Der Erzähler und die Erzählperspektiven

Als ich gehört habe, dass Kazuo Ishiguro 2017 als erster Fantasyautor einen Literaturnobelpreis bekommen hat, musste ich mir direkt ein Buch von ihm kaufen. Geworden ist es Der begrabene Riese (veröffentlicht 2015 im Heyne Verlag) und schon beim ersten Satz ist mir der Erzähler aufgefallen:

„Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht.“ – S. 9

Ich hoffe, du hast es auch gemerkt: Der Leser wird direkt im ersten Satz angesprochen.

Das hat mich überrascht, denn normalerweise lese ich Bücher, in denen die Stimme des Erzählers kaum (oder nie) zu hören ist. Deswegen wollte ich mich einmal hinetzen und mich (zur Auffrischung) mit den verschiedenen Erzählperspektiven auseinandersetzen.

Der auktoriale Erzähler

Der auktoriale Erzähler oder allwissende Erzähler ist relativ selbsterklärend. Er ist allwissend. Er weiß, was alle Charaktere zu jedem Zeitpunkt denken und fühlen, er weiß alles über ihre Vergangenheit und ihre Zukunft und kommentiert oft das, was gerade geschieht. Dabei erzählt er meist von außen, also aus der Er-/Sie-Perspektive, was gerade mit den Figuren passiert.

Außerdem kann er den Leser direkt ansprechen. Ob man das mag oder möchte, ist eine sehr subjektive Entscheidung.

Trotzdem ist der auktoriale Erzähler nicht mit dem Autoren gleichzusetzen, sondern man sollte ihn betrachten als eine Art allwissendes Wesen, das aber auch seine eigenen Wertungen und Meinungen in die Geschichte einfließen lassen kann (die sich von denen des Autors unterscheiden können, aber nicht müssen.)

Inzwischen ist diese Art des Erzählens ein wenig veraltet und kommt nur noch selten in Büchern vor.

Der personale Erzähler

Der personale Erzähler erzählt aus der dritten Person Singular (also Er oder Sie) und steckt in einer Person fest. Er kann nur beschreiben, was diese Person sieht, fühlt und denkt und kann über die anderen nur Vermutungen anstellen.

Der große Vorteil beim personalen Erzählen ist, dass es sehr persönlich ist. Der Leser bekommt eine Figur, mit der er sich identifizieren kann und lernt sie auf genauste Weise kennen. Ein Nachteil ist allerdings, dass der Leser nur weiß, was die Figur auch weiß und somit der Spielraum für die Geschichte etwas begrenzt ist.

Oft wird der personale Er-/Sie-Erzähler mit einer wechselnden Perspektive kombiniert.

Die wechselnde Perspektive

Die wechselnde Perspektive ist relativ selbsterklärend: Der Erzähler wechselt im Laufe der Geschichte. Dabei ist es üblicher, dass man mehrere personale oder Ich-Erzähler hat, als zwischen den verschiedenen (auktorial, personal, Ich und neutral) hin und her zu springen. Möglich ist es natürlich trotzdem.

Das wichtigste bei einem Wechsel ist, dass du den Leser entsprechend darauf vorbereitest und ihn nicht mit einem plötzlichen Wechsel verwirrst.

Der Ich-Erzähler

Noch etwas eingeschränkter als der personale Erzähler ist der Ich-Erzähler, der aus der Perspektive einer Person in der Ich-Form schreibt.

Vorteile und Nachteile dieser Erzählweise überlappen sich mit dem personalem Erzähler, wobei der Ich-Erzähler es ein wenig leichter hat, eine emotionale Bindung mit den Lesern herzustellen. Schließlich liest sich das Buch so, als würde der Leser es selbst erleben. Dennoch ist es wichtig zu wissen, dass viele Leser diese Art von Erzähler nicht mögen, gerade weil sie sich durch das „Ich“ genau in der Geschichte fühlen.
Wenn dein Erzähler nämlich Entscheidugnen trifft, die dein Leser niemals treffen würde, dann fühlt sich dein Leser schnell aus der Geschichte gerissen.

Du siehst also: Eine zu starke emotionale Bindung zu deinem Perspektivträger kann auch Nachteile haben.

Der neutrale Erzähler

Der neutrale Erzähler ist wohl die ungewöhnlichste Form des Erzählens und ist mir, soweit ich mich erinnern kann, noch nie in einem Buch untergekommen. Er ist ein stummer, außenstehender Beobachter, der nur berichten kann, was er sieht und hört. Dabei ist er weder wertend noch kommentiert er in irgendeiner Weise. Man kann es sich am ehesten vorstellen, wie ein Theaterstück, bei dem man ein unbeteiligter Zuschauer ist.
Diese Perspektive eignet sich besser für wissenschaftliche Texte oder Berichte, als für eine fiktive Geschichte.

Anderes

Es gibt auch noch andere, ungewöhnlichere Erzähler, wie den Du-Erzähler. Diese Perspektiven haben allerdings noch keinen Anklang in der breiten Masse gefunden und lassen sich nur sehr seltsam lesen. Deswegen lasse ich sie aus dieser Auflistung raus.

Jede dieser Erzählperspektiven hat seine Vor- und Nachteile und welche du für eine Geschichte wählst, solltest du dir gut überlegen. Denn ähnlich wie die Kameraeinstellungen im Film wirken auch die verschiedenen Erzählperspektiven unterschiedlich auf den Leser.

 


Welche Erzählperspektive liest du am liebsten? Und in welcher schreibst du am liebsten?

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2 Gedanken zu „Der Erzähler und die Erzählperspektiven

  1. Danke für die kleine Auffrischung. Die Bezeichnung von dem Allwissenden Erzähler war mir etwas entfallen.
    Ich bin ein Fan vom Ich- Erzähler. Da lasse ich mich am meisten von der Geschichte hinreißen. Wobei wechselnde Erzähler auch nicht zu verachten sind. Aber bitte dann nicht jede Situation aus zwei Sichten, das finde ich langweilig. Sondern bitte immer fortschreitende Erzählungen.
    Ich werde gleich mal bei meinem heutigen Buch drauf achten, welchen Erzähler ich habe.
    LG Kerstin

    1. Ich mag den wechselnden personalen Erzähler am liebsten. Da kann man dann nämlich so schön mit den Sichtweisen spielen, dass der Leser ein (fast) vollständiges Bild von dem Geschehen hat und die Figuren eben im Dunkeln tappen. Aber ich stimme dir vollkommen zu: Die Geschichte muss auf jeden Fall fortschreitend sein!! Ansonsten wird das sehr schnell langweilig.

      Und ich muss zugeben, dass ich kein allzu großer Fan des Ich-Erzählers bin. Da finde ich diese einzelne Sichtweise oft zu limitiert und würde gerne wissen, was woanders noch passiert, oder was andere Personen denken. Aber deswegen mag ich wohl den wechselnden Erzähler ^^

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