[Woldbuilding] Deine eigene Sprache – Schrift und wie du sie entwickelst

Schrift

Beim letzten Mal habe ich eine vorläufige Phonologie für meine Sprache Zaproski zusammengestellt [Deine eigene Sprache – Phonologie]. Dieses Mal möchte ich über die Verschriftlichung dieser Sprache reden. (Erst einmal die Theorie, die Anwendung kommt nächste Woche.) Ein eigene Schrift für eine Sprache zu entwickeln ist zwar optional, da sie in deinem Buch wahrscheinlich nur in ihrer romanisierten Form vorkommen wird, kann jedoch bei der Entwicklung der Sprache helfen. Aber eins nach dem anderen.

Brauchst du eine eigene Schrift?

Eine Schrift muss nicht nur aus Buchstaben bestehen. Auch komplexe Bilder können teil einer Schrift sein.

Viele Sprachen haben nie eine eigene Schrift entwickelt. Das kann daran liegen, dass es einfach nicht benötigt wurde oder dass die Kultur noch nicht weit genug entwickelt war. Was auch immer der Grund: Wenn du eine Schrift entwickelst, solltest du einen Grund dafür haben.
Auch wenn deine Kultur nie eine eigene Schrift entwickelt hat, kann es passiert sein, dass sie ein Schriftsystem einer anderen Sprache „geliehen“ hat. Denke hier z.B. an das lateinische Alphabet, das in den weitesten Teilen Europas in vielen verschiedenen Sprachen benutzt wird.

Aber in diesem Artikel soll es darum gehen, eine ganz eigene Schrift zu entwicklen.

Welche Schriftsysteme gibt es?

Mit Schriftsystem meine ich nicht Schriftarten wie Arial oder Comic Sans, sondern die Art des Schreibens. Was für Informationen trägt ein einzelner „Buchstabe“? Und welche Art des Schreibens eignet sich für deine Schrift?

Ein Buchstabe, ein Laut

  • Konsonantenschrift (Abjad)
    Wie der Name verrät ist die Konsonantenschrift, ein Schriftsystem in dem (fast) nur Zeichen für Konsonanten verwendet werden. Wenn ohne Vokale geschrieben wird, müssen sie sich aus dem Kontext ergeben. Diese Schrift eignet sich für Sprachen mit einem sehr kleinen Vokalinventar. Insgesamt kann man bei einer Konsonantenschrift mit etwa 15 – 30 individuellen Buchstaben rechnen.
    Bekanntestes Beispiel für eine Konsonantenschrift ist wohl Arabisch.

    Schriftsysteme verändern sich mit der Zeit.
  • Alphabet
    Das Alphabet sollte dir bekannt sein. Für jeden Laut in der Sprache gibt es ein Zeichen (oder Zeichenkombination), die ihn darstellen können.  Mit einem solchen Alphabet lassen sich sehr komplexe Silben darstellen. Ähnlich wie bei der Konsonantenschrift enthält auch das Alphabet recht wenige Buchstaben (15 – 30).
    Bekanntes Beispiel ist das lateinische Alphabet.

Der Fokus auf Silben

  • Alphasyllabar (Abugida)
    Ein Alphasyllabar ist eine Vorform der Silbenschrift. Jedes Zeichen kodiert für eine Silbe, aber die Silbe lässt sich noch in seine Einzelteile aufspalten. Oft sind die Vokale „Anhängsel“, die für jede Silbe mit demselben Vokal gleich bleiben. Wenn sich in deiner Sprache Vokale und Konsonanten regelmäßig abwechseln, kann ein Alphasyllabar die richtige Wahl sein. Weil jede einzelne Silbe einen eigenen „Buchstaben“ bekommt, hat ein Alphasyllabar kannst du hier mit etwa 80 – 100 Schriftzeichen rechnen.
    Ein Beispiel dafür ist die indische Schrift Devanagari.
  • Silbenschrift
    In der Silbenschrift gibt es für jede Silbe ein einzigartiges Zeichen und auch „verwandte“ Silben wie z.B. ka und ke, haben meist keine oberflächliche Ähnlichkeit. Genau wie bei dem Alphasyllabar eignet sich auch die Silbenschrift für Sprachen mit einfacher Silbenstruktur und auch hier sind mit etwa 80 – 100 Schriftzeichen zu rechnen.
    Bekanntes Beispiel ist das Schriftsystem Hiragana aus dem Japanischen.

Komplexe Bilder

  • Logographisches System
    In einem logographischem System wird das Lautinventar nicht dargestellt, sondern jedes einzelne Logogramm (Schriftzeichen) steht für ein eigenes Wort. Das heißt, wenn du ein logographisches Schreibsystem wählst, kann deine Sprache nach wie vor klingen wie du möchtest. Allerdings ist der große Nachteil, dass du für jedes einzelne Wort ein Schriftzeichen entwickeln musst. Und das können locker >25.000 werden.
    Bekannteste Beispiele sind chinesische Schriftzeichen oder ägyptische Hieroglyphen.
  • Ideographisches System
    In einem ideographischen System werden mit einem Bild nicht nur einzelne Worte, sondern ganze Konzepte vermittelt. Denke hier an „Rauchen verboten“-Schilder oder sogar Smileys. Daraus eine ganze Sprache zu bauen, wäre hochkomplex (und ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt umsetzbar wäre), aber sie eignen sich hervorragend, um eine Schrift zu ergänzen. Vielleicht einfache Bilder für die Nicht-Lesende Bevölkerung deiner Kultur? Möglichkeiten gibt es viele.
Auch ob der Pinsel spitz zuläuft oder nicht, verändert das Schriftbild.

Für Zaproski eignet sich entweder das Abjad oder das Alphabet. Trotz der relativ hohen Anzahl an Vokalen, werde ich das Abjad wählen. (Wie ich darum herum arbeite, zeige ich dir beim nächsten Mal.) Das ist für den Moment vielleicht ein wenig langweilig, aber ich verspreche dir: Selbst mit „nur“ 15 – 30 Schriftzeichen hast du mehr als genug zu tun. Ein komplettes logographisches System zu entwickeln ist Wahnsinn.

Instrument und Schreibmedium

Nachdem du dich für ein Schreibsystem entschieden hast, solltest du dir Gedanken darüber machen, was zum Schreiben benutzt wird (Instrument) und worauf geschrieben wird (Schreibmedium). Beides hat großen Einfluss darauf wie deine Schrift aussehen wird.

Hier sind einige Anregungen:
Stein und Meißel führen zu klaren und geraden Linien mit scharfen Winkeln. Runde Zeichen sind schiweriger aber nicht unmöglich. Hier solltest du auch die Zeit und den Aufwand beachten: In Stein zu meißeln dauert lange und Steinplatten sind schwer. Was lohnt sich aufzuschreiben? Wer kann es sich überhaupt leisten zu schreiben?
Naturmaterialien, wie Blätter und Holz, die eine eigene Struktur besitzen, können unter zu viel Druck reißen oder kaputt gehen. Vielleicht eignen sich hier runde Formen eher? Außerdem sind diese Naturmaterialien nicht so beständig wie Stein. Das wiederum bedeutet, dass hier eine einfache und schnelle Schrift von Vorteil ist.

Die Druckerpresse erlaubt für verschiedene Schriftarten.

Wenn mit einer Feder geschrieben wird, wird es natürliche Variationen in der Breite der Schrift geben, je nachdem wie die Feder gehalten wird. Ein Stift (Bleistift/Kugelschreiber o.ä.) produziert eine Linie von einheitlicher Dicke und kann die Entwicklung einer Schreibschrift oder Schnellschrift begünstigen. Ein Pinsel führt zu einem fast künstlerischen Schriftbild. Denke an fließende Formen und Unregelmäßigkeiten durch einzelne Borsten.

Wurde die Druckerpresse schon erfunden? Wenn ja, dann wird es standardisierte Formen der Buchstaben geben. Die Buchstaben können nun auch beliebig komplex sein und trotzdem schnell „geschrieben“ werden.

Wie würde sich das Schreibmedium auf die Schreibrichtung auswirken? Liest man von oben nach unten, von rechts nach links, von links nach rechts, „hin und her“ oder etwas ganz anderes? Vielleicht in Spiralen von der Mitte nach außen. Wofür auch immer du dich entscheidest: Es sollte einen Grund dafür geben, wenn du dich für etwas so ausgefallenes wie Spiralen entscheidest.

Das Medium und Instrument kann und wird sich mit der Zeit ändern. Das bedeutet wiederum auch, dass sich die Buchstaben an das neue Medium anpassen. Die Lateinische Schrift zum Beispiel begann auf Stein und wechselte im Laufe der Jahre zu Papier und es entstanden neue schwungvollere und weniger steife Schriften.
Auch wenn sich die Buchstaben per se nicht verändert haben, so haben sie ihr Aussehen doch an das neue Medium angepasst. So eine Veränderung könntest du auch in deine Schrift einbauen.

Wie sieht eine gute Schrift aus?

Feste Regeln gibt es hier nicht und selbst sie dürfen gebrochen werden, aber dennoch möchte ich, dass du dir über ein paar Dinge Gedanken machst.

Deine Buchstaben sollten unterscheidbar sein, aber verwandt aussehen. Ein Logogramm neben einem einfachen Buchstaben könnte für Verwirrung sorgen. Mehrdeutigkeit im Schriftbild ist nicht gut, kommt aber häufiger vor, als du vermuten magst. Denke nur an die Ähnlichkeit von m, n und u in der Schreibschrift. Außerdem solltest du dir Gedanken darüber machen, ob deine Schrift in verschiedenen Größen lesbar ist.

Weitere Dinge zum Nachdenken:

Gibt es schon standardisierte Rechtschreibung?

Gibt es Satzzeichen und wie werden sie benutzt? Brauchst du sie überhaupt?

Brauchst du „Leerzeichen“ zwischen Wörtern?

Was ist mit Zahlen? Bekommen sie ihre eigenen Zeichen oder werden sie ausgeschrieben?

Was ist mit Betonung, Lautstärke, Tonfall, Geschwindigkeit, Pausen, Emotion, Doppeldeutigkeit etc? Und wie würden diese Dinge gekennzeichnet?

Wie sieht es aus mit Klein- und Großbuchstaben? Brauchst du sie? Warum?

Du merkst, dass du beliebig viel Zeit in die Erschaffung einer Sprache stecken könntest. Auch hier gilt: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Die Schrift wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht in deinem Buch vorkommen. Deswegen würde ich (bei Zeitdruck) meine Zeit eher in die Romanisierung und Grammatik investieren, als in die Schrift. Natürlich sehe ich trotzdem, wie viel Spaß es machen kann, eigene Schriftzeichen zu entwickeln. Geht es dir also bei der Entwicklung der Schrift um den Prozess und um ein möglichst schönes Endergebnis, dann investiere so viel Zeit, wie du brauchst.

 


Beim nächsten Mal entwickeln wir mit diesen Vorgaben ein Alphabet (hier im Sinne von „Buchstabensystem“, tatsächlich wird es ein Abjad) für Zaproski.

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