Führen Adjektive zu einem schwachen Schreibstil?

Adjektive

Adjektive verraten den Narziss im Autor. »Schaut her«, ruft er dem Leser mit jedem dieser Wörtchen zu, »wie wunderschön ich schreiben und beschreiben kann!« Und drängt sich vor seinen Text. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wir ihn von der hinteren Umschlagklappe seines Buchs selbstgefällig grinsen sehen.

Stephan Waldscheidt, aus dem Schreibratgeber „Adjektive – gut oder böse“

Dieses Zitat ist zugegebenermaßen an einem sehr extremen Ende des Adjektivhassens, aber es zeigt doch, was für einen Ruf sich diese unscheinbaren Eigenschaftsworte eingefangen haben. Aber ich finde, dass sie ihren Ruf nicht verdient haben. Natürlich können sie, wenn sie im Überfluss benutzt werden, zu viel des Guten werden, aber das trifft so ungefähr auf Alles zu.

Ich möchte also herausfinden: Musst du Adjektive wirklich an jeder Ecke streichen?

[Ein kleiner Hinweis: Alles, was ich hier sage, trifft im Übrigen auch auf Adverbien zu. Die allgemeine Meinung ist zu beiden Wortarten gleich (Streichen, wo es nur geht.) und verteidige ich beide gleichermaßen. Falls ich also ein Beispiel mit Adverb und nicht mit einem Adjektiv benutzen sollte, dann ist das hier meine Begründung.]

Wo kannst du Adjektive streichen?

  1. Dopplungen mit Nomen.
    Ja, du hast richtig gesehen: Hier sieht man den bekannten weißen Schimmel. Ein prachtvoller Anblick.

    Jeder kennt diese Beispiele: tote Leiche, weißer Schimmel … Es ist klar, wo hier das Problem liegt. Das Adjektiv ist schon in der Definition des Wortes beinhaltet. Eine Leiche ist immer tot, ein Schimmel ist ein weißes Pferd. Es gibt keinen Grund, es noch einmal zu sagen.
    Aber auch bei weniger offensichtlichen Paarungen kann man die Adjektive häufig streichen. Man denke an den schweren Felsbrocken (oder hat jemand schon einmal einen leichten erlebt) oder den lauten Knall.
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  2. Aufzählungen.
    Adjektive beschreiben zwar, aber wenn du von einem kleinen, süßen, blonden, pausbäckigen Mädchen erzählst, ist das zu viel des Guten. Wenn du ein Nomen durch ein Adjektiv beschreiben möchtest, bleibe bei einem Einzigen und wähle das Aussagekräftigste.
    Die anderen Beschreibungen kannst du später im Text aufgreifen und, wenn möglich, eher durch Aktionen deiner Figuren darstellen (Show, don’t Tell).
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  3. Langweilige Adjektive.
    Das ist natürlich eine sehr subjektive Kategorie, denn jeder kann selbst entscheiden, was er langweilig findet oder nicht. Meine Regel sieht dabei aus wie folgt, wenn ich etwas mit einem Adjektiv beschreibe, dann sollte es *besonders* sein. Dann ist ein Gegenstand nicht nur klein, sondern winzig.

Wann sind Adjektive wichtig?

  1. Betonung von ungewöhnlichen Eigenschaften.
    Relativ selbsterklärend. Anstatt sich mit einem extra Satz oder Nebensatz herumzuplagen, können ungewöhnliche Eigenschaften von Figuren, Tieren, Gegenständen o.ä. auch einfach gesagt werden. Aber auch hier gilt wieder: Weniger ist mehr. Beschränke dich auf eine besondere Eigenschaft. Und, auch wenn du als Autor wahrscheinlich widersprechen würdest, nicht jede deiner Figuren oder Settings sind auf den ersten Blick etwas außergewöhnliches und benötigen ein Adjektiv.
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  2. Vergleiche.
    Besser, schöner, größer als … Hier können Adjektive ein wertvolles Hilfsmittel sein. Vor allem bei Beschreibungen von Dingen, die der Leser nie gesehen hat (vor allem in dem Bereich der Sci-Fi und Fantasy) sind Vergleiche ein Lebensretter.
    Außerdem, wenn du einen personalen Erzähler hast, helfen sie dir ungemein bei der Charakterisierung deiner Figuren, ohne dass es dem Leser gleich auffällt.
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  3. Wertungen.
    Auch Adjektive sind Teil einer runden Schreib-Stimme.

    Bei Wertungen musst du auf deine Perspektive aufpassen, aber gerade in der Ich-Perspektive kannst du Wertungen hervorragend einbauen. (Oft kommen sie als Vergleich vor, aber nicht zwangsweise, deswegen bekommen sie einen eigenen Punkt.)
    Hier dienen sie nicht nur dem Beschreiben, sondern charakterisieren gleichzeitig deinen Protagonisten. Wertungen können auch in der dritten Person funktionieren, allerdings ist es schwieriger, sie auf eine Art zu verpacken, die nicht seltsam klingt. Hier kann der Autor auf den inneren Monolog und Dialoge zurückgreifen.
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  4. Dialoge.
    Vor allem in Dialogen kannst du die metaphorische Sau rauslassen. Deine Figuren müssen sich nicht an die Regeln des Schreibens halten und die Sprech-Sprache ist sowieso sehr viel laxer als die Schreib-Sprache. Das darf sich in deinen Gesprächen gerne wiederspiegeln.

Führen Adjektive zu einem schwachen Schreibstil?

Die kurze Antwort: Nein.

Die etwas längere Antwort: Ein Text lässt sich häufig verbessern, wenn man unnötige Adjektive streicht oder durch aussagekräftigere Verben und Nomen ersetzt. Sie für einen schwachen Schreibstil verantwortlich zu machen, ist allerdings falsch.

Wann genau ist ein Adjektiv unnötig? Im Grunde musst du sie behandeln, wie Mark Twain es schon gesagt hat:

Wenn Sie ein Adjektiv sehen, töten Sie es. Vielleicht nicht in jedem Fall. Aber töten Sie die meisten – dann ist der Rest wertvoll. Adjektive schwächen Ihren Text, wenn sie zu dicht stehen. Sie geben Kraft, wenn sie viel Raum zwischen sich haben.

– Mark Twain

 


Wie stehst du zu Adjektiven? Benutzt du sie gerne oder vermeidest du sie lieber?

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