Der männliche Protagonist – Gegen die Klischees

Der typische männliche Protagonist

Ähnlich wie die starke Frau, hat auch der männliche Protagonist mit allerlei Klischees zu kämpfen. Ob emotional kalt/tot/abweisend, brutal oder einfach nur ein Adonis, Männer in Büchern fühlen sich schnell langweilig und gleich an. Und nur um es von vornherein gesagt zu haben: Es gibt bestimmt Männer „in der echten Welt“, die diesem Typus entsprechen. Mir geht es in diesem Artikel allerdings darum, wie du deine männlichen Figuren interessanter und unterschiedlicher gestalten kannst.

Der durchschnittliche männliche Protagonist

Entstanden ist die Idee für meinen Artikel, als ich über das Male Protagonist Bingo von wundergeek gestolpert bin. Es ist zwar eher ausgelegt auf die männlichen Protagonisten von Videospielen und Actionfilmen, aber es bräuchte nicht viele Änderungen, um auf den durchschnittlichen männlichen Protagonisten in einem Buch zu passen.

Einsamer Wolf, Waffen, potentiell kriminell, (Ex)Militär, psychologische Probleme (die sein Verhalten entschuldigen sollen) und vielleicht noch eine tote Familie. All diese „Eigenschaften“ sollen … ja, was eigentlich?

  • … die weibliche Fantasie erfüllen, dass sie die Einzige ist, die ihn wieder ganz machen kann?
  • ihn irgendwie sympathischer machen?
  • ihn cool machen?

Ich konnte mich mit dieser Art von männlichen Protagonisten nie anfreunden konnte, habe ich ihren Reiz auch nie wirklich verstanden. Vielleicht bin ich aus diesem Grund die schlechteste Person, die diesen Artikel schreiben könnte (weil ich es nicht verstehe) oder ich bin genau die Richtige (weil ich ein Interesse für besonders untypische männliche Figuren habe).

Der untypische männliche Protagonist

Aber was macht einen untypischen männlichen Protagonisten aus? Das ist gar nicht so einfach zu sagen, denn auch wenn ich die typische männliche Figur sehr schwarz und weiß beschrieben habe, existieren sie eher auf einem Spektrum. Jede männliche Figur kann und darf Elemente von dem Klischee-Bad-Boy haben. Du solltest dir aber genau überlegen an welchen Stellen, du die Klischees auf ihren Kopf drehst.

äußere Merkmale

  1. körperliche Schwäche.
    Und diese sollte nicht bedingt sein durch eine Krankheit oder ähnliches. Nicht jeder Mann kann die Kraft eines olympischen Gewichthebers haben. Ein schönes Beispiel dafür ist Will aus den Chroniken von Araluen von John Flanagan, der von Anfang an als klein und (im Gegensatz zu seinem Rivalen) eher schwach beschrieben wird. Im Laufe seiner Ausbildung zum Waldläufer wird er zwar stärker, aber der Fokus liegt bei ihm immer auf der Gewandtheit und Geschwindigkeit.

    Hmpf, meine Suche nach nicht-konventionell-attraktiven-Männern hat nichts ergeben. Deswegen gibt es ein Bild von diesem schicken Kerl 🙂

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  2. kleiner Körperbau.
    Der Mann muss nicht immer größer sein als die Frau. Und vor allem muss der Mann nicht größer als andere Männer sein, um irgendwie seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Mein liebstes Beispiel ist Wyl Thirsk aus der Die dunkle Gabe Trilogie von Fiona McIntosh. Das Klein-Sein ist neben dem roten Haar ein Markenzeichen der Thirks, die seit Generationen die Leibwache der Königsfamilie sind. Und sie sind gefürchtet, weil es nur allzu leicht ist, sie zu unterschätzen.
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  3. „unkonventionelles“/normales Aussehen.
    Nicht jeder Mann läuft mit 10% Körperfett, Sixpack und rasierter Brust durch die Gegend. Außerdem muss nicht unbedingt betont werden, dass jemand „trotz der mehrfach gebrochenen Nase“ immer noch ein echter Hingucker war. Nicht jeder Mann muss attraktiv sein!
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  4. nicht-europäisch/PoC.
    Eine Schande, dass ich es noch erwähnen muss: Nicht jede männliche Figur hat eine weiße Hautfarbe. Und, entgegen erschreckend allgemeiner Meinung, muss deine Figur keinen Grund haben, eine bestimmte Hautfarbe zu haben. Tatsächlich sollte der Ansatz andersherum sein: Außer es gibt einen guten Grund, dass die Figur nicht PoC ist, solltest du so frei wählen wie bei allen anderen äußerlichen Merkmalen.
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  5. nicht übernatürlich.
    Dieser Punkt scheint neben den anderen aus dieser Kategorie vielleicht ein wenig fehl am Platze, aber besonders in paranormalen Romanzen ist es immer der Mann, der die Übernatürlichkeit abbekommt. Bekanntestes Beispiel sind wohl Edward und Jacob aus Twilight. Warum kann es nicht mal von Anfang an die Frau sein, die das Übernatürliche abbekommt?

Einstellung/Emotionen

  1. fühlt Emotionen.
    Zwar fühlen die Klischee-Männer auch Gefühle, aber sie sind meistens destruktiv. Wut und Eifersucht, die schlimmstenfalls in Aggression gegen eine andere Figur des Buches enden. Hier steckt sehr viel verspieltes Potential. Es sagt viel mehr über deine Figur aus, wenn er mit vielen verschiedenen Emotionen reagieren kann. (Die auch bitte nicht alle negativ sind!) Wie wäre es mit Verlegenheit, Begeisterung und Freude?
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  2. kein Arschloch zur Freundin/zum Freund.
    Ich weiß nicht, wann dieses Klischee Fuß gefasst hat, aber warum sind die meisten Männer in Büchern Arschlöcher? Und es wird meistens positiv dargestellt? Ich weiß gar nicht, was ich dazu schreiben soll, außer please don’t? Du kannst natürlich ein Arschloch schreiben, aber dann mach bitte auf irgendeine Weise klar, dass das kein anstrebsames Verhalten ist.

Sonstiges

  1. LGBTQ+.
    Hier ist die Begründung ähnlich wie bei den PoC-Figuren. Außer du hast einen guten Grund dagegen, solltest du dir überlegen ein paar (L)GBTQ+ männliche Figuren einfließen zu lassen. Außerdem muss es in deiner Geschichte thematisch noch nicht einmal LGBTQ+ gehen. Einfach, dass verschiedene Figuren auftreten, ist sehr wichtig für die Normalisierung.
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  2. Behinderung.
    In einigen Genres wie Abenteuer oder Fantasy lassen sich einige Gründe gegen die Inklusion von (im Besonderen) physisch behinderten Menschen finden. Aber nur weil sich die Gründe finden lassen, heißt es nicht, dass sie nicht trotzdem eine Daseinsberechtigung haben. Und auch hier kann das einfache Auftreten „ohne offensichtlichen Grund“ viel für die Normalisierung tun. Wichtig bleibt trotzdem: Suche das Gespräch mit Menschen, die mit der Behinderung leben, von der du schreibst, und trete ins Gespräch mit ihnen, um Fettnäpfchen und Stereotype zu vermeiden.

Mein Fazit

Männer sind auch nur Menschen und in Büchern leben sie von ihrem unterschiedlichen Charakter und Auftreten. Wenn alle Männer gleich aussehen und sich gleich verhalten, ist es vielleicht passend für ein SciFi Projekt, in dem es um Gedankenkontrolle geht, aber ansonsten eher fehl am Platze.

Such dir doch Beispiele aus dem richtigen Leben. Wie ist dein Vater? Dein Großvater? Deine Brüder? Deine Lehrer? Freunde? Was schätzt du an ihnen? Was macht sie aus? Und warum unterscheiden sie sich voneinander?

Schreibe deine männlichen Figuren genauso abwechslungsreich wie das Leben.

 


Fun Fact: Dieser Artikel ist entstanden, während ich „Do it Like a Dude“ von Jessie J auf Dauerschleife gehört habe 😀

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22 Gedanken zu „Der männliche Protagonist – Gegen die Klischees

  1. Sehr interessanter Artikel. Danke!
    Aus Leserinnen-Sicht: Muss man natürlich auch mal drüber nachdenken, warum man auf einen bestimmten Männer-Typus in Romanen steht oder nicht. 🙂

  2. „Ich weiß nicht, wann dieses Klischee Fuß gefasst hat, aber warum sind die meisten Männer in Büchern Arschlöcher? Und es wird meistens positiv dargestellt?“
    This! Gerade dann, wenn der Love Interest es auch noch super anziehend findet, dass der Bad Boy sich (mal wieder) total schrecklich benimmt. Was zur Hölle? Ich kann mir beim besten Will nicht vorstellen, dass irgendwer von seinem Partner so behandelt werden möchte und trotzdem wird es als so etwas Erstrebenswertes dargestellt.
    Aber gerade in NA/YA Romanen ist das echt ein ziemlich weit verbreitetes Problem.

  3. Ein toller Beitrag. Die Umsetzung ist super und du weist Thematiken auf, die wirklich mal angesprochen werden sollten.
    Man(n) muss nicht immer perfekt sein. Gerade weil Perfektheit auch für jeden anders aussieht.

    Liebe Grüße
    Lilly

  4. hach, du hast ja sowas von Recht. Wie oft ärgere ich mich über die stereotype Darstellung der Geschlechter und besonders bei den Männern kommt in bestimmten Genres zum LoneWolf auch noch Alkoholismus dazu so wie bei den Protagonistinnen irgendwie IMMER was mit emotionalem oder physischem Missbrauch in der Vergangenheit stehen muss. Es nervt einfach nur. Ich liebe es, wenn Autoren einfach bunte Figuren schreiben in jederlei Hinsicht, sei es die Hauptfigur oder jede am Rande erwähnte Figur. Ein normaler repräsentativer Schnitt durch die Gesellschaft scheint leider für viele Autoren ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Leider.

  5. Halleluja!
    Das sollten sich unbedingt alle Autoren /innen durchlesen! Besonders von NA/YA Büchern!
    Männer sind schließlich auch nur Menschen und keine übernatürlichen Lebewesen.
    Mich stört es ganz gewaltig, wenn ich in Büchern immer wieder über so einen Typ stolpere.
    Sehr schöner Beitrag.

    Liebe Grüße Anett
    #litnetzwerk

    1. Das Bingo ist gar nicht von mir, sondern von wundergeek (Link zu der Quelle im Artikel) aber auf der Seite steht auch ausdrücklich, dass man das verbreiten und weiterverwenden darf, solange man die Quelle nicht aus dem Bild ausschneidet. Also denke ich, dass das Abspeichern in Ordnung ist 🙂

  6. Hallo!

    Cooler Artikel, besonders das Bingo-Bild hat mich zum schmunzeln gebracht.
    Aus Sicht der Leser, kenne ich die ganzen Merkmale nur zu gut. Egal ob bei Young Adult oder Fantasy: Männer haben einen ähnlichen Kern.
    Was natürlich sehr schade ist…doch auch bei den Frauen sieht es ähnlich aus. Wir wollen eben doch (fast) nur solche Charaktere, als Motivation oder Inspiration?! Naja, wer weiß.^^

    Viele liebe Grüße
    Ani
    #litnetzwerk

    1. Ja, bei den Frauen sieht es leider ähnlich klischeehaft aus :/ Vielleicht wende ich mich denen mal in einem späteren Artikel zu. Zu der starken Frau habe ich ja schon einmal was geschrieben 😉

      Aber es gibt noch so viele Frauenklischees, die ich noch nicht angesprochen habe.

  7. Liebe Sina

    Also du hattest mich bereits mit dem Titel. als du dann Will aus Die Chroniken von Aralien erwähnt hast, war ich gänzlich begeistert. Die Reihe verkörpert meine Kindheit, Will war mein Held und ich hätte alles gegeben auch ein Waldläufer zu sein. Schade, dass die Reihe unter BloggerInnen nicht bekannter ist.

    Aber zu deinem Beitrag: Amen! Ich will gar nicht viel mehr schreiben. Denn ich habe einen ganz ähnlichen Artikel zum Thema „Sexismus in New Adult Romanen“ geschrieben. In dem ich darauf eingehe, wie Männer auf Äusserlichkeiten reduziert werden etc.

    Dein Beitrag umfasst einige Punkte mehr und denen kann ich so ebenfalls zustimmen.

    Danke für den tollen Beitrag & meinen kleinen Fanboy-Moment

    Herzlich

    Josia

    #Litnetzwerk

    1. Ich glaube, ich bin gerade genauso begeistert wie du. Ich kenne nämlich niemanden, der Die Chroniken von Araluen auch kennt (außer meiner Familie und Freunden, denen ich die Bücher aufgezwungen habe). Die Bücher sind einfach Klasse und nach wie vor meine absoluten Lieblingsbücher. Das erste habe ich (und das ist kein Scherz) über 30 mal gelesen.
      Sie waren auch mein erster Einstieg in englischsprachige Bücher. (Und da heißt Walt „Halt“, wtf?)
      Ich freue mich gerade total, dass noch jemand diese Bücher kennt 🙂 🙂 🙂

  8. Ein guter Beitrag! Ich konnte mit dem Klischeehaften Bad Boy nie was anfangen, obwohl besonders bei YA auf beiden Seite oft viel Klischees gearbeitet wird. Ach ja meistens haben die Männer auch alle einen drei Tage Bart 😀

    1. Genau! Denn wie sollten sie ohne ihren Dreitagebart zeigen wie *männlich* sie sind?! Das wäre ja ein Ding der Unmöglichkeit! 😀

  9. Mein Prota, Jay, ist klein, ist ein „Lauch“, nicht übernatürlich, sieht „normal“ aus, ist Bi-Sexuell (Es gibt aber auch eine Trans-Frau) fühlt Emotionen, ist kein Arschloch zu irgendjemanden.

    Er ist lediglich nicht behindert und „Weiß“. Ey, das ist so erst mal nicht scheiße!

    1. Um gegen die Klischees zu sein, muss man ja auch nicht in allen Kategorien „unnormal“ sein. Dein Prota hört sich sehr spannend an 🙂

  10. Einmal mehr ein guter Beitrag. Mich nervt das auch so sehr, dass die männlichen Charaktere so eindimensional sind und vor allem in vielen YA- und NA-Büchern sehr ähnlich beschrieben sind. Mein Eindruck ist aber, dass sich im Fantasy-Bereich allmählich was tut.

    1. Bei der Fantasy war es (in meiner Erfahrung) auch nie so schlimm wie bei YA und NA Büchern. Dass es sich da bessert ist natürlich immer schön zu sehen 🙂

  11. Hallo Sina,
    Ich habe deinen Beitrag durch #litnetzwerk gefunden und finde ihn mega gut! Als Geschichtenschreiberin ist das sehr interessant und auch wichtig für mich zu bedenken. Ich bin mir nicht sicher, ob ich klischeefreie männliche Protagonisten habe, aber ich achte immer darauf, dass sie abwechslungsreich und mit Stärken+Schwächen dargestellt werden.
    Liebe Grüße, Aurora

    1. Hallo Aurora,
      Es freut mich sehr, dass dir dieser Artikel gefallen hat 🙂
      Gerade als Geschichtenschreiber ist es schwierig eine Balance zu finden. Es *gibt* nunmal auch in der richtigen Welt auch Typen, die diesen Klischees entsprechen. Ich denke als Schreiberling muss man nur darauf achten, dass jede Person (egal ob Mann, Frau oder Anderes) einfach verschiedene Facetten hat. Wenn man das schafft, ist es quasi unmöglich ein völliges Klischee zu schreiben. Die Figuren mögen Aspekte der Klischees haben, aber das ist es dann auch. Und Aspekte eines Klischees in einer Figur finde ich gar nicht schlimm. Im Gegenteil: Oft helfen diese Aspekte im späteren Verlauf der Geschichte, die Figur von seinem Klischee zu trennen.

      Wenn also deine Protagonisten Stärken und Schwächen haben, dann halte ich es für fast unmöglich, dass du ein Klischee geschrieben hast 🙂
      LG Sina

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