Alabaster, Kapitel 3

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Anders als gedacht

Alabaster und Opal wurden am nächsten Morgen von dem kitzelnden Licht der Sonne geweckt. Draußen begrüßte eine Amsel aufgeregt zwitschernd den Tag. Opal kräuselte die Nase und blinzelte. Winzige Staubpartikel schwebten durch das enge Zimmer. Sie streckte sich und fühlte Alabasters Körper in ihrem Rücken. Er drückte ihren Arm und schlüpfte aus dem Bett.

„Ich hatte Recht“, sagte Alabaster und grinste sie an.
Opal rollte die Augen und warf ein Kissen nach ihm, dem er lachend auswich. Er glitt mit einem selbstgefälligen GEsichtsausdruck näher an sie heran und stupste ihre Nase an. „Sag, dass ich Recht hatte.“
„Du hattest Recht“, murrte Opal mit gespieltem Unmut.
„Und womit hatte ich Recht?“
Opal zog eine Augenbraue hoch. „Du bewegst dich auf dünnem Eis, mein Herr.“
Alabaster hob nur verteidigend die Arme. „Ich muss doch sicher gehen, dass wir beide dasselbe meinen, damit ich es dir das nächste Mal unter die Nase reiben kann!“ Und wieder grinste er.

„Niemand hat uns erkannt. Du hattest Recht“, seufzte Opal und als sich Alabaster umdrehte, murmelte sie noch schnell: „Idiot!“
„Das habe ich gehört!“, säuselte Alabaster und tänzelte aus der Tür heraus, „Ich bestelle uns Frühstück, meine kleine Unglücksseherin.“

Opal blieb noch für einige Minuten auf dem Zimmer und genoss die Wärme der frühen Sonne, doch schon blad packte sie eine gewohnte innere Unruhe. Sie schnappte ihre Rucksäcke und trug sie die steile Treppe hinunter in das Gasthaus. Es war fast leer. Einige Gäste lagen noch betrunken auf den Tischen und schliefen ihren Rausch aus. Nur wenige waren um diese Zeit schon auf. Trotzdem roch es herrlich nach gebratenen Eiern und frischem Kaffee.

Alabaster saß an der Theke und unterhielt sich mit dem Wirt.
„… wirklich? Das ist ja schrecklich!“, sagte Alabaster gerade und wandte seinen Kopf, als er Opal hereinkommen hörte, „Opal, der Wirt hat mir gerade erzählt, dass gestern vier seiner Gäste Abend ausgeraubt wurden. Schau schnell nach, ob unser Geld noch da ist.“
Opals Hand fuhr tastend zu der Geldbörse an ihrer Seite und sie seufzte erleichtert. „Ist noch alles da“, verkündete sie gewissenhaft und Alabaster nickte. „So ein Glück!“

Der Wirt schüttelte den Kopf. „Da habt ihr wirklich Glück gehabt. Die Wache ist schon auf der Suche nach dem Dieb, aber ich bezweifle, dass sie ihn finden werden. Keiner hat irgendetwas gesehen und wenn der Gauner nur ein bisschen Heu in seiner Scheune hat, dann ist er längst über alle Berge.“
Alabaster imitierte das Kopfschütteln des Wirtes. „Wie kann man sich auf den Straßen denn noch sicher fühlen, wenn sich solches Gesindel herumtreibt?“
Der Wirt grunzte ein unverständliches Wort der Zustimmung. „Die Dame?“, fragte er an Opal gewandt, „Auch ein Frühstück?“
„Und Kaffee, bitte“, sagte Opal und der Wirt verschwand geschäftig in der Küche.

„Wir sollten gehen“, flüsterte Opal, sobald er außer Hörweite war.
Alabaster winkte ab. „Ich hatte und habe Recht. Sie suchen den Dieb wo anders. Wir können ganz entspannt frühstücken und uns dann auf den Weg machen.“
Der Wirt kam aus der Küche zurück. In seinen Armen balancierte er ein Tablett mit zwei Bechern dampfendem Kaffee und zwei Tellern, die zum Überlaufen gefüllt waren mit Speck und Eiern.

„Mein Retter in der Not!“, rief Alabaster aus und ließ klimpernd einige Münzen auf den Thresen fallen. Der Wirt strich sie mit einem Lächeln ein.
Opal nippte an ihrem Kaffee, während Alabaster sich den Eiern zuwandte.
Einige der betrunkenen Männer auf den Tischen regten sich im Schlaf. Opal lehnte sich mit dem Rücken gegen den Thresen und betrachtete das Bild, das sich ihr bot. Das frühe Morgenlicht fiel in Streifen durch die dreckigen Fenster und tauchte die Gaststube in ein dämmriges Licht.
Nach und nach erwachten die betrunkenen Männer aus der Nacht zuvor und an ihrem Stöhnen konnte man erraten, dass sie es lieber nicht getan hätten.

Wenige Minuten später hatten sie ihr Frühstück beendet und Opal machte sich auf den Weg nach draußen. Sie wollte so schnel wie möglich verschwinden. Alabaster setzte sich den Rucksack wieder auf den Rücken.
„Gute Reise euch beiden!“, rief der Wirt ihnen hinterher.
„Danke“, lächelte Alabaster ihm zurück.

Opal fühlte eine unwillkommende Hand an ihrem Po und schlug sie heftig weg. „Na meine- meine Kleine?“, nuschelte einer der betrunkenen Gäste, viel zu nah an ihrem Gesicht, „Du bis‘ doch die Süße, die- die gestern so schön getanzt hat.“
„Lass mich in Ruhe!“, fauchte Opal und schlug seine Hand weg.
„Ach, jetz‘ hab dich nich‘ so! Nur ein kleines Küsschen!“ Mit einem ekligen Kussmund kam er auf sie zu.

„Hey!“ Alabasters Stimme knallte durch den Raum wie ein Peitschenhieb, „Weg von ihr!“
Der betrunkene Mann taumelte einen Schritt zurück und schaute Alabaster mit glasigen Augen an. „Was sonst, Kleiner?“, fragte er mit einem Grinsen und entblößte dabei eine Reihe fauliger Zähne. Sie kannten solche Männer. Sie kamen nur in Gasthäuser, um sich zu prügeln. Und es gab keine einfachere Variante eine Schlägerei zu provozieren, als dem Mädchen eines anderen Mannes nachzustellen.
Alabaster war bei Opal angekommen und zog sie schützend hinter sich. „Lass uns gehen!“, drängte Opal und zog an Alabasters Hand.

Er fixierte den Betrunkenen wortlos und ließ sich von Opal rückwärts Richtung Tür geleiten. Die folgenden Momente waren entscheidend. Er durfte dem Mann keinen Grund geben, zu …
„Thomas!“, bellte der Wirt durch den Raum, „Lass meine Gäste in Frieden. Du weißt, was passiert, wenn du eine Schlägerei anfängst.“

Alabaster und Opal nutzten den Augenblick der Ablenkung, um aus der Tür zu schlüpfen. Die leere Flasche des Betrunkenen traf Alabaster hinter dem Ohr und zerbarst mit einem lauten Klirren. Blut spritzte.

 


Nachdem das letzte Kapitel so schön war, musste ich es ja noch irgendwie kaputt machen.

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