[Worldbuilding] Deine eigene Sprache – Das Alphabet

Das Alphabet

Das letzte Mal habe ich die Theorie hinter dem Entwickeln einer Schrift erklärt, ohne jedoch auf die Einzelheiten im Entwicklungsprozess einzugehen [Schrift und wie du sie entwickelst]. Das werde ich in diesem Artikel nachholen, indem ich die Schrift und das Alphabet für meine fiktive Sprache Zaproski entwerfe und euch jeden Schritt dabei erkläre.

Das Alphabet

Das Alphabet ist nichts anderes eine Auflistung der Buchstaben einer Schrift in einer festen Reihenfolge. Sie sollte vollständig sein, ist es jedoch nicht immer  (man denke an das deutsche Alphabet und ß, ä, ö und ü). Wichtig ist jedoch, dass sich aus dem Alphabet alle Laute der Sprache schreiben lassen. (ä = ae, s+c+h = sch, etc.)

Für Zaproski muss ich mir also überlegen, welche Laute zu einem Buchstaben werden sollen. Hier gibt es viele Dinge über, die ich mir Gedanken machen muss. Gibt es Buchstaben, die für mehrere Laute stehen können? Oder bekommt jeder Laut einen eigenen Buchstaben? Dazu kommt noch, dass ich mich für ein Abjad, eine Konsonantenschrift, entschieden habe, meine Schriftsprache also ohne Vokale funktioniert.

Die Vorüberlegungen

Nimm dir deine Klangtabelle zur Hilfe und markiere dir die Klänge, die auf jeden Fall einen eigenen Buchstaben bekommen. Gibt es Buchstaben, die ähnlich klingen? Vielleicht könnten sie dasselbe Zeichen bekommen und nur nach Kontext unterschieden werden. Gibt es vielleicht mehrere Buchstaben, die für denselben Laut stehen? Denke hier an das Griechische, das – wenn ich richtig gezählt habe – 5 Versionen für den Buchstaben I haben (η, ι, υ, ει und οι) und dabei zähle ich nicht die Groß- und Kleinschreibung. Diese verschiedenen Versionen des Lautes basieren auf alten Schreibweisen. Wenn du also keine Zeit/Lust hast mehrere Protoschriften zu entwickeln, sind solche Unregelmäßigkeiten eine wunderbare Kurzhand.

Bild von https://ohsoromanov.tumblr.com/image/65933475881

Ich möchte, dass meine Sprache zumindest optisch an das kyrillische Alphabet angelehnt ist, immerhin basiert Zaproski vom Klang her auf dem Russischen/Polnischen. Es soll aber weit genug davon entfernt sein, dass es nicht aussieht, als wäre es einfach abgekupfert.

Schreibmedium und -instrument

Noch bevor du mit irgendeinem Schriftzeichen anfangen kannst, solltest du dir ins Gedächtnis rufen, was dein Schreibmedium und -instrument sind. Was du wählst, ist relativ frei, aber sollte zu der Kultur, zu der deine Sprache gehört, passen.

Zaprosa steht unter einem Feudalsystem, was bedeutet, dass die meisten Bewohner dieses Gebietes Bauern sind, die aller Wahrscheinlichkeit nach keine schulische Ausbildung genießen. Die Schrift ist also ein Privileg des Adels und der Reichen. Das bedeutet wiederum, dass die Materialien entsprechend teuer sein können und dürfen. Ich stelle mir als Schreibmedium Pergament (also Tierhaut) und den ersten Vorformen von Papier vor. „Papier“ ist zwar günstiger herzustellen, aber Pergament ist (zumindest damals noch) deutlich glatter und lässt sich leichter beschriften. Deswegen könnte ich mir vorstellen, dass Pergament für offizielle Dokumente und um Eindruck zu schinden genutzt wird, und Papier für alles Andere.
Unser Schreibmedium beeinflusst unser Instrument. Auf Pergament wurde traditionell mit einer Gänsekielfeder geschrieben, seltener und nur bei speziell aufbereitetem Pergament auch mit Stahlfedern. Beides funktioniert auch auf Papier, daher sind beide meine Wahl für das Schreibinstrument.

Wenn mit einer Feder geschrieben wird, dann ist es natürlich, dass entweder die horizontalen oder vertikalen Linien dicker sind. Je nachdem wie sie gehalten wird. Da der Kiel beim Schreiben idealerweise nicht die Position wechselt, sollte die Breite der Linien nicht von einem zum anderen wechseln. Sind die horizontalen Linien dicker, wirkt die Schrift statisch und fest. Sind die vertikalen Linien dicker, dann wirkt die Schrift elegant und fließend.

Die Entwicklung der Buchstaben

Leider kann ich dir für die Entwicklung der Buchstaben keine Anleitung geben. Hier gilt es, auszuprobieren, anzupassen und zu verändern. Ganz nach deinem eigenen Gefühl. Trotzdem kann ich dir ein paar Tipps geben.

  1. Es ist in Ordnung, einzelne Buchstaben zu übernehmen.
    Besonders wenn du keine komplexe Schrift sondern Alphabete oder Abjads hast, sollten deine Buchstaben einfach zu lesen und zu unterscheiden sein. Das bedeutet, dass die einzelnen Buchstaben relativ einfach aussehen sollten. Und das wiederum führt dazu, dass sich einige deiner Buchstaben mit schon existierenden Schriften überschneiden können.
    Je einfacher deine Schrift, desto wahrscheinlicher ist es, dass ähnliche oder gleiche Buchstaben schon existieren.

    Geduld ist das wichtigste beim Erfinden eines eigenen Alphabets.

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  2. Fokussiere dich auf Einheitlichkeit.
    Alle deine Buchstaben sollten verwandt aussehen,  als seien sie aus demselben Alphabet. Achte darauf dieselbe Komplexität beizubehalten. Das bedeutet ähnliche Strichzahl und ähnliche Formen. Wenn du nur Buchstaben hast, die aus rechten Winkeln bestehen, wird ein Buchstabe aus Kurven fehl am Platze wirken.
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  3. Zeit, Zeit, Zeit.
    Unterschätze nicht, was für einen qualitativen Effekt die Zeit haben kann. Lass deine Ideen für einige Stunden, besser sogar für einen Tag oder mehr, liegen und schau dann nochmal drüber. Einige Buchstaben, die du zweifelhaft fandest, sehen auf einmal gut aus, und deine „guten“ Ideen auf einmal komisch.
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  4. Schreibe die Buchstaben.
    Dieser Schritt dauert noch einmal eine ganze Menge Zeit, aber er lohnt sich. Nimm dir das Schreibmedium und -instrument deiner Wahl und male zwei oder mehr Zeilen von jedem deiner Buchstaben. Hier geht es vor allem darum herauszufinden, welche Buchstaben schwierig zu zeichnen sind und vielleicht im Laufe der Zeit verändert hätten/eine einfachere Variante bekommen hätten.
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  5. Wiederholen.
    Nachdem du die Buchstaben geschrieben hast, lass sie liegen und schau einen Tag später noch einmal drauf. Oder lass deine Freunde und Familie denselben Schritt probieren. Wie würden andere Menschen deine Zeichen anpassen? Schau, welche Iteration dir am Besten gefällt und pass dein Alphabet weiter an.
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  6. Zum Schluss.
    Zum Schluss schreibst du die letzte Variante deines Alphabetes auf. Ich versuche am Ende immer einige Namen und Sätze in der neuen Schrift zu schreiben, um zu sehen, wie die Buchstaben untereinander interagieren. Dabei benutze ich einfach deutsche Wörter und die neuen Buchstaben.

Das vollständige Alphabet

Zaprosa Alphabet

Dem aufmerksamen Leser mag aufgefallen sein, dass ich noch zu Anfang gesagt habe, dass ich ein Abjad baue und sich ein Abjad dadurch auszeichnet, ohne Vokale geschrieben zu werden. Doch offensichtlich enthält mein Abjad Kennzeichnungen für Vokale. Warum?

Die Begründung ist ganz einfach: Ein Abjad zu lesen ist schwierig und wenn man das Wort, das geschrieben steht, nicht kennt, sogar einfach nur ein Ratespiel. Deswegen gibt es auch im Abjad Übungsschriften, bei denen die entsprechenden Vokale gekennzeichnet werden. Offiziell wird allerdings ohne geschrieben. Eine weitere Anwendung könnte sein, zwei Wörter aus gleichen Vokalen zu unterscheiden, wenn es durch den Kontext nicht möglich ist.

Dem noch aufmerksameren Leser ist außerdem aufgefallen, dass ich nicht jedem Laut einen Buchstaben gegeben habe. Es fehlen, die -sch- Laute und der -gn- Laut. Sie werden durch Doppel-s/Doppel-z und die Buchstabenkombination jn dargestellt

Benennung von Buchstaben

Der Name von deinen Buchstaben ist wohl das Unwichtigste für deine Geschichte, aber ich möchte der Vollständigkeit halber kurz darüber sprechen. Es steht dir natürlich völlig frei, deine Buchstaben zu benennen wie du willst, aber hier sind ein paar Ideen/Vorschläge:

  1. Der Name sollte den Klang des Buchstaben beinhalten.
    Diese Regel wird oft intuitiv eingehalten. Der Buchstabe B heißt „Be“ und der Buchstabe S wird „Es“ ausgesprochen. Spannender kannst du es machen, wenn derselbe Buchstabe  abhängig von seiner Position im Wort unterschiedlich ausgesprochen wird. Angenommen der Buchstabe S würde am Anfang des Wortes wie ein normales S gesprochen, aber am Ende des Wortes wie ein „Sch“. Der Buchstabe könnte also „Sesch“ heißen.
  2. Du kannst das Aussehen des Buchstaben beschreiben.
    Das klingt vielleicht erstmal abwegig, aber denke an das Englische „Double-U“.
  3. Du kannst den Klang beschreiben.
    Das scharfe S (= ß). Muss ich noch mehr sagen?

Aber selbst jetzt sind wir noch nicht mit der Schrift fertig. Denn du kannst in deinem Buch schlecht ein anderes Alphabet drucken, sobald eine andere Sprache vorkommt. (Vielleicht als kurzfristiges Designelement, aber es ist unpassend, wenn keiner die Schrift in deinem Buch lesen könnte.)
Deswegen kümmern wir uns beim nächsten Mal um die Romanisierung deiner Schrift und fangen an, die ersten Wörter zu entwickeln, an denen wir später unsere Grammatik testen können.

 


Hast du schon einmal eine eigene Schrift erfunden? Wie bist du dabei vorgegangen?

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2 Gedanken zu „[Worldbuilding] Deine eigene Sprache – Das Alphabet

  1. Je mehr deiner Artikel ich lese, desto mehr Respekt habe ich vor jedem, der eine eigene (samt Schrift) entwickelt. Besonders bei der Bemerkung über die Geduld habe ich mich doch angesprochen gefühlt und mich gefragt, ob ich die wirklich habe. 😅
    Aber ich freue mich schon auf die nächsten Posts!

    1. Oh ja, eine vollständige Sprache dauert Monate, um sie zu entwickeln, und die Schrift ist nur der kleinste (und eigentlich auch einfachste) Teil davon.
      Tatschlich würde ich aber sagen: „Naivität siegt!“, denn als ich angefangen habe meine erste Sprache zu entwickeln, hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommt und das war ein versteckter Segen. Ich bin dann nämlich mit superviel Motivation rangegangen und habe zwar letztendlich sehr viel mehr gemacht als nötig und auch einige Fehler gemacht, aber ich hatte viel Spaß dabei und das Ergebnis war eigentlich ziemlich annehmbar. 🙂
      Deswegen ein inoffizieller Tipp von mir: Mach dir nicht zu viele Gedanken darüber und probiere es einfach aus!

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