Rezension – „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

Matt Haig - Ich und die Menschen

Ich habe das Buch Ich und die Menschen von Matt Haig zu Weihnachten von meiner Mutter bekommen mit dem Hinweis, ich könnte es ja rezensieren, bevor sie es liest, und ich muss zugeben, ich war skeptisch. In meiner Buchspähre sind mir schon ein paar Bücher von Matt Haig vor die Nase gekommen und ich habe trotz begeisterter Rezensionen, nie den Wunsch verspürt sie zu lesen. So viele philosophisch verträumte Zitate, so viele Lobeshymnen …

Das kann nicht stimmen, sagt mein innerer Zyniker. Also habe ich es gelesen.

[Spoilerwarnung: Mir hat vor allem der Anfang des Buch nicht gefallen. Ab ca. Seite 100 fand ich es ganz in Ordnung, aber der Anfang hat es mir herzlich versaut.]

Zunächst einmal die Eckpunkte:

Ich und die Menschen ist ein „Roman mit ganz großem Herzen“ und „Lustig, philosophisch und romantisch“ verspricht der Buchrücken. Erschienen ist er 2015 im dtv Verlag und ich würde ihn wohl am ehesten einen philosphischen Text mit SciFi-Backdrop nennen.

Inhalt

Der Mathematiker Andrew Morris hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht, doch schon kurz nach seinem „Heureka!“ wird er von einem Alien, einem Wesen von höherer Intelligenz, ersetzt. Dieses Wesen soll jede Spur seiner Entdeckung vernichten und auch jeden Menschen, der davon gehört hat, seinem Ende zuführen.
Das Alien erzählt von den Menschen aus der Sicht eines komplett fremden Wesens und zieht seine ganz eigenen Schlüsse über ihre Bräuche und Verhaltensweisen.

Meine Probleme

Normalerweise folgen in meinen Rezensionen auf den Inhalt Informationen über die Figuren, den Sprachstil und alles, was mir sonst noch so aufgefallen ist. Aber diesmal nicht. Diesmal steige ich direkt ein mit meinen Rant.

Es fing klein an. Das Buch beginnt mit einem Vorwort, das aus der Sicht des Aliens an die Menschen adressiert ist. Es sagt, wie wenig Zeit wir Menschen doch haben und wie mäßig schlau wir doch eigentlich sind.

„[…] Lebensform von mittelmäßiger Intelligenz […]“ – S. 11

sagt es, um genau zu sein. Und das fand ich einen mutigen und guten Einstieg. Aber schwierig. Denn damit hat es meine Erwartungen hochgeschraubt. Wenn ich als Mensch, als Leser, von mittelmäßiger Intelligenz bin, dann erwarte ich danach von dem Erzähler neue Ansätze und Denkanstöße. Ich möchte beeindruckt werden.
Das ist eine schwierige Situation für den Erzähler, aber nicht unmöglich.

Doch ich wude enttäuscht. Ständig betont das Alien, dass es von höherer Intelligenz getrieben ist und nur aus Logik handelt, aber von Logik konnte ich nur wenig entdecken. Hier eine Aufzählung aus den ersten 60 Seiten in keiner besonderen Reihenfolge:

  1. Die Aliens beobachten die Menschen schon eine Weile, aber schicken ein Individuum auf die Erde, das sich nicht einmal annähernd mit den Menschen auskennt. (Es soll wohl eine Strafe sein?) Aber warum würden sie das tun? Immer wieder betont das Alien, das ich für die Zukunft Andrew nennen werde, schließlich steckt es in seinem Körper, dass es von äußerster Wichtigkeit ist, dass alle Spuren der Entdeckung vernichtet werden.
    Und das überlassen sie einem Amateur?

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  2. Andrew ist schlau. Sehr schlau. So schlau, dass er die Sprache der Menschen in 100 gesprochenen Wörtern gelernt hat und damit ist er noch einer der langsameren seiner Gattung. Manche sollen sie in nur einem einzigen wohl-konstruierten Satz gelernt haben. Ich muss wohl nicht erklären, dass das unmöglich ist. Man kann zwar viel aus hundert Wörtern lernen, wenn man weiß, worauf man achten muss, aber eine Sprache komplett zu beherrschen ist einfach unmöglich.
    Wenn das der einzige Punkt wäre, könnte ich wohl darüber hinwegsehen, aber leider ist es nur einer von vielen und so entwickelt sich langsam ein Berg.
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  3. Andauernd spricht Andrew von Primzahlen, wie schön sie sind, (seine Lieblingszahl ist 97), und von weiteren mathematischen Konzepten wie Gruppentheorie und Geometrie, die mir nur gezeigt haben, wie wenig der Autor tatsächlich von Mathematik versteht.
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  4. Auf seinem eigenen Planeten trinkt Andrew flüssigen Stickstoff (- 196°C), aber nachts nackt auf einer Straße zu stehen ist ihm zu kalt. Zwar steckt er in einem menschlichen Körper, aber der ist nur adaptiert so auszusehen. Dahinter steckt immer noch sein Alien-Aussehen. Und er besitzt Technologien, die ihn sofort und ohne sein zutun heilen und unschöne Gefühle entfernen. Warum schaltet er das Gefühl dann nicht einfach ab?
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  5. Wenn er die Logik so sehr verehrt, wieso beschränkt er sich beim Lernen über die Menschheit auf eine einzige Quelle? Er nimmt sich das erstbeste Buch/Lesemittel (eine Cosmopolitan)  und geht dann davon aus, dass alles was darin steht 100% wahr ist. Sieht er es nicht ein sie zu überprüfen? Er nimmt zwar später noch ein Buch von seiner Frau (und seine eigenen) in die Hand und liest sie, aber sie wirken sich nicht merklich auf sein Verständnis der Welt aus.
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  6. Nur weil er den Gedanken von Kleidung überflüssig findet, gefährdet er die gesamte Mission, indem er nackt durch die Gegend rennt. Als Logik getriebenes Wesen sollte er Muster erkennen und dieses zugegebenermaßen sehr kleines Opfer für seine Mission bringen, auch wenn er es nicht nachvollziehen kann. Das tut er allerdings erst, nachdem er in die Psychatrie eingewiesen wurde.
    Nachdem er seine Mission schon fast in den Sand gesetzt hat.
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  7. In der Psychatrie stellt sich heraus, dass er Menschen ganz einfach mit seiner Stimme hypnotisieren kann?! Warum hat er sich nicht sofort überall durchgefragt?
    Klar musste er Stimmlage und Tonart zuerst lernen, aber danach hätte das Buch in spätestens einem Kapitel beendet sein müssen. Zu diesem Zeitpunkt hält er die Menschen für abstoßend und scheint ihrem Leben keinen besonderen Wert beizumessen. Es gibt also keinen Grund, warum er nicht ständig so spricht. Das hätte zwar keine gute Geschichte gegeben, aber wäre ehrlich gewesen.
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Ich könnte noch eine ganze Weile weitermachen, aber ich denke, ich habe ausreichend gezeigt, was ich meine.

Sobald Andrew (beginnend ab ca Seite 100) seine Menschlichkeit entdeckt, wird das Buch besser, weil er nicht mehr so sehr auf seine Logik pocht und zugibt, dass viele seiner Entscheidung keinen rationalen Sinn ergeben. Aber das war für mich dann etwas zu spät.

Tatsächlich war diese anfängliche Obszession mit Logik der einzige Grund, warum mich diese Punkte überhaupt gestört haben. Bei einem Organismus von ähnlicher Intelligenz zu dem Menschen können solche Fehler passieren.

Der Rest der Geschichte ist in Ordnung. Ich hatte meinen Spaß dabei. Aber es hat mich nicht sonderlich berührt, wahrscheinlich weil ich kein besonders sentimentaler Mensch bin. Trotzdem sehe ich, wo die guten Kritiken herkommen.

Fazit

Dieses Buch hat eine körperliche Trotzreaktion ausgelöst, die ich erst selten erlebt habe. Ich habe es abends angefangen und konnte danach für mehrere Stunden nicht schlafen, so sehr habe ich mich geärgert. Stattdessen habe ich diesen Text geschrieben, um meiner Frustration irgendwie Luft zu machen.

Ich bezweifle, dass es der Sinn der Geschichte war, die Logik auseinanderzunehmen, weil der Fokus eigentlich auf dem Zwischenmenschlichen liegen sollte. (Das nehme ich zumindest an.) Deshalb kann ich trotz meiner Frustration eine Leseempfehlung aussprechen mit dem Hinweis: Denkt am Anfang am Besten nicht über die Logik von Andrew nach.

Wem würde dieses Buch gefallen?
Der Buchrücken hat es eigentlich ganz gut getroffen: „philosophisch und romantisch“. Wenn das nach etwas klingt, das dir gefallen könnte, dann gib diesem Buch eine Chance.

 


Wenn dir SciFi wichtiger ist als die Philosphie, dann probier es doch mal mit Illuminae (obwohl ich bei diesem Buch auch meine Kritikpunkte habe).

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3 Gedanken zu „Rezension – „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

  1. Vielen Dank für die tolle Kritik. Du unterstreichst sehr gut deinen Standpunkt und die Inkonsistenz auf den ersten Seiten hat sicherlich genervt. Das Buch hatte vielleicht mit dir als Mathematikerin und doch sehr intelligenten Menschen eine schwierige Kritikerin. Allerdings wollen auch die überzeugt werden….

    1. Das ist halt das Schwierige am Autoren-sein. Man muss auch „Professionelle“ (nicht das ich als Mathematikerin in irgendeiner Weise professionell bin) überzeugen und einfach wahnsinnig gut recherchieren. Und wenn man als Leser halt ein bisschen Ahnung hat, dann fallen solche „Fehler“ halt super schnell auf.

      Deswegen habe ich das Buch ja trotzdem empfohlen. Eben weil die meisten Menschen nicht so tief in die Mathematik eingetaucht sind wie ich und ihnen diese Inkonsistenz wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre. 🙂

      1. Es ist ja (leider) auch nicht der einzige Kritikpunkt, der die auffällt. Es gibt ja auch noch zahlreiche andere, die dir missfallen haben. Deine Kritik ist (zum Glück) immer noch begründet ;).

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