„Bist du noch da?“

Mir war nach einer ganz besonderen Art von Geschichte. Ich will euch noch nicht einmal das Genre verraten, denn das würde schon etwas vorwegnehmen. Also lehnt euch zurück und entspannt euch.

Viel Spaß beim Lesen.

„Bist du noch da?“

Dicke Regentropfen prasselten vom Himmel, durchnässten ihre Kleidung und ließen den eisigen Wind noch kälter wirken, als er es tatsächlich war. Laura fröstelte und tastete sich weiter vorwärts. Die linke Hand behielt sie stets an den schroffen Felsen, die ihr eine gewisse Sicherheit versprachen, obwohl das Regenwasser sie glitschig gemacht hatte. Ein Blitz erhellte für einen Sekundenbruchteil die Umgebung.
Doch selbst das gleißende Licht konnte den tiefen Abgrund zu ihrer Rechten nicht erleuchten. Sobald das Licht erloschen war und der grollende Donner die Berghänge hinabrollte, griffen die Schatten wieder mit dunklen Fingern nach Lauras Füßen.

„Bist du noch da?“, fragte Laura über ihre Schulter und ihre Stimme zitterte.

„Ich bin noch da“, klang Piets dunkle Stimme zurück und Laura entspannte sich kaum merklich.

Sie kämpfte sich weiter voran. Laura setzte jeden Schritt mit Bedacht, verharrte dann einen Moment, um sicher zu sein, dass sie nicht plötzlich den Halt verlor und schob sich dann vorwärts. Wasser rann aus ihren Haaren und lief ihren Nacken hinunter, es tropfte von ihrem Rucksack. Ihr war so kalt, dass ihre Muskeln bei jeder Bewegung schmerzten, doch sie schob sich weiter.
Die Berge waren gefährlich. Nicht nur die schmalen Pfade, trügerischen Winde und tiefen Abgründe. Es gab auch Wegelagerer, Raubkatzen, Irrlichter und bestimmt noch andere viel gefährlichere namenlose Wesen, von denen kein Reisender je berichtet hatte.

Vor Laura hüpften einige lose Steine den Berghang hinunter und dann in den Abgrund hinab. Im rauschenden Regen machten sie kein Geräusch. Laura blinzelte nach oben. Ein Schatten! Sie blieb wie angewurzelt stehen und hielt Piet mit einer Armbewegung zurück. Der Schatten bewegte sich nicht. Hatte er sie schon entdeckt? Sie spürte Piets warmen Körper in ihrem Rücken. Ein Blitz.
Es war nur ein Felsvorsprung. Laura schloss für einen Moment die Augen und zwang ihr klopfendes Herz in einen ruhigeren Rhythmus. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Pfad zu. Sie musste sich konzentrieren.

„Bist du noch da?“, fragte sie.

„Ich bin noch da“, antwortete Piet gewissenhaft.

Der unerfahrene Wanderer hätte wohl vermutet, dass der vorderste Platz beim Reisen der gefährlichere war, aber Laura und Piet wussten es besser. Gerade in kleinen Gruppen geschah es häufig, dass sich der Führer umdrehte, nur um zu bemerken, dass er alleine war und alle seine Freunde geraubt worden waren.
Laura anführen zu lassen, war eine berechnende Entscheidung gewesen, denn so hatte Piet sie stets im Blick und Laura versicherte sich mit ihren regelmäßigen Nachfragen, dass Piet sie nicht alleine gelassen hatte.

Donner grollte wie ein ungebändigtes Tier.

„Bist du noch da?“, fragte Laura. Wenn es jemand schaffen würde, Piet lautlos zu stehlen, dann wäre es während eines Donners.

„Ich bin noch da“, sagte Piet.

Sie mussten nicht mehr weit gehen. Laura kannte die Berge gut. Noch einen halben Kilometer vielleicht und dort war eine Höhle in der schroffen Felswand, hineingefressen von der Zeit. Dort würden sie ein Feuer machen können und sich aufwärmen. das Feuer würde auch die bösen Geister fernhalten.

Ein Blitz. Ein Donner.

„Bist du noch da?“

Stille. Laura blieb stehen und kalte Angst erfasste ihren Brustkorb. Sie sah über die Schulter. Dort war Piet, in seinen durchnässten Mantel gehüllt, und setzte konzentriert einen Fuß vor den anderen. Er hatte sie wohl nicht gehört.

„Piet?“, fragte sie lauter.

Piet sah fragend auf. „Ich bin noch da“, sagte er.

Laura nickte. „Es ist nicht mehr weit, dann sind wir bei der Höhle.“

Er nickte wortlos zurück und Laura setzte ihren Weg fort. Nun gelang es ihr nicht mehr ihr Herz zu beruhigen. Eisige Kälte kroch ihren Rücken hinauf. Die Haare in ihrem Nacken stellten sich auf. Sie schlang den nassen Mantel enger um sich. Sie brauchte ein Feuer.

Ein Fuß vor den anderen. Blitz und Donner.

„Bist du noch da?“

„Ich bin noch da.“

Noch eine Biegung und dann hätten sie die Höhle erreicht. Ein Blitz. Ein Donner.

„Bist du noch da?“

„Ich bin noch da.“

Laura schlüpfte in die Höhle und striff sich den Mantel ab. Es war kalt, aber Wärmen tat der Mantel sie auch nicht. Piet trat hinter sie hinein. Er musste sich bücken, um durch den Eingang zu passen.
Laura lächelte erleichtert und ließ ihren Rucksack zu Boden gleiten. „Wir haben es geschafft!“, seufzte sie.

„Ich bin noch da“, sagte Piet.

Die Kälte in Lauras Rücken kroch hinauf in ihren Nacken.

„Ich bin noch da“, sagte Piet und nahm die Kapuze ab. Ein Blitz. Gelbe Augen.
Das war nicht Piet.

Piets Lippen teilten sich und spitze Zähne glitzerten in der Dunkelheit. „Ich bin noch da“, sagte das Wesen mit Piets Stimme. Donner.

„Ich bin noch da.“

 


*grusel* Ich hoffe, es hat euch gefallen.Das ist so eines meiner absoluten Horrorszenarien. Wann wurde Piet ersetzt? Was meint ihr?

Ein Danke an @Kaisu_schreibt für die Namen.

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6 Gedanken zu „„Bist du noch da?“

  1. Ich denke, er wurde ersetzt, als sie noch mal nachfragen muss. Der Schatten hat sie beobachtet und dann auf den richtigen Moment gewartet.
    Also hier: „Stille. Laura blieb stehen und kalte Angst erfasste ihren Brustkorb. Sie sah über die Schulter. Dort war Piet, in seinen durchnässten Mantel gehüllt, und setzte konzentriert einen Fuß vor den anderen. Er hatte sie wohl nicht gehört.“

    Mir ist echt ein Schauder über den Rücken gekrochen. Soviel zur Entspannung vom Anfang…
    Gefällt mir aber ansonsten richtig gut! Man wird Mitten in die Handlung geworfen und hat absolut keine Ahnung, was einen da so erwartet. Allerdings frage ich mich, wieso zur zugefrorenen Hölle die beiden da überhaupt rumturnen, wenn sie doch wissen, dass da sonstwas für Kreaturen hausen. O_O Laura muss da ja schon öfter gewesen sein, aber wieso setzt sie sich dann so einer Gefahr aus?

    1. Das ist das gute an so kurzen Geschichten: Man muss sich (zum Glück) keine Gedanken um den Kontext machen und kann deswegen einfach Personen in eine Situation schmeißen, in der sie normalerweise nicht wären 😉

      (Und du hast Recht: Es ist zumindest so gedacht, dass er ausgetauscht wurde, als er ihr nicht sofort geantwortet hat.)

      1. Das stimmt natürlich. Jetzt hast du mich motoviert, auch mal eine Kurzgeschichte zu schreiben. Ich mache mir nämlich immer um alles Gedanken und schaffe es deswegen nie, dass die Geschichte wirklich kurz bleibt. 😀

        1. Das ist eben das Gute an Kurzgeschichten: Man kann viel weglassen und sie sind schnell geschrieben 🙂
          Viel Spaß dabei! Ich bin gepannt, was bei dir herauskommt!!

    1. Danke <3 Ich muss auch sagen: Ich bin ziemlich stolz auf die Geschichte und hab mich beim Schreiben selbst etwas gegruselt... Deswegen schreibe ich so selten Horror. Bin einfach ein viel zu großer Schisser 😀

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