Alabaster, Kapitel 1

Eine neue Kurzgeschichte ist am Start. Ich habe das Gefühl, dass meine Geschichten in letzter Zeit immer düsterer werden und da wird auch diese hier keine Ausnahme sein. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass sie gefällt.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Zurück zu Hause

In dem dicken Nebel war das Gasthaus nichts weiter als ein ferner Schein, der ihnen flackernd den Weg wies. Alabaster und Opal stapften über schlammigen Weg auf das warme Licht zu. Der Matsch klebte an ihren Stiefeln und machte jeden Schritt schwer. Es war schon spät. Sie waren lange unterwegs gewesen und die Müdigkeit verlangsamte ihr Vorankommen.

„Meinst du, es war eine gute Idee, zurückzugehen?“, fragte Opal in die Stille der Nacht. Der Nebel dämpfte ihre Stimme. Alabaster schlang seinen durchnässten Mantel enger um sich und zog die Schultern hoch.
„Sie werden sich nicht an uns erinnern“, sagte er mit fester Stimme, „Zumindest nicht die, auf die es ankommt.“ Er schenkte ihr eines seiner perlweißen Lächeln und Opal musste es fast unfreiwillig erwidern.
„Und unsere Namen?“, fragte sie.
„Damals hießen wir noch anders. Erinnerst du dich nicht mehr?“
Opal runzelte die Stirn. Sie hatten schon so viele Namen gehabt in ihrem jungen Leben. Jordan und Melissa. Kätzchen und Eule. Glimmer und Lumo. Herr Wolf und Frau Fuchs. So viele Namen, dass Opal kaum noch wusste, wie sie tatsächlich hieß.

„Nein“, sagte Opal, „Ich weiß es nicht mehr.“
Alabaster rückte seinen Rucksack zurecht. „Umso besser. Dann musst du nicht lügen, falls dich jemand erkennt.“

Das Gasthaus war mittlerweile so nah, dass sie Stimmen hören konnten. Ausgelassene Gespräche und fröhliche Musik von Fiddel und Flöte. Ohne sich nach Opal umzusehen, drückte Alabaster die Tür auf. Dicke warme Luft und der Geruch nach würzigem Eintopf schlug ihm entgegen. Einige Köpfe drehten sich zu ihnen um, als der kalte Wind für einen Augenblick in die Kneipe wehte und sobald Opal hinter ihm hineingeschlüpft war, schloss Alabaster die Tür schnell wieder hinter sich.
Die Köpfe wandten sich wieder ihren Gesprächen zu und keiner beachtete die beiden Gestalten, die nun an der Tür inne gehalten hatten.

Alabaster streifte sich die Kapuze vom Kopf und Opal tat es ihm nach. Sie wollten unentdeckt bleiben und es war ein offenes Geheimnis aller Straßenbanden und Diebesgilden, dass man unauffäliger war, wenn man ohne Angst sein Gesicht zeigte.
Mit aufmerksamen Blick musterte Alabaster die Gäste. Die Stimmung war ausgelassen und das Bier floss in Strömen. Die beiden Mägde, die zwischen den Tischen hin und her hasteten, kamen mit den Bestellungen nicht hinterher und der Wirt hinter der Theke war, wie es sich für einen guten Gastgeber gehörte, in gleich mehrere Gespräche gleichzeitig vertieft.

„Such uns einen Platz, ja?“, sagte er ohne Opal anzusehen und er spürte, wie ihr schmaler Körper von seiner Seite verschwand. Er selbst schob sich auf die Theke zu. Mit gespieltem Ungeschick schob er sich zwischen zwei der Gäste, stieß dabei einen Humpen an und kaltes Bier ergoss sich den Schoß des Gastes.

„Was zum …?“ Ärgerlich sprang der Mann auf. Ein dichter Bart zierte sein Gesicht und einige Silbersträhnen zogen sich bereits durch seine Haare. Er war kräftig gebaut, vielleicht ein Holzfäller.
Neugierige Köpfe wandten sich zu ihnen hinüber.
„Das tut mir schrecklich Leid!“, rief Alabaster und stellte den Humpen schnell wieder auf seinen angestammten Platz, „Wie ungeschickt von mir.“ Seine schnellen Finger fanden, was sie suchten. Das weiche Leder einer Geldbörse. Sie verschwand ohne ein Geräusch in seinem Wams.
Der Mann knurrte missmutig. „Schon gut, schon gut, Junge. Ich habe auch nicht aufgepasst.“ Mit einem Grunzen wandte er sich seinem nun halbleeren Humpen zu.
„Ich werde es wieder gutmachen“, versprach Alabaster und seine Stimme überschlug sich in gespielter Nervosität, „Wirt! Die nächste Runde dieses Herren geht auf mich.“
Der Mann nickte ihm dankend zu und wandte sich wieder seinem Gespräch zu. Alabaster sah aus dem Augenwinkel, wie er verstohlen nach seiner Geldbörse tastete und musste Grinsen. Ein schlauer Mann. Nur war der Mann auf Alabasters anderer Seite nicht so schlau gewesen. Dass sein Geld verschwunden war, würde er erst merken, wenn er nach einem durchzechten Abend bezahlen musste und dann wäre er betrunken.

Alabaster bestellte zwei warme Apfelmet und gesellte sich zu seiner Schwester an einen Tisch in der Ecke der Wirtshauses. Sie teilten sich den Tisch mit anderen Gästen, aber jeder war in sein eigenes Gespärch vertieft und man schenkte Alabaster und Opal kaum Beachtung.
Unter dem Tisch drückte Opal ihrem Bruder drei weitere Geldbeutel in die Hand und Alabaster ließ sie ebensfalls in seinem Wams verschwinden.
Die Geschwister prosteten sich leise zu und ließen den warmen Apfelmet seine Wirkung entfalten.

 


Was hältst du von Alabaster und Opal? Werden sie noch erwischt?

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5 Gedanken zu „Alabaster, Kapitel 1

  1. Klar werden die irgendwann erwischt, wenn nicht da dann woanders. Wäre auf jeden Fall ein gewisses Konfliktpotenzial. Bescheiden scheinen die beiden auf jeden Fall nicht zu sein. Eine Geldbörse hätte es auch erstmal getan. XD

    1. Ich will ja nicht Spoiler, also werde ich dir nicht sagen, ob du mit deiner Vermutung richtig liegst 😉

      Und nur eine Geldbörse?! Wo kämen wir denn da hin? 😛 Es muss sich ja auch lohnen!

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