5 Dinge, die unbedingt in dein erstes Kapitel gehören

Das erste Kapitel

Ich bin kein Fan des Tipps, dass schon der erste Satz eines Buches fesseln muss. Die meisten Menschen, die dein Buch in die Hand nehmen werden, sind geübte Leser und wissen, dass Geschichten ein langsames Medium sind und man die Qualität eines Buches unmöglich am ersten Satz erkennen kann. Natürlich spricht trotzdem einiges für einen tollen ersten Satz, aber notwendig ist er keinesfalls.
Ein überzeugendes erstes Kapitel hingegen ist etwas anderes.

Mit deinem ersten Kapitel solltest ein paar Punkte erfüllen, um den bestmöglichein Eindruck auf den Leser zu machen, damit er sich in deiner Geschichte zurechtfindet und direkt weiterlesen möchte.

1. Die Schreibstimme muss stimmen

Ich schreibe gerne chronologisch und somit steht das erste Kapitel immer als erstes auf dem Plan. Das führt allerdings zu einigen Schwierigkeiten. Obwohl ich schon eine ganze Weile schreibe, entwickelt sich meine Stimme ständig weiter. Das bedeutet im Klartext: Wenn ich mein Buch beendet habe, hat sich meine Stimme durch die Geschichte hinweg verändert und das sollte im Idealfall nicht passieren.

Pass also auf, dass sich deine Stimme über die Geschichte hinweg nicht verändert. Das könnte zu einer Enttäuschung führen, wenn einem Leser deine „ursprüngliche“ Schreibweise gefällt und dann im Laufe des Buches den Spaß daran verliert. Es lohnt sich also auf jeden Fall, das erste Kapitel hinsichtlich deiner Schreibstimme genaustens zu untersuchen.

2. Der Konflikt wird angedeutet

Worum geht es in deinem Buch eigentlich? Ist es eine Geschichte einer bröckelnden Freundschaft, ein Mordfall oder die Rettung der Welt? Das sollte sich schon ab dem ersten Kapitel ankündigen. So erlebt der Leser keine bösen Überraschungen, wenn er dachte, dass es sich um eine Sci-Fi Dystopie handelt, es dann aber hauptsächlich um ein junges Liebespaar geht.

Lass deinen Leser nicht ahnungslos in einer fremden Welt stranden. Gib ihm ein paar Hinweise, damit er sich zurechtfindet.

Aber! Dein Buch kann und sollte mehr als einen Konflikt enthalten, doch besonders im ersten Kapitel sollte der Fokus auf dem Haupterzählstrang und den entsprechenden Konflikten liegen.

3. Dein Setting wird eingeführt

Mit Setting meine ich in diesem Fall noch nicht einmal den speziellen Ort des ersten Kapitels, sondern ganz grob: Zeit und Raum. Befinden wir uns im viktorianischen England, dreihundert Jahre in der Zukunft, auf einem fernen Planeten oder in einer Urban Fantasy in unserer Zeit. Diese Informationen mögen dir ziemlich banal vorkommen, aber du kannst dir bestimmt die Verwirrung deiner Leser vorstellen, wenn du ihnen nicht klipp und klar sagst, wo und wann deine Geschichte eigentlich spielt.

In vielen Romanen braucht man kaum einen Satz auf das Setting zu verschwenden, vor allem wenn die Geschichte zu „unserer“ Zeit spielt. Aber, wenn die Geschichte von dieser Norm abweicht, ist ein Hinweis darauf wichtig.

4. Deine Protagonisten kommen vor

Das ist besonders eine Krankheit von Fantasy-Büchern. Wie oft ist es mir schon passiert, dass die Figuren des ersten Kapitels a.) direkt gestorben, b.) nicht wieder aufgetaucht, c.) erst im letzten Drittel des Buches wieder aufgetaucht, d.) komplett irrelevant waren.

Dein Leser möchte von Anfang an jemanden haben, den er begleiten kann. Das können mehrere Personen sein oder eine einzige. Ähnlich wie bei deiner Schreibstimme, lernt der Leser im ersten Kapitel auch die Stimmen deiner Figuren kennen.

5. Wecke das Interesse deiner Leser

Das sagt sich so schön, ist aber eindeutlig das Schwierigste. Hier gibt es keine Formel, nach der man vorgehen oder Rezept an das man sich halten kann. Trotzdem kann ich dir einige Hinweise geben, wie du das Interesse deiner Leser anregen kannst.

Beginne mit einer spannenden Situation, stell spannende Fragen in den Raum, führe eine mysteriöse Figur ein oder beschäftige dich ganz á la Tolkien tiefgehend mit deinem Weltenbau. Hier zählt alles, was den Leser dazu bringen könnte, Ich will mehr! zu sagen.

Natürlich könntest du diesen Punkt schon mittels deines Konfliktes, den du hoffentlich eingeführt hast, abgehakt haben, aber besonders bei diesem Punkt ist viel Arbeit verlangt. Schreibe so, dass es repräsentativ für dein Buch ist. Wird es später blutig und grausam? Zeige es im ersten Kapitel. Gibt es tolle Orte und fantastische Kreaturen? Zeige es im ersten Kapitel. Geht es um Intrigen und Geheimnisse? Zeige es im ersten Kapitel.

Was nicht ins erste Kapitel gehört:

Es lässt sich leicht sagen, wie das erste Kapitel aussehen sollte, aber dieser Artikel wäre nicht vollständig, wenn ich nicht wenigstens andeuten würde, was man am Besten vermeiden sollte. Deswegen einmal die wichtigsten Punkte im Schnellduchlauf:

  1. Ewig lange Exposition.
    Die ist auch später im Buch langweilig, aber wenn es schon damit anfängt, dann werden es die meisten Leser nicht über das erste Kapitel hinaus schaffen.
  2. Zu viele Figuren auf einmal.
    Für dich mag es einfach sein, deine Figuren auseinanderzuhalten, aber dein Leser trifft sie das erste Mal. Führe auf keinen Fall mehr als eine Handvoll (besser sogar nur zwei oder drei) Figuren ein. Dein Leser wird dir danken.
  3. Ausgelutschte Klischees.
    Sei dir der Klischees deines Genres bewusst und lerne, sie zu umgehen. Der Protagonist zum Beispiel, der sich direkt am Anfang im Spiegel beschreibt, sorgt vielerorts für Augenrollen und wenig Lesespaß.

Das ist nur der Anfang einer ewig langen Liste, aber ich glaube, ich habe die schlimmsten Verbrecher benannt. 🙂

Fazit

Es gibt viele tolle Bücher, die sich nicht an diese Regeln halten, und viele schlechte Bücher, die es tun. Das ist das Schwierige beim Schreiben: Selbst wenn man sich scheinbar an alle Regeln hält, kann dennoch Müll dabei herumkommen. Wichtig ist es, nicht die Motivation zu verlieren, weiterzuarbeiten und sich zu verbessern, damit man am Ende eine tolle Geschichte geschrieben hat.

 


Hast du eigene Regeln, was für dich in ein erstes Kapitel gehört?

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3 Gedanken zu „5 Dinge, die unbedingt in dein erstes Kapitel gehören

  1. Auf keinen Fall ins erste Kapitel gehört für mich die physische Beschreibung des Ich-Erzählers – und schon gar nicht als „Spiegelszene“ à la: „Missmutig blickte ich in den Spiegel. Meine rostroten Locken ergossen sich wie ein Wasserfall über meine bleichen Schultern. Wie gerne hätte ich weniger Sommersprossen auf meiner Stupsnase gehabt! Auch wenn meine beste Freundin Larissa immer sagte, sie ließen mich frisch und unschuldig aussehen.“ *würgegeräusch*

    1. Oooh ja! Das ist richtig schlimm. Tatsächlich habe ich sogar gar nichts dagegen, wenn man (vor allem bei einem Ich-Erzähler) fast gar nichts über das Aussehen erfährt. 😀

    2. Ich stelle mir vor, das würde man wirklich jeden Morgen machen (oftmals wird dann ja ein typischer Morgen des Charakters beschrieben), da würde man sich ganz schön selbst hassen. Das hält man ja nicht aus, jeden Tag alle seine Makel aufzuzählen. Bzw. im Gegebzug wäre es sehr selbstverliebt sich jeden Tag im Spiegel anzuhimmeln.

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