Alabaster, Kapitel 4

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Notwehr

Alabaster spürte, wie die harte Glasflasche Kontakt mit seinem Kopf machte und auf einmal passierte alles ganz langsam. Die Welt wurde still. Seine Sicht verschwamm. Blinzelnd griff er nach dem Türrahmen und stolperte nach vorne. Opal schrie stumm, ihre Augen waren auf etwas hinter ihm gerichtet.
Instinktiv wirbelte er herum und duckte er sich. Weitere Scherben regneten auf ihn hinab. Der betrunkene Mann stand vor ihm, sein Gesicht zu einer furchterregenden Maske verzerrt. Er hatte erreicht, was er wollte. Eine Schlägerei gegen einen unterlegenen Gegner.

Alabaster taumelte zurück und auf einmal war die Zeitlupe vorbei. Der Betrunkene ließ die zerborstene Flasche fallen und ballte die Faust.
„Du wagst es vor mir wegzulaufen, du Hund?“, brüllte er und Spuckefäden flogen aus seinem Mund. Ein harter Schlag traf Alabaster im Gesicht. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen. Opal fuhr dem Mann mit ihren Fingernägeln ins Gesicht. Mit einem Kreischen ließ er von Alabaster ab und stieß sie grob zu Seite.

Die Augen des Betrunkenen blitzen bösartig auf. „DU KLEINE HURE!“, brüllte er und packte Opal an der Kehle. Sie schlug matt nach ihrem Angreifer, aus ihrer Kehle klang ein ersticktes Würgen.
„Thomas!“, rief der Wirt aus dem Inneren, aber der Betrunkene hatte nicht vor, auf ihn zu hören.

Und in diesem Moment setzten Alabasters Gedanken aus. Sein sonst so schneller Verstand stoppte und für einen ewigen Augenblick sah er nur Opal, die sich in den Händen ihres Angreifers wehrte und deren Bewegungen immer schlaffer wurden.
Mit einer Geschwindigkeit, die ihn selbst erschreckte, zog er den Dolch aus seinem linken Stiefel und stach zu. Einmal, zweimal, viermal, fünfmal. Der Betrunkene ließ von Opal ab und sie sank würgend gegen die Wand des Wirtshauses.

„Noch nicht genug, was?“, knurrte der Mann. Blut floss aus mehreren Wunden aus seinem Bauch, aber er schien es nicht einmal zu bemerken. Sein nächster Schlag traf Alabaster an der Schläfe und die Welt wurde schwarz und still.

Der Betrunkene schlug wie ein Besessener auf die regungslose Gestalt ein. Opal versuchte ihn aufzuhalten, aber er schien ihren Ansturm noch nicht einmal wahrzunehmen.

Schließlich packte der Wirt den Mann von hinten. „Thomas!“, schrie er, „Lass gut sein! Du hast gewonnen!“
„DIESE DUMME GÖRE! DENKT SIE KÖNNTE SICH ALLES ERLAUBEN!“ Der Mann wand sich wild in dem Griff des Wirtes. Blut färbte seinen Wams rot und tropfte auf die dunklen Dielen.
Opal kroch zu Alabaster und begann vorsichtig an seiner Schulter zu rütteln. „Alabaster?“, fragte sie zitternd. Keine Reaktion. Sein Kopf rollte schlaff zu einer Seite. „Alabaster?“, rief sie lauter. Ihre Stimme war jetzt panisch.

Schwere Schritte näherten sich, aber sie konnte nicht sehen, um wen es sich handelte. Tränen verschleierten ihre Sicht.
„Was ist passiert?“, fragte eine Stimme in routiniertem Tonfall.
„Es ist nur eine kleine Schlägerei …“
„DIESER HURENSOHN HAT MICH …“, eine seltsam lange Pause, „… er hat mich erstochen!“ Der Mann klang überrascht. Ein schwerer Körper sackte hinter Opal zu Boden, aber das war ihr egal. Alabaster regte sich nicht.
„Wir brauchen einen Medikus!“, rief sie und sah zum ersten Mal zu den Neuankömmligen auf. Es war die Wache. „Bitte!“, flehte sie, „Einen Medikus! Mein Bruder!“ Tränen liefen über ihr Gesicht.

Gepanzerte Hände packten sie an den Schultern und zogen sie von Alabaster weg. Sie wollte sich wehren, aber die Hände waren zu stark. Jemand hob Alabaster auf und trug ihn davon.
„Mädchen!“, sagte die Stimme hinter ihr, „Erzähl uns, was passiert ist.“
„Aber mein Bruder!“ Sie trugen ihn davon.
„Wir kümmern uns um ihn! Sag uns, was passiert ist!“
„Ich muss bei ihm sein! Was, wenn …“ Sie führte den Gedanken nicht zu Ende und die Tränen liefen noch heftiger als zuvor über ihre Wangen.
Die Wache trat näher hinter sie und legte einen Arm um ihre Schulter. „Komm mit zur Wache, Mädchen. Deinem Bruder wird es bald schon besser gehen.“

***

Alabaster erwachte in einer kalten Zelle. Gleißender Schmerz erfüllte seinen Kopf und er es fiel ihm schwer seine Augen zu öffnen. Das mochte auch daran liegen, dass sie zugeschwollen waren. Mit einem Stöhnen richtete er sich auf.
„Ah“, sagte eine fremde Stimme, „Du bist wach. Dann kannst du vielleicht das hier erklären.“

Alabaster hörte das Klimpern von Münzen. Er widerstand den Drang an sein Wams zu fassen und zu schauen, ob die gestohlenen Börsen noch an ihrem Platz waren.
„Was erklären?“, fragte er stattdessen und musste husten. Seine Kehle war ausgetrocknet.
Die Stimme jenseits der Gitter lachte.
„Dann kannst du mir also auch nicht sagen, wer“, Papier knisterte, „Herr Wolf ist? Denn der Steckbrief sieht dir nun wirklich sehr ähnlich! Vor allem nachdem dir dein Blut die Farbe aus den Haaren gewaschen hat.“
„Ich weiß nicht, wovon Ihr redet. Mein Name ist Alabaster“, flüsterte er und endlich gelang es ihm die Augen zu öffnen, „Wo ist meine Schwester?“
Die Wache auf der anderen Seite schüttelte den Kopf. „Da haben wir echt einen schlechten Tag gehabt, oder?“
Alabaster griff sich an den Kopf. Alles drehte sich. „Meine Schwester?“, ächzte er.
„Sie ist noch auf der Wache. Seid ihr etwa ein kleines Diebespärchen?“
Alabaster richtete sich auf und griff mit einer Hand um die Gitterstäbe. „Bitte“, sagte er, „Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet. Es muss eine Verwechslung vorliegen.“ Seine gesprungenen Lippen zierte ein charmantes Lächeln.
Die Wache zuckte mit den Schultern. „Mal sehen, ob du immer noch derselben Meinung bist, wenn du eine Hand weniger hast.“

Bevor er weiterreden konnte, wurde die Tür aufgestoßen und eine Wache kam atemlos in den Kerker gestolpert.
„Er ist tot!“, keuchte sie.
„Wer ist tot?“
„Thomas. Der Mann, der sich mit dem Dieb geschlagen hat!“

 


Wenn etwas schief gehen kann, dann geht alles schief.

Kapitel 5 »

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2 Gedanken zu „Alabaster, Kapitel 4

  1. Wooooow, ich habe ernsthaft damit gerechnet, dass Alabaster irgendwie ein extrem krasser Kämpfer ist, mit dem man sich besser nicht anlegt. Aber grade, dass er es nicht zu sein scheint, gibt der Geschichte einen noch interessanteren Twist. Ich habe diese Wendung überhaupt nicht erwartet. Blöd nur, dass sie jetzt beide im Gefängnis sitzen….

    1. Niemand (selbst wenn er lange lange kämpfen gelernt hat) ist nach so einem Schlag auf den Kopf ein guter Kämpfer. 😛
      Realismus ftw!!!

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