Vier Märchen für den Advent – Heiner von Dreien

Heiner von Dreien ist eine Figur, die meine Schwester und ich uns gemeinsam ausgedacht haben. Seine Existenz beruht auf einem einzigen (sehr schlechten) Wortwitz, der natürlich auch in diesem Märchen vorkommen wird. 😀 Wir sind leider nie dazu gekommen tatsächlich eine Geschichte für ihn zu schreiben, deswegen verwurste ich ihn jetzt in eines meiner Adventsmärchen 🙂

Ich hoffe, es gefällt!

 

Heiner von Dreien

Es war einmal ein edler Ritter, der den Namen Heiner von Dreien trug. Heiner war ein professioneller Prinzessinnenretter. Er rettete Prinzessinnen von Rostock bis München und von Bonn bis Dresden. Er erschlug Drachen, löste Rätsel, besiegte die Sphinx (viermal) und rettete sie sogar, wenn sie noch gar nicht wussten, dass sie Rettung benötigten. Heiner war ein wahrer Prachtkerl.
Doch Heiner hielt sich nicht an die wichtigste Regel: Nach einer gelungenen Rettung musste der Retter, die Prinzessin heiraten. Aber Heiner wollte nichts davon hören! Er rettete die Prinzessinen, brachte sie sicher nach Hause und zog aus, um die nächste Maid in Nöten zu finden. Und das sehr zur Schande der Prinzessinen, die sich oftmals erneut entführen lassen mussten, um einen passenden Ehemann zu finden. Nur um daraufhin wieder von Heiner gerettet zu werden.
Es war ein elender Teufelskreis.
Heiner von Dreien amüsierte sich köstlich. Er konnte rund um die Uhr Abenteuer erleben und ihm war der Wohlwollen aller Könige sicher. Nur leider war dieses Leben nicht von allzu langer Dauer. Die anderen Ritter wurden Heiner überdrüssig. Täglich schnappte er ihnen Prinzessinnen vor der Nase weg und nahm ihnen ihre Chance auf ein erfülltes Leben. Sie beschwerten sich so lange bei dem Kaiser, bis dieser schließlich handeln musste. Er zitierte Heiner von Dreien an seinen Hof.
Heiner, der (mit Recht) vermutete, dass schon wieder eine Prinzessin entführt worden war, folgte dem Ruf gerne. „Hochwohlgeborener Kaiser!“, rief Heiner schon von Weitem, „Welche eurer Töchter hat es diesmal getroffen? Wartet! Verratet es mir nicht! Es ist Hiltraut und sie wurde schon wieder von einem Drachen entführt. Ich werde mich sogleich auf den Weg machen und …“
„Heiner!“, unterbrach ihn der Kaiser, „Hiltraut ist nicht der Grund, warum ich dich herbestellt habe.“
„Oh, dann ist sie also wohlauf?“
Der Kaiser seufzte. „Nein, sie wurde vor einer Woche von einer Horde Piraten verschleppt, aber deswegen habe ich dich nicht gerufen.“
„Ist es wegen Geraldine?“
„Nein, nein. Die ist von einer Hexe in einem Turm gefangen und lässt sich gerade die Haare wachsen. Kein Grund zur Sorge also.“
Heiner war verwirrt. „Ist es eure jüngste Tochter? Die Dame Edeltraut?“
„Nein, um die geht es auch nicht. Die hast du doch erst vorgestern zurück in die Burg gebracht.“
Heiner warf sich stolz in die Brust. „Das habe ich tatsächlich. Eine Meisterleistung, wenn ich das behaupten darf.“
Der Kaiser nickte betrübt. „Wahrlich eine Meisterleistung… Hör mal, Heiner, es geht um dich.“
Heiner runzelte überrascht die Stirn. „Um mich, edelster Kaiser? Habe ich Edeltraut nicht unverletzt abgeliefert?“
„Oh, doch. Sie ist unverletzt und schwärmt Tag und Nacht von dir und deiner heldenhaften Rettung.“
„Ich habe auch nichts anderes erwartet.“
„Ich auch nicht, Heiner. Und deswegen musst du gehen.“
„Gehen, Herr Kaiser?“
„Ja, geh weg. Ich will dich nie wieder in einem meiner Königreiche sehen.“
„Aber Herr Kaiser!“
„Seit dem verfluchten Tag, an dem du deine erste Prinzessin gerettet hast, bist du nicht aufzuhalten, Heiner. Niemand im Adel konnte mehr heiraten. Heiner! Die Prinzessinnen veralten. So kann das doch nicht weitergehen!“
„Aber Herr Kaiser, ich …“
„Keine Widerrede, Heiner! Geh doch nach Frankreich. Die haben noch genug Prinzessinnen.“
Heiner war ein wenig vor den Kopf gestoßen, aber er war ein edler Ritter und edle Ritter tun, was auch immer von ihnen verlangt wird. Und so ging Heiner nach Frankreich.
Wie es edle Ritter tun, musste er sich zunächst dem Kaiser vorstellen. Zu Heiners Überraschung war französisch gar nicht so schwer zu lernen. Tatsächlich musste man nur Deutsch mit einem französischen Akzent sprechen und schon verstanden sie einen. Das da noch niemand drauf gekommen war.
Bald wurde Heiner vor den französischen Kaiser gelassen.
„Seid gégrüßt, ‚ochwohlgeborenér Kaisèr! Isch bin ‚einer von Drei-ön und isch bin gékommen, um éure Prinzéssinnen zu rétten!“, stellte sich Heiner vor und verbeugte sich tief.
Der französische Kaiser war verwirrt und schaute sich im Thronsal um. „Einer von Dreien?“, fragte er Heiner und dann noch einmal an seine Bediensteten gewandt, „Einer von Dreien? Wo sind die anderen zwei?“ Die Bediensteten zuckten nur ratlos mit den Schultern.
„Wie dem auf sei!“, sagte der König, „Ich bin froh, dass du dich gemeldet hast, denn wir haben tatsächlich ein Problem. Unsere Prinzessinnen haben all unsere Ritter gerettet und nun ist keiner mehr für meine Tochter übrig.“
„Äh…“ Heiner war verwirrt. Der Kaiser konnte ja doch Deutsch reden. Da hätte er sich gar nicht die Mühe machen müssen, eine Fremdsprache zu lernen. Er hatte allerdings keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn schon wurde er von einem gewaltigen Drachen geschnappt und davongetragen.
Leider konnte Heiner sich nicht wehren, denn er hatte bei der Entführung sein Schwert fallen gelassen, aber der Drache war nett. Er sorgte dafür, dass es Heiner gut ging und er es bequem hatte. Und Heiner musste auch nicht lange warten. Am Abend des zweiten Tages erschien eine Gestalt am Fuße des Turms, in dem er gefangen war.
„Ich bin Elodie, die jüngste Tochter des Kaisers und ich werde dich retten, Einer.“
„Heiner!“, korrigierte Heiner sie, aber das bekam sie schon gar nicht mehr mit. In einem Kampf, der seinesgleichen suchte, besiegte Elodie den Drachen und trug Heiner mit einem festen Griff um seine Hüfte aus dem Turm hinaus.
„Nun, Einer“, sagte Elodie und schob sich das Visier ihres Helmes hoch, „Dafür habe ich doch mindestens einen Kuss verdient.“ Und Heiner drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Elodie lachte. „Und schüchtern ist er auch noch, ach, wie süß!“
Und wie es die Tradition wollte, fand nur wenige Tage später ihre Hochzeit statt. Heiner war glücklich, denn er hatte eine Sache erkannt: Der Grund, warum er keine der geretteten Prinzessinnen heiraten wollte, war einfach. Er hatte zunächst selbst gerettet werden müssen.
Und so lebten Elodie und Heiner glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

 


Professioneller Prinzessinnenretter, wäre das ein Beruf für dich? Und hast du den schlechten Wortwitz gefunden? 😀

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