Die Kampfszene – Was ist realistisch?

Wie sieht eine realistische Kampfszene aus?

Es passiert immer wieder, dass ich ein Buch zur Hand nehme (meistens Fantasy) und mich Plot und Figuren wahnsinnig begeistern. Ich verschlinge das Buch quasi, bis es zu einer Kampfszene kommt und dann ist auf einmal die Begeisterung weg. Kampfszenen in Büchern, vor allem mit Frauen als Protagonisten, sind oft so weit von der Realität entfernt, wie man es sich nur vorstellen kann.

[Ein kleiner Disclaimer: In diesem Artikel geht es nicht darum, wie man eine Kampfszene schreibt, sondern um ihren Inhalt. Das Wie und noch ein bisschen mehr, bespreche ich nächste Woche. ]

Meine eigene Erfahrung

Woher weiß ich, dass diese Kampfszenen unrealistisch sind? Seit ich vierzehn bin, mache ich Kampfsport. Darunter Taekwon-Do, Muay Thai, diverse asiatische Waffenkünste, ein wenig Jiu-Jitsu und einige Selbstverteidigungskurse. Insgesamt habe ich wohl etwa 9 Jahre Erfahrung mit Kampfsport und habe auch einige „offizielle“ Kämpfe auf Stadtmeisterschaften und anderen Wettkämpfen hinter mir. Dabei habe ich mir mein Schienbein angebrochen, wurde K.O. geschlagen, hatte blutende Nasen und Vieles mehr.

Ohne noch viel weiter ins Detail zu gehen: Ich würde mich als Fortgeschritten bezeichnen und habe somit einiges an Erfahrung, das ich in solche Szenen einbringe. Sowohl was den Kampf an sich angeht, als auch was das Gefühl von Verletzungen angeht.

Leider sind die Kampf- und Actionszenen in Büchern oft so unrealistisch, dass ich ein wenig den Respekt vor den Figuren verliere. Noch viel trauriger dabei: Es sind meistens die Bücher, die Frauen als Protagonisten haben, die anscheinend das Gefühl haben, ihrer Hauptfigur Superkräfte geben zu müssen. (Unabhängig von ihrem Kampftalent habe ich mir schon einmal Gedanken über die „starke Frau“ in Büchern gemacht und werde nicht weiter auf die Gründe eingehen, warum sie als „stark“ dargestellt werden.)

Wie könnte ein realistischer Kampf aussehen?

Wenn du einen Kampf schreibst, dann solltest du dir zuerst über zwei Dinge Gedanken machen: Wie erfahren sind beide Beteiligten und wird einer von ihnen von dem Angriff überrascht. Als Faustregel gilt: Der Erfahrene gewinnt in 99 von 100 Fällen und der Überraschte verliert in etwa 95 von 100 Fällen. Wenn der Erfahrene überrascht wird, dann rechne ich ihm – wenn er nicht von dem ersten Schlag ausgeknockt wird – eine Chance von etwa 25% gegen jemand Unerfahrenen aus.

Eine Kampfszene, wenn man den Überraschungseffekt vorne vor lässt, könnte also diese Zusammensetzung haben:

Unerfahren vs. Unerfahren

Wenn zwei unerfahrene Menschen gegeneinander kämpfen, dann kannst du davon ausgehen, dass es im Chaos endet. Sobald der erste Schlag gefallen ist, wird keiner von ihnen mehr eine Idee haben, was eigentlich passiert.

Eine Auseinandersetzung zweier unerfahrener Kämpfer wird keine visuelle Meisterleistung.

Denk an Haare ziehen, treten, beißen, kratzen und schubsen. Sie werden nicht in der Lage sein, einen klaren Gedanken zu fassen und sich eine Strategie zu überlegen. Das Adrenalin arbeitet gegen sie, denn es verhindert das klare und strategische Denken.

Erfahren vs. Unerfahren

Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kampfszene am schnellsten vorbei ist, ist hoch. Der Unerfahre wird mindestens ängstlich, aber wahrscheinlich panisch sein. Der Erfahrene weiß, wie wichtig es ist, den Kampf schnell zu beenden und wird alles daran tun, einen ersten Schlag zu setzen.

Sobald der Unerfahrene einen Schlag abbekommt, werden zwei Dinge passieren:

  1. Er wird überrascht sein und die Augen schließen. Bis er sie wieder öffnet und neu reagieren kann, vergeht etwa eine halbe Sekunde. (Und es tut weh.)
  2. Bevor er die Augen wieder geöffnet hat, wird er den nächsten Schlag abbekommen.

Eine weitere Grundregel: Der erste (getroffene) Schlag gewinnt ind 9 von 10 Fällen. Und falls es der Unerfahrene noch schaffen sollte, sich mit Kratzen und Beißen zur Wehr zu setzen, wird er definitiv verlieren, denn Kratzen und Beißen tut zwar weh, führt aber nicht zum Sieg.

Erfahren vs. Erfahren

Dieser Kampf wird nicht freiwillig stattfinden, außer es ist in einer kontrollierten Umgebung wie bei einem Wettkampf oder im Training. Dafür wissen beide Beteiligten zu gut, was auf dem Spiel steht und was ein Fehler für Konsequenzen haben kann. Ein erfahrener Kämpfer wird jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Kommt es dennoch zu einem Kampf, dann wirst du Folgendes sehen:

In einem kontrollierten Kampf mit festen Regeln und einem Schiedsrichter, können Tritte funktionieren. Ansonsten eher nicht.

Die Angriffe sind einfach, effektiv und schnell. Beide wissen, dass der Kampf höchstens 1 – 2 Minuten dauern wird, wahrscheinlich deutlich kürzer. So etwas wie Tritte oder generell Manöver bei denen man auf Balance angewiesen ist, gibt es nicht, weil man sich nicht offen für einen Angriff lassen möchte.
Beide Kämpfer werden versuchen, den Kampf dorthin zu verlagern, wo sie sich am wohlsten fühlen. Der Boxer würde alles dafür tun, um stehen zu bleiben und der Wrestler würde alles daran legen, den Kampf auf den Boden zu bringen.

Die Kampfszene zwischen zwei erfahrenen Kämpfern wird wahrscheinlich am Unspektakulärsten sein, weil beide ganz genau wissen, was sie tun.

Was macht eine Kampfszene unrealistisch?

  1. Schönheit.
    Ein Kampf ist nie schön anzusehen. Es ist nichts Elegantes oder Poetisches daran, dass sich zwei Menschen versuchen den Schädel einzuschlagen. Es wird Blut fließen. Und wenn es zu Verletzungen kommt, dann ist es nicht der romatische Schnitt über die Augenbraue. Denk an angerissene Ohren, gebrochene Finger und aufgeplatzte Lippen. Es wird Rotz und Wasser fließen. Und egal wie lange der Kampf dauert, die Kämpfenden werden nass von Schweiß und völlig erschöpft sein.
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  2. Nichtbeachtung von Gewicht.
    Physikalisch gesehen ist Kraft nichts anderes als Masse mal Geschwindigtkeit und – sehr übertrieben dargestellt – macht es einen großen Unterschied, ob du von einem Kind oder einem Schwergewichtsboxer geschlagen wirst. Beides tut weh, aber eines ist allein durch die Kraft deutlich gefährlicher als das andere.
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  3. Zahl der Kämpfer auf jeder Seite.
    Hier spielt die Erfahrung der Kämpfer eine erstaunlich kleine Rolle. Je größer der Zahlenunterschied auf beiden Seiten desto schneller ist der Kampf entschieden. Aber schon wenn es in einem Kampf zwei gegen einen steht: Ein realistischer Kampf ist kein Hollywood-Gerangel, bei dem die beiden Angreifer lieb nacheinander angreifen. Nein, sie werden ihren Vorteil ausnutzen und gleichzeitig angreifen. Der Einzelne hat im Grunde schon verloren.
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  4. Frau gewinnt gegen Mann.
    Für einen ausgeglichenen Kampf ist ähnliche Größe, Gewicht und Erfahrung am wichtigsten.

    Hier kann ich aus Erfahrung berichten: Ich bin mit 1,81 cm ziemlich groß für eine Frau. Tatsächlich haben sich in meinen Vereinen selten andere Frauen gefunden, die meine Größe hatten, und ich musste schon immer gegen Männer kämpfen. Ich hatte nie auch nur ansatzweise eine Chance. Selbst wenn ich gegen einen kompletten Neuling gekämpft habe, macht der pure Massen- und Kraftunterschied so viel aus, dass ich in den meisten Fällen verloren hätte, wenn wir bis zu einem K.O. gekämpft hätten. (Nach Punkten hatte ich da deutlich mehr Erfolg.)
    Und hier möchte ich einmal anmerken: Natürlich kann es passieren, dass die Frau gewinnt. Und es macht deine Geschichte nicht unrealistisch, wenn eine Frau einen Kampf gewinnt, aber so etwas passiert seltenst durch Zufall.
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  5. Waffenlos gewinnt gegen Waffe.
    In einem Kampf geht es immer darum, seine eigenen Chancen zu verbessern. Dabei gibt es nichts besseres, als sich Hilfe zu holen von einem Messer, Schwert, Flasche oder was die Umgebung noch alles hergibt. Waffen geben dem Kämpfer einige Vorteile: Reichweite und damit weniger Gefahr selbst verletzt zu werden, erhöhtes Schadenspotential und die mentale Sicherheit, dass man besser ausgerüstet ist als der Gegner. Bevor also der Waffenlose gegen den Bewaffneten gewinnt, muss eine Menge schief gehen.
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  6. Dauer.
    Ein Kampf dauert nicht lange. Als Verdeutlichung: Bei unseren Übungskämpfen haben wir etwa 1 ½ Minuten gekämpft, hatten 30 Sekudnen Pause und haben dann eine zweite Runde drangehängt. Und obwohl man das weiß und seine Kraft einteilt, ist man nach den ersten 1 ½ Minuten frittiert. Ein unerfahrer Kämpfer wird kaum 30 Sekunden aushalten, bevor ihm die Puste ausgeht.

Aber wie schreibt man eine Kampfszene?

Selbst wenn du den Inhalt deiner Kampfszene schon im Kopf hast, bleibt es immer noch, sie zu schreiben. Und Kampfszenen sind notorisch schwierig zu schreiben. Kämpfe sind insgesamt sehr visuell und lassen sich deutlich besser in einem Film darstellen. Trotzdem gehören sie besonders in der Fantasy zu dem normalen Ablauf der Geschichte.

Wie du deine Kampfszenen am Besten schreibst und wie du den Leser mit ihnen fesselst, zeige ich dir nächste Woche.

 


Kannst du dich an eine schlechte Kampfszene in einem Buch erinnern? Warum fandest du sie schlecht?

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3 Gedanken zu „Die Kampfszene – Was ist realistisch?

  1. Man sollte die Erfahrung wirklich niemals unterschätzen, das beschreibst du sehr gut!
    Beim Judo gibt es Beispielsweise Wettkämpfe, in denen nicht mach Gewicht eingeteilt wird und trotzdem gewinnen auch leichte Kämpfer ihre Kämpfe!
    Toll sind auch Konstellationen wie schwerer newb vs leichter pro!

    1. Das stimmt! Gerade so Konstellationen mit einem „Underdog“ finde ich immer sehr spannend (und würde auch für eine gute Geschichte machen).

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