wenn du aber noch Fragen zu anderen Verletzungen hast, kann ich versuchen, dir in den Kommentaren weiterzuhelfen. 🙂

Noch ein Hinweis: Es dauert eine gute Weile, bevor Verletzungen jeglicher Art verheilt sind, vor allem wenn gebrochene Knochen oder Prellungen im Spiel sind. Scheue dich nicht davor, die Konsequenzen des Kampfes in späteren Kapiteln zu erwähnen. Vielleicht können sie sogar Auswirkungen auf den Plot haben?

 


Ich hoffe, meine Miniserie über Kampfszenen hat dir geholfen. Sind noch Fragen offen geblieben? Stell sie mir doch in den Kommentaren.

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6 Replies to “Wie schreibst du eine fesselnde Kampfszene?”

  1. Diandra says:

    Mein Trick für Kampfszenen (oder lebhafte Szenen generell) besteht oft darin, die Szene tatsächlich mit Actionfiguren o.ä. nachzustellen, damit ich immer weiß, wer was wann wo macht. ^^

    Antworten
    1. Sina Bennhardt says:

      😀 Das sollte ich vielleicht mal ausprobieren. Das hört sich an, als könnte es sehr viel Spaß machen!

      Antworten
  2. GeoFine says:

    Hey, zu erst einmal DANKE!
    Danke das du dir die Mühe gemacht hast das hier zu verfassen. Ich selbst habe nie Kampfsport betrieben, aber dank meines Temperaments und eines jüngeren Bruders gab es dann doch die ein oder andere Rangelei. Ich musste bisher immer von diesen Erfahrungen zehren wenn ich geschrieben habe, aber dank dir habe ich jetzt tatsächliche Fakten. Ich würde sehr, sehr gerne noch mehr wissen. Wie z.B. jemand mit einer geringeren Reichweite gegen jemanden mit einer größeren kämpft (meist Frau gegen Mann). Wie du mag ich überzogene Kampfszenen nicht und möchte daher wenigstens eine grundlegende Realität rein bringen. Klar das gerade im Fantasy Bereich die Geschichte auch ein bisschen von dieser Überziehung lebt, aber trotzdem wären wenigstens grundlegende Bewegungsabläufe cool. Kannst du mir da vielleicht helfen? Gerne auch auf englisch.

    Antworten
    1. Sina Bennhardt says:

      I’ll do my best to answer you in English! Feel free to ask, if anything is unclear. 🙂

      I have another article where I go a little bit more into detail, what makes a fight scene more realistic with some basics about weight, experience and number of fighters. In case you haven’t read it yet, here is the link: Die Kampfszene – Was ist realistisch? 🙂

      But how does a smaller person fight a bigger person?
      First of: Up to about 10cm in height difference won’t make that much of a difference when it comes to reach. Which means, when fighting an opponent 10cm bigger or smaller, you will have just about the same advantages and disadvantages when it comes to fighting. If you are smaller by (a lot) more than 10 cm, then it becomes more difficult in a lot of ways. With a big difference in height there usually also comes a big difference in weight and that can be devastating.

      As an example: Because I am quite tall for a woman (181cm, 70kg at the time) I would be paired with men in training. One of those men I was usually paired with (because we had a comparable skillset) was 210cm and ~130kg and he hit like a freight train because of it. So I – despite my height – would take the role of the much lighter and much smaller opponent.
      And I can tell you: In a real fight, I wouldn’t have lasted a second. No matter how hard I hit or kicked (and he always encouraged me to strike even harder) he wouldn’t even flinch. I on the other hand had to remind him regularly to take it easy on me because he was that strong. But in a regulated fight with points and rules I could hold my own.
      Here are just a few things that worked for me:
      – don’t punch to the face. It’s too small of a target and too far away. It takes tremendous amount of strength to keep punching to the head. Instead: punch to the stomach, ribs and only occasionally when the opponents drops their guard to the face. (Also, if this was a „real“ fight: punch/kick to the groin or inner thigh; kick away the knee; drive heel into the foot, etc.)
      – keep moving. The taller fighter has the luxury to wait until someone comes within their reach. So in a fight, they usually just have to turn to face the opponent which is very energy conserving. In contrast, the smaller fighter has to (literally) stay on their toes. They can’t just run towards the taller fighter because the would (again quite literally) run into an outstretched fist. So they have to move in, move back, pretend to move in, keep their opponent guessing where they are going to strike. This is VERY exhausting. Still, you can do a few things to make sure you better your chances: If your opponent is righthanded, try to move to their left side, because even if their left hand will be weaker (and it won’t hurt as much) or they have to stretch out to hit you with their right (which is easier to block and won’t be as accurate) and this will probably leave an opening for you to strike back. In general: Moving quickly from one side to the other can be helpful.
      – DODGE AND DEFLECT. When you are small, you get better at dodging quickly because it is your best defense. A common misconception: Dodging a punch, doesn’t mean it can’t hit you at all but rather it hits you so little that you can keep moving forward.

      A few more „rules“ for the smaller and lighter fighter: (not hard rules, but they fit in most situations)
      – avoid taking the fight to the floor. Your opponent only has to sit on you and you won’t be able to get up. (That sounds funny, but it is very true^^)
      – avoid kicks or anything that makes it easy to knock you off balance because you don’t want to fall over
      – elbows and knees are the toughest part of your body, but have very little reach. Don’t go into a fight using them (because moving in quickly can be dangerous), but if you are close enough to use them, do it.
      – fingernails are an underused weapons. If you are not trained to punch with a fist, it is very likely you will break or sprain your hands and fingers. Instead try to use your fingernails like claws. Bonus: if you claw at the face it is very easy for them to get caught in the eyes of the opponent and that usually means they will let go and/or stop fighting (even if just for a second)
      – best tip: avoid fighting if possible and train running. ^^

      I hope this helped! Do you have any more questions?

      Antworten
      1. GeoFine says:

        Wow, vielen, vielen dank. du hast mir wirklich sehr geholfen. ich hab eine ganze menge neue ideen dank dir.^^

        Antworten
        1. Sina Bennhardt says:

          bitte gerne! wenn du weitere Fragen hast, dann stell sie gerne 🙂

          Antworten

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