Vier Märchen für den Advent – Die Loreley

Die  Loreley fasziniert mich schon seit ich das erste Mal dieses Gedicht von Heinrich Heine gelesen habe. Eigentlich ist jede Figur, die in diese Richtung geht (Sirenen, Irrlichter, Kelpie etc.), wahnsinnig interessant. Vielleicht weil ich mich immer gefragt habe, wie es sich wohl anfühlen mag in ihrem Bann zu stehen. Und da bin ich in guter Gesellschaft, selbst Odysseus wollte die Sirenen hören.
Naja, da ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass ich eine Geschichte über die Loreley schreibe.

Ich hoffe, es gefällt. 🙂

 

Die Loreley

Es war einmal ein Fischer, der hatte sieben Söhne. Nun kam die Zeit, dass sie alt genug waren, sich eine Frau zu suchen. Es gab Erzählungen von einer wunderschönen Jungfrau, die sich auf den Klippen des Flusses niedergelassen hatte. Sie sollte Haar aus purem Gold haben und eine Stimme so lieblich, dass selbst die Vögel vor Scham verstummten.
Der älteste Sohn war stark und er zog aus, um sie zu seiner Frau zu machen. Sie warteten Wochen auf ihn, doch er kehrte nicht zurück. Der zweite Sohn war schön und er folgte in den Spuren des ersten Sohnes, aber auch er ward nie wieder gesehen. Der dritte Sohn war mutig und es scherte sich nicht, was mit seinen beiden Brüdern passiert sein mochte. Auch er verließ das Haus seines Vaters für immer. Der vierte Sohn war vorsichtig. Er packte ein scharfes Messer ein und Seile, um sich zu verteidigen und zu der Jungfrau hinaufzuklettern zu können. Als auch er nicht wiederkam, machte sich der fünfte Sohn auf den Weg. Er war arrogant. Er war sich sicher, dass seine Brüder nur unvorsichtig gewesen waren und Räubern in die Hände gefallen waren. Um diesen zu entgehen, nahm er sich das Schiff des Vaters. Auf seine Rückkehr warteten sie vergeblich. Der sechste Sohn war ängstlich und wollte diese Jungfrau nicht heiraten, waren doch fünf seiner Brüder nicht von ihr zurückgekehrt. Der Vater jagte ihn aus dem Haus und den Berg zu der Jungfrau hinauf.
Nach weiteren Wochen war keiner der Brüder zurückgekehrt, nur der Jüngste war noch übrig.
„Mach dir keine Sorge, Vater“, sagte der siebte Sohn, „Ich bin schlau. Mir soll gelingen, woran meine Brüder scheiterten. Ich werde die Jungfrau mit dem Haar aus Gold finden und sie zu meiner Frau machen.“
Und mit diesen Worten zog der siebte Sohn aus. Die Straßen waren ruhig und friedlich. Es gab keine Räuber, wie der fünfte Sohn befürchtet hatte.
Er kletterte die Klippen hinauf. Als er oben angelangt war, sah er sich um. Von so weit oben sah die Welt ganz anders aus. Der Fluss in der Tiefe war kaum mehr als ein dünnes Band, das sich durch die grüne Landschaft wand. Die Stadt war ein kleiner Fleck am Horizont. Doch dies war alles nicht von Belang, denn der siebte Sohn hörte den Gesang der Loreley.
Ihre Stimme wob sich durch die Luft und verzauberte seinen Verstand. Auf einmal war dort ein Wald auf der Klippe, den der siebte Sohn zuvor noch nicht gesehen hatte. Er trat zwischen die Bäume. Das Dunkel unter den Baumkronen machte ihm keine Angst, unter seinen Füßen knisterten die Blätter. Die Stimme der Loreley wies ihm den Weg.
Er kam an den Rand eines Sees und in der Mitte saß die Loreley. Ihre blasse Haut glitzerte im Sonnenlicht. Ihre Haare waren noch goldener, als er es sich hätte ausmahlen können. Sie lächelte ihn an.
„Du musst der siebte Sohn sein“, sang die Loreley, „Deine Brüder haben mir von dir erzählt.“
Wo sind sie?, wollte der siebte Sohn fragen, aber sein Mund blieb verschlossen.
Die Loreley senkte scheu den Blick und kicherte. Für einen Moment flackerte die Illusion. Sie saß auf einem Turm aus Knochen, blank genagt von ihren grässlichen Reißzähnen. Dann setzte die Illusion wieder ein.
„Komm zu mir“, lockte die Loreley, „Komm zu mir und ich werde deine Frau.“
Der siebte Sohn nickte.
Er trat den ersten Schritt in den See. Sein Fuß versank tief in dem Wasser und doch wurde er nicht nass. Er konnte den Blick nicht von der Loreley wenden. Sie war so schön. So unmenschlich schön.
Sie streckte eine Hand nach ihm aus. Es schien fast, als würden mehrere Stimmen aus ihrem Mund klingen. Eine wunderschöne lockende und tausende warnende, die zu einer vollkommenen Symphonie verschmolzen. Der siebte Sohn watete durch den See.
Erneut flackerte die Illusion. Er balancierte am Rand der Klippe. Der siebte Sohn sah auf. Die Hand der Loreley war kaum eine Armlänge von ihm entfernt. „Komm zu mir, mein Liebster“, sang die Loreley und er griff nach ihrer Hand. Mit einem Ruck zog sie ihn näher. Er war vereint mit seiner Liebsten, mit der Frau, die er ehelichen wollte. Und er würde ihr geben, was auch immer sie verlangte.
Die Loreley verzehrte ihn mit Haut und Haar und der siebte Sohn genoss jede Sekunde davon.
Es blieb nichts außer ein paar ein namenlose Knochen, die in einem Meer von ihnen verschwanden.

 


Kennt ihr noch andere Märchen, die schlecht ausgehen?

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2 Gedanken zu „Vier Märchen für den Advent – Die Loreley

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