Vier Märchen für den Advent – Die Piraten-Königin

Frohe Weihnachten alle zusammen! 🙂

Es ist der vierte Advent und Heilig Abend und es ist außerdem Zeit für mein viertes Adventsmärchen. Wir hatten schon ein klassisches, ein tragisches und ein satirisches … Was bleibt denn da noch übrig? Vielleicht ein ungewöhnliches? Auf jeden Fall wird es so ganz und gar nicht weihnachtlich. Mal sehen, wo mich mich die Feder hinträgt!

Viel Spaß beim Lesen.

 

Die Piraten-Königin

Es war einmal eine junge Prinzessin namens Allora. All ihre Geschwister waren älter als sie und mochten es zu fechten und zu reiten, zu tollen und zu toben. Der König war stolz auf seine Kinder und ihren Mut und ihre Tatkräftigkeit und vor allem darauf, dass sie alle stets gesund gewesen waren. Deshalb schämte er sich für Allora, die mit nur einem Bein geboren worden war, und sperrte sie weg, auf dass niemand seine Schande jemals zu Gesicht bekommen sollte.
Allora wanderte durch die Gänge des Schlosses, eine Hand stets an der Wand, um die Balance zu halten. Ihr war immer einer der Diener dicht auf den Fersen. „Zu ihrem eigenen Wohl.“ und „Falls sie stürzte“, sagte ihr Vater, aber Allora kannte die Wahrheit. Der Diener sollte sie aufhalten, falls sie sich zu weit Richtung Balkon oder Garten hinauswagte. Niemand sollte jemals von ihr erfahren. Allora seufzte kaum merklich und hüpfte weiter den Gang entlang. Aus der Ferne tönte das vergnügte Treiben der Stadt an ihre Ohren. 
Ihre Fingerspitzen strichen über die rauen Wände. Riesige Gemälde schmückten sie zu beiden Seiten. Ihre Vorfahren. Alle mit zwei Beinen. Allora seufzte erneut.
Das Geschrei in der Stadt wurde lauter. Vielleicht war Markt. Sie trat durch eine breite Tür und sog für einen Moment die Luft ein. Altes Pergament und dicke Ledereinbände. Ein verhaltenes Lächeln stohl sich auf ihre Lippen. Die Bibliothek war der einzige Ort, an dem sie wirklich frei war. Sie konnte entkommen in fremde Welten und sie konnte jemand ganz anders sein. Vielleicht sogar eine Heldin. Eben alles, was sie mit einem Bein nicht sein konnte.
Ein lautes Donnern erschütterte die Burg. Allora spürte den Boden unter ihrem Fuß beben und sie ging erschrocken in die Knie. Was war das?
Der Diener schaute sich ängstlich um.
„Frau Allora, vielleicht sollten wir …“, begann er und wurde von einer gewaltigen Explosion unterbrochen. Eine Kanonenkugel zerfetzte die Steinwand der Bibliothek und donnerte durch die Bücherregale, als wären sie gar nicht vorhanden. Allora schrie und ließ sich auf den Boden fallen. Steinbrocken flogen durch den Raum, Regale stürzten krachend in sich zusammen. Sie spürte Blut ihre Stirn hinabfließen. War sie getroffen worden?
Betäubt sah Allora auf. Die Sonne fiel durch das gewaltige Loch in der Mauer und für einen Augenblick vergaß sie die Gefahr in der sie schwebte. Da war der Himmel. Blau, gefleckt mit hellen Wolken. Saftgrüne Blätter wehten ihm Wind. Das Gras. Staub wirbelte durch die Luft. Allora richtete sich auf. Geduckt schob sie sich der Wand entgegen.
Menschen schrien, Waffen klirrten, aber für sie war es still.
Da war nur sie und das Draußen. Sie wollte die Sonne auf ihrer Haut spüren.
„Frau Allora! Bleiben Sie stehen!“, rief ihr Diener hinter ihr her. Allora wandte sich noch nicht einmal zu ihm um. Dort draußen war ihre Freiheit und sie musste nur nach ihr greifen.
Eine Gestalt trat in das Loch. Allora erstarrte. Abgegriffene Kleidung, ein langer Säbel, sonnengebräunte Haut, ein breites Ginsen. Es war zu spät um zurückzuweichen. Der Mann schlug Allora mit dem Griff seiner Waffe gegen den Kopf. Das letzte, das sie hörte, war der entsetzte Aufschrei ihres Dieners.

Der Boden unter Allora schwankte. Sie schmeckte Salz auf den Lippen, sie hörte das Schlagen von Wasser, Wellen. Das Geschrei von Möwen. Sie schlug die Augen auf.
Die grelle Sonne blendete sie.
„Du bist endlich wach“, sagte eine raue Stimme neben ihr. Allora sah zur Seite. Es war der Mann, der sie bewusstlos geschlagen hatte. Er grinste sie von der Seite an. „Willkommen auf der Seeadler, meine Liebe.“
Piraten.
Allora hatte von ihnen gelesen. „Ihr werdet kein Lösegeld für mich bekommen“, sagte sie leise. Der Mann lachte laut auf. „Das wissen wir doch schon lange. Sieh dich doch an.“
Allora wandte sich ab, sie spürte wie ihre Wangen brannten.
„Kein Grund sich zu schämen. Deswegen haben wir dich geholt.“
Allora drehte den Kopf zurück zu dem Mann.
„Weswegen?“
Er nickte zu ihrem Bein. „Deswegen. Wir haben von einer Prinzessin gehört, die so ist wie wir.“ Er kratzte sich am Kopf. Seine Hand war ein Haken. „Und da haben wir uns gedacht, dass wir adelige Unterstützung gebrauchen können. Unser Wort hat wenig Gewicht bei den Königen dieser Welt. Und du würdest … uns Legitimation verschaffen.“
„Ich soll euch helfen?“
„Du sollst uns anführen.“
Jetzt war es an Allora zu lachen. „Aber ich weiß doch nichts vom Piraten-Sein.“
Der Mann zuckte die Achseln. „Das kannst du lernen.“
„Und mein … Bein?“
Der Mann legte fast vorwurfvoll den Kopf schief. „Sind Piraten nicht bekannt für ihre Holzbeine? Es wird ein Leichtes sein, dir etwas Passendes zu basteln.“
Allora nickte langsam. „Und das ist alles?“
Der Mann nickte. „Das ist alles.“

Von diesem Tag an kreuzte Allora mit den Piraten die sieben Weltmeere. Sie verbrachte ihr Leben lang unter der freien Sonne, auf dem rauen Meer und war gefürchtet und geliebt zugleich.

 


« Adventsmärchen #3

Ich hoffe, euch hat dieses letzte Adventsmärchen gefallen. 🙂 Ich wünsche euch einen sehr entspannten Heilig Abend und eine schöne Weihnachtszeit.

Hättet ihr Lust auf eine Kurzgeschichte mit Allora und einem ihrer Abenteuer?

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