Die Geschichten von Büchern und Videospielen – Wo ist der Unterschied?

Mir ist vor Kurzem eine neue Geschichte eingefallen und da habe ich sofort gedacht: „Die würde doch perfekt in ein Computerspiel passen!“. Dann habe ich einen Moment innegehalten und mich gefragt, warum ich mir dabei so sicher war.
Warum eignet sich diese Geschichte für ein Computerspiel und nicht als Buch oder Kurzgeschichte?
Wo ist der Unterschied?
Und was sind die Gemeinsamkeiten von Computerspielen und Büchern?

[Ein kleiner Disclaimer: Meine Aussagen beziehen sich auf Spiele, die tatsächlich eine Geschichte haben. Arcade-Spiele, Rennspiele, Tycoons und Ähnliches bleiben bei meiner Diskussion außen vor. 🙂
und Spoilerwarnung für Uncharted – A Thief’s End]

Die Gemeinsamkeiten

Struktur
Der Aufbau von Büchern und Videospielen ist oft sehr ähnlich. Am Anfang werden Charaktere und Konflikte eingeführt, dann kommt es aus dem einen oder anderen Grund zu einer Eskalation und arbeitet auf einen Spannungs-Höhepunkt zu (meist gegen Mitte oder nach zwei Dritteln der Handlung). Nach dem Höhepunkt verlangsamt sich die Handlung und der Protagonist entwickelt einen (neuen) Plan, um gegen den Antagonisten zu handeln. Am Ende gewinnt oder verliert er spektakulär und die Geschichte ist beendet.

Ein oder wenige Protagonisten
Wie in einem Buch, muss man sich auch bei einem Spiel, mit dem zu spielenden Charakter identifizieren können. Das braucht eine gewisse Zeit und deswegen bleibt man normalerweise bei einem Protagonisten. Ab und zu gibt es Sequenzen, in denen man für kurze Zeit in die Schuhe eines Nebencharakters schlüpft, aber die sind meistens kurz. Spontan fallen mir da ein:
Uncharted – A Thief’s End, wo man für kurze Zeit Sam Drake (Nathan Drake’s Bruder) spielt, der aus einem Gefängnis ausbricht, oder
Assassin’s Creed (vor allem in den früheren Titeln), wo man die Hauptgeschichte immer wieder verlässt und außerhalb des Animus Aufgaben zu erledigen hat.

© Sony Interactive Entertainment Europe

„Erzähler“
Der Erzähler ist in Videospielen eine interessante Sache, weil man die Geschichte ja selbst erlebt, deswegen könnte man Argumentieren, dass man der eigene Erzähler ist.
Ich würde allerdings sagen, dass man ein Spiel grundsätzlich anders erlebt, je nachdem wie die Kamera eingestellt ist. Die Kamera ist in diesem Fall vergleichbar mit der Erzählperspektive. Dritte Person und man sieht den eigenen Charakter immer noch im Bild (z.B. Tomb Raider, The Last of Us) oder erste Person und man sieht aus den Augen seines Charakters (beliebige Ego-Shooter, aber auch viele Horrorspiele). Die Kameraführung ist ein Stilmittel, wie die Erzählperspektive in einem Buch, das zum Erlebnis der Geschichte beiträgt.

Besonders interessant wird es in Videospielen, wenn man einen nicht verlässlichen Erzähler hat. Man denke an Amnesia, wo sich die Wahrnehmung verändert, je wahnsinniger man wird. Oder wieder Uncharted – A Thief’s End, wo die gesamte Sequenz mit Sam Drake erlogen ist.

Eigene Welten
Oft werden, vor allem im Abenteuer-, Fantasy- und SciFi-Genre eigene oder komplett neue Welten entwickelt. Die sich zwar visuell einfacher darstellen lassen als auf dem Papier, aber die Arbeit ist dieselbe. Ein Spiel mit wahnsinnig tollem World-Building ist zum Beispiel Dishonored. Da möchte ich gar nichts vorwegnehmen, sondern nur einmal anmerken: Ähnlich wie in einem Buch trägt gutes Worldbuilding zu einer wundervollen Stimmung bei und kann sogar eine durchschnittliche Geschichte zu etwas ganz besonderem machen.

Fragestellung
Jedes Videospiel mit einer guten Geschichte hat auch eine zugrunde liegende Fragestellung bzw. ein Thema, das es zu erforschen gilt. In Watchdogs geht es um Überwachung und den Informationskrieg und in Uncharted – A Thief’s End um Familie. Die Themen werden natürlich spannend verpackt und oft noch nicht einmal so deutlich vorgestellt, wie in Watchdogs oder Uncharted, aber sie sind essentiell.
Wenn du schon einmal ein Buch oder Videospiel weggelegt hast und dir etwas gefehlt hat, obwohl die Geschichte eigentlich gut war, dann liegt es meistens an einem unklaren Thema.

 

Die Unterschiede

Erleben vs Interagieren
Ein Buch ist eine Geschichte, die bereits geschrieben ist und sie steht fest. Die Seiten sind gedruckt und ändern kann man daran nichts. In Videospielen kann das anders sein. Gerade in den letzten Jahren haben zum Beispiel die TellTale Spiele (The Walking Dead, The Wolf Among Us, Game of Thrones etc.) die Entscheidungen des Spielers in den Mittelpunkt gerückt und sogar große Titel bieten nun oft mindestens ein „gutes“ und ein „schlechtes“ Ende. Das kann schief gehen (siehe Mass Effect Andromeda), aber dennoch:
In Spielen hat man mindestens das Gefühl aktiv an der Geschichte beteiligt zu sein. In Büchern bleibt man Zuschauer.

Visuelles Medium vs. Kopfkino
Ob man eine fertige Welt zum Anschauen bevorzugt, oder sich lieber alles selber vorstellt, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich kann die positiven Aspekte in beidem sehen.
Das Kopfkino ist natürlich wunderbar für die Kreativität, es regt den Geist an und man kann seiner eigenen Vorstellung freien Lauf lassen.
Wenn dir eine fertige Welt präsentiert wird, dann gelangst du in den Genuss etwas zu betrachten, das einem anderen Kopf entsprungen ist, mit Orten, die dir vielleicht im Leben nicht eingefallen wären. Du lernst fremde Sichtweisen und wirst vielleicht von ihnen verzaubert. (Ich denke da zum Beispiel an The Last Guardian.)
Beides ist auf andere Art und Weise toll.

© Sony Interactive Entertainment Europe

Meine Geschichte.

Deswegen eigenet sich meine neue Geschichte eher als Videospiel. Ich will aktive Entscheidungen des Spielers provozieren. In einem Buch könnte ich zwar die Denkanstöße geben, aber der Ausgang wäre vorbestimmt. Ich will die Freiheit des Spieles ausnutzen.

Ich werde etwa alle zwei Wochen ein Update zu den Fortschritten in meinem Spiel geben. Dabei erkläre ich, worum es gehen wird, wie ich Charaktere designe und hoffentlich noch einige interessante Artikel mehr.

 


Was denkst du? Fallen dir noch weitere Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen den Geschichten von Büchern und Videospielen ein?

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