Das letzte Abendmahl – Kapitel 1

Es ist Zeit für eine neue Kurzgeschichte. Ich möchte euch gar nichts vorwegnehmen. Denkt einfach spätes Mittelalter für das Setting und mehr braucht es nicht. Ich hoffe, die Geschichte fesselt euch.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Die Namen

»Der Graf und die Gräfin kommen!«
Diener hasteten eilig durch die breiten Gänge des Schlosses von Rahden. Der Hausherr folgte ihnen mit nervösem Blick nach, damit es niemand wagte auch nur für einen Moment still zu stehen. Er trug seine besten Röcke. Prächtige Stoffe, rot und gold, die selbst ohne das Licht der Sonne zu schimmern schienen.
»Wie sehe ich aus?«, fragte Alexander von Rahden und wandte sich unsicher dem hochgewachsenen Mann an seiner Seite zu.
Dieser musterte ihn mit prüfendem Blick und lächelte dann. »Du sahst nie besser aus. Es wird schon gut gehen.« Alexander wollte ihm glauben, aber selbst das zuversichtliche Lächeln, das sonst so unbeschwert die Lippen seines Freundes umspielte, wollte nicht den rechten Platz auf seinem Gesicht einnehmen.
»Meinst du? Es ist ein wichtiger Tag.«
Der andere Mann lachte leise und rückte die kreisrunde Brille auf seiner Nase zurecht. »Sie wären töricht diesen Handel auszuschlagen.«
Alexander nickte. »Das stimmt, das stimmt.«
Eine Dienerin riss ihn aus seinen Gedanken. »Herr, sie sind bereits durch die Tore!«
Ein knappes Nicken. »Danke, Lilly«, er wandte sich seinem Freund zu, »Komm, wir wollen sie nicht warten lassen.«
Die beiden Männer erreichten den weitläufigen Innenhof, als die Kutsche knirschend zum Stehen kam. Die schwarzen Rösser der Grafen dampften in der kühlen Abendluft. Ihre Kutsche war verziert mit strahlendem Gold und filigranen Schnitzereien und obwohl der Boden bedeckt war mit Matsch, hatte sie nicht einen Flecken abbekommen. Doch Alexander blieb keine Zeit, die Kutsche weiter zu bewundern, denn die Gräfin trat hinaus.
Sie war eine köstliche Schönheit. Reine, blasse Haut. Blutrote Lippen und dunkle Augen. Der Körper gehüllt in elegante Gewänder, ein keuscher Schleier über den dunkelbraunen Haaren.
Alexander riss seinen Blick, der einen Augenblick zu lange auf ihrem Körper verharrt hatte, los und verbeugte sich tief. »Meine aufrichtigsten Entschuldigungen, Graf und Gräfin Below. Ich habe eine unentschuldbare Tat begangen. Wir rechneten nicht so früh mit eurer Ankunft, wir wären euch entgegengeritten und hätten euch Geleit geboten. Ich …«
Die Gräfin lächelte nachsichtig. Ihre perlweißen Zähne blitzten im Licht der untergehenden Sonne.
»Euch trifft keine Schuld, mein liebster Herr von Rahden. Der Fehler liegt ganz auf unserer Seite«, seufzte sie in einer Art, wie es nur die schönsten Frauen können, »Wir hätten einen Boten vorausschicken sollen. Nun haben wir euch des Abends überrascht. Ach, welch schlechte Gäste wir sind!« Ihre Entschuldigungen wurden von einem scheuen Augenaufschlag begleitet.
»Gräfin Below …«, protestierte Alexander.
»Bitte!«, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln, »Es besteht kein Grund für diese Förmlichkeiten. Bitte nennt mich Damia, werter Herr von Rahden.«
Alexander verbeugte sich erneut. »Dann müsst Ihr mich mit Alexander ansprechen.«
»Mit Vergnügen.« Sie blinzelte langsam, als müsste sie sich von seinem Anblick losreißen und sah sich nach ihrem Gatten um.
»Gray«, sagte er schlicht. Alexander hatte nicht gemerkt, dass er aus der Kutsche getreten war. Der Graf war ein kleiner Mann mit tiefer Stimme und mausgrauen kurzen Haaren. Er streckte Alexander eine Hand entgegen. Alexander schlug mit klopfendem Herzen ein.
»Überaus erfreut!« Er deutete mit einer ausholenden Geste hinter sich. Sein hochgewachsener Freund stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen hinter ihm, sein Blick war aufmerksam. »Es wäre mir eine Ehre, euch einen Freund meines Hauses vorzustellen. Herzog Hektor …«
»Nur Hektor«, unterbrach ihn der Herzog rasch. Mit einem eleganten Schritt trat er vor, nahm Damias Hand und küsste sie galant. Die Gräfin wandte in gut erzogener Scheu den Kopf ab. Trotzdem meinte Alexander für einen Moment zu sehen, wie ihre Mimik unter den Förmlichkeiten zitterte. »Eine Freude«, sagte sie und schaute Hektor dann forschend in die Augen.
Hektors Blick war weich. »Die Freude ist ganz die meine.« Er bot der Gräfin den Arm an und schenkte dem Grafen einen fragenden Blick. »Wenn Ihr erlaubt?«
Der Graf nickte großzügig und Damia hakte sich unter. Hektor geleitete sie zuvorkommend die Stufen des Schlosses hinauf.
»Sagt, Hektor«, schnurrte die Gräfin, »Ich habe leider ein heillos schlechtes Gedächtnis, ein wahrer Fluch. Drum vergebt mir, wenn ich so plump frage. Ihr kommt mir nur so bekannt vor. Sind wir uns schon einmal begegnet?«
Unbeirrt führte Hektor die Gräfin die letzten Stufen hinauf und öffnete ihr die Tür. »Ihr verkauft Euch unter Eurem Wert, meine Teuerste. Ich bin mir sicher, dass Ihr in Eurem Leben noch nie ein Gesicht vergessen habt«, sagte er mit einem wissenden Lächeln, »Drum seid versichert, dass es Euch auch heute nicht geschehen ist. Wir wurden einander noch nie vorgestellt. Seid unbesorgt. Doch ich hoffe, dass ich Euch und Euren werten Ehemann nach dem heutigen Abend zu meinen Freunden zählen kann.«
Die Gräfin schritt über die Schwelle und streckte erwartungsvoll ihren Arm aus. Mit der Grazie eines Edelmannes ergriff Hektor das Angebot erneut und führte die Gräfin unter den wachsamen Augen des Grafen tiefer in das Schloss. Niemand bemerkte den Hass, der sich in Hektors Augen gepflanzt hatte.

 


Was wohl als nächstes passiert?

Kapitel 2 »

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2 Gedanken zu „Das letzte Abendmahl – Kapitel 1

  1. Auch wenn ich emotional noch ein wenig an Alabaster aus den letzten Wochen hänge (schnief), verspricht diese Geschichte sehr spannend zu werden. Zwar habe ich bei dem Titel andere Assoziationen gehabt, aber ich bin gespannt, wie es weitergeht. Im Augenblick sind mir die Charaktere noch ein bisschen zuuuu gruselig aalglatt, aber an der ein oder anderen Stelle konnte man schon eventuell tiefe Abgründe erahnen. „Köstliche Schönheit“, „das wissende Lächeln“ Hektors und der Hass in seinen Augen… da kommt noch was großes. ; )

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